Zeitung Heute : Börsenhändler zockte mit 50 Milliarden Euro

Französischer Banker hatte Computer manipuliert Imageschaden für die ganze Branche befürchtet

Henrik Mortsiefer Rolf Obertreis

Berlin/Paris - Nach dem milliardenschweren Handelsskandal bei der Großbank Société Générale bemüht sich Frankreich um Schadensbegrenzung. Präsident Nicolas Sarkozy warb am Freitag um Vertrauen in das Finanzsystem. Der „riesige interne Betrug“ bei dem zweitgrößten Geldhaus des Landes stelle die Zuverlässigkeit und solide Verfassung der Branche nicht infrage, sagte Sarkozy. Bei hochrangigen Bankern wächst dagegen die Sorge vor einem Imageschaden für die Finanzindustrie. Zudem wird gerätselt, warum die Bank den bislang größten Wertpapierhandelsskandal der Geschichte nicht verhindern konnte.

Der 31-jährige Wertpapierhändler Jérôme Kerviel hatte durch betrügerische Spekulation seiner Bank einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro beschert. Dabei bewegte er offenbar ein Volumen von rund 50 Milliarden Euro, das den Börsenwert der Traditionsbank um rund 15 Milliarden Euro überstieg und fast dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der Slowakei entspricht. Die Risikokontrolle der Bank umging er, indem er das Computersystem manipulierte und Spezialwissen aus früheren Tätigkeiten missbrauchte.

Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm vorläufige Ermittlungen auf. Die Bank erstattete gegen Kerviel Anzeige wegen Fälschung von Bankunterlagen und deren Nutzung sowie wegen Manipulation des Computersystems. Zudem ging eine Sammelklage von Aktionären gegen die Bank ein. Die Anleger wollen wissen, wie der Betrug, der im Februar 2007 begann, so lange unentdeckt bleiben konnte. Die Anwältin des Schwindlers erklärte, Kerviel stehe den Justizbehörden zur Verfügung und sei nicht untergetaucht. Unklar war, wann er verhört werden soll.

In Deutschland zeigten sich Politiker und Banker am Freitag überzeugt, dass ein ähnlicher Fall hierzulande kaum möglich sei. „Unsere Aufsicht ist so gut, dass so etwas in Deutschland im Grundsatz nicht passieren kann“, sagte Otto Bernhardt, finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dem Tagesspiegel. Der Ex-Bankvorstand betonte jedoch, dass im Falle von kriminellen Aktionen „jede Bankenkontrolle an ihre Grenzen stoße“ – auch die deutsche, die „international als hervorragend anerkannt“ sei. Banker zeigten sich überrascht über den französischen Betrugsfall. Die bankinterne Kontrolle sei hier offenbar zu lax gewesen. „Kaum ein Bereich wird in den Banken so überwacht wie der Handel“, sagte Peter Pietsch von der Commerzbank. Hundertprozentige Sicherheit könne es freilich trotz der besten Organisation und ausgefeilter Systeme nicht geben, gab Sabine Reimer, Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu bedenken.

Société-Générale-Chef Daniel Bouton entschuldigte sich am Freitag bei den Aktionären für die am Donnerstag bekanntgewordenen Verluste. „Ich kann ihre Enttäuschung und Wut gänzlich nachvollziehen. Diese Situation ist vollkommen inakzeptabel“, erklärte er in ganzseitigen Zeitungsanzeigen in den großen Blättern.

Börsianer, Gewerkschaften und Aktionärsvertreter hegen indes Zweifel an der Darstellung der Bank, es handle sich um einen „außergewöhnlichen Betrug“ eines einzelnen Händlers. Zentralbankchef Christian Noyer stellte sich dagegen hinter die These des Einzelbetrugs. Das Ausmaß des Schadens sei Zufall gewesen, sagte Noyer am Freitag dem Radiosender RTL. Ohne den Börsencrash vom Montag wäre der Verlust weit geringer ausgefallen. Einige Börsianer spekulierten, die überstürzte Reaktion der Bank habe den Crash mitverursacht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben