Zeitung Heute : Böses Blut

Nachbarn gegen Nachbarn, Muslime erschießen Thais – und die rächen sich. Im Süden Thailands herrscht Krieg

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Das Blut ist frisch und dick. In dunkelroten Lachen liegen ein paar Glasscherben auf dem Bürgersteig und auf der Straße. In der Ferne heulen Sirenen, Krankenwagen rasen mit den Verletzten davon. Bombensplitter haben die Metalltür des verwüsteten Reihenhauses und das blaue Auto auf der anderen Straßenseite durchlöchert. Ein Beamter mit weißen Handschuhen sichert Spuren, er steckt Metallstücke, Kleidungsfetzen und Draht in durchsichtige Plastiktütchen.

Es ist Mittwochmorgen. Ein heißer Mittwochmorgen in Pattani, Südthailand. Die Panare-Straße ist voller Menschen, trotzdem ist es fast still. Alle schweigen. Viele starren auf das Wrack des Mopeds. „Vorne war ein Korb angebracht, da lag die Bombe“, sagt ein Polizist leise. Die Reste des Mopeds liegen zwischen dem Bordstein und dem Militär-Lkw, der die Soldaten brachte, die sterben sollten. Die Windschutzscheibe hat sechs Einschusslöcher. „Alt. Ein anderer Vorfall“, meint ein Soldat knapp.

Auf der Ladefläche des Lkw schmilzt in einer offenen Kühlbox Eis, darunter liegen Fische. Die Soldaten hatten auf dem Markt eingekauft und danach im Straßencafé Tee getrunken. „Jemand stellte das Moped ab und ging. Kurz danach kam der Knall“, erzählt Dean Katraktorn, die Nachbarin, die überlebte. „Zum Glück ist auch meinen Kindern nichts passiert. Ich sage ihnen immer, sie sollen sich von den Soldaten fern halten. Die sind Zielscheibe.“ Wahrscheinlich wollten Benjawan und Nanthanit auch schnell weg, als sie neben dem Café aus dem Kopierladen kamen und die Soldaten sahen. Doch da ging die Bombe hoch und zerfetzte die beiden Frauen. Mit ihnen starb das Kind, das Benjawan in ihrem Bauch trug. Der Soldat Sutthilak hört im Krankenwagen auf zu atmen, fünf Kameraden und elf Zivilisten kommen durch.

Auf Thailands friedlichen Inseln Phuket und Samui liegen Touristen am Strand, 350 Kilometer südlich tobt Gewalt. In Pattani, Yala und Narathiwat, in drei Provinzen, die zusammen kleiner als Schleswig-Holstein sind. Im tiefen Süden des buddhistischen Königreiches lebt eine moslemische Minderheit. Früher lag hier ein islamisches Sultanat, das Königreich Pattani. Seit dem 14. Jahrhundert ist die Gegend umkämpft, 1902 siegte Thailand und annektierte das Gebiet.

Die Moslems sind keine ethnischen Thais, sondern Malaien. Sie sprechen Yawi, ihre eigene Sprache, und wollen dabei bleiben. Schließlich, sagen sie, stellen Malaien im Süden die 80-Prozent Mehrheit. Thailands Zentralregierung will jedoch, dass es im Süden so zugeht wie im Rest des Landes. Bangkok ernennt die Gouverneure, schickt Verwaltungsbeamte, Soldaten und Polizisten. Die Thais haben die Vorherrschaft und wollen kein Yawi lernen, hören oder sehen. Schließlich, sagen sie, stellen Thais im gesamten Staat die Mehrheit. Wegweiser, Orts- und Straßenschilder, Radio- und TV-Programme, Schulbücher und Formulare auf Amtsstuben sind auch im Süden fast ausschließlich auf Thai verfasst und den meisten Menschen dort fremd.

So schicken malaiische Eltern ihre Kinder lieber in islamische als in staatliche Schulen. „Wir wollen unsere Kultur und unsere Sprache retten. Doch Bangkok stört unser Erbe. Sie haben sich das Land genommen und verlangen nun auch noch Anpassung“, sagt ein junger Mann, der den bewaffneten Kampf richtig findet. Er unterstützt die Rebellen. Sie legen Bomben und erschießen oder enthaupten Männer, die etwas mit dem Staat zu tun haben: Soldaten, Polizisten, Beamte, Richter, Lehrer und sogar Angestellte der staatlichen Telefongesellschaft. Viele Opfer sind buddhistische Thais. Die Rebellen ermorden auch moslemische Malaien, alle, die sie für Verräter halten.

Nach der Stadtgrenze von Pattani sind auf der Schnellstraße nach Süden kaum Autos unterwegs. Links liegen dürre Reisfelder. Bald werden sie wieder satt grün sein, die Regenzeit beginnt, Bauern können ihre Felder bestellen. Rechts der Straße stehen in Reihe und Glied Kautschukbäume. Hinter der Plantage liegen die Berge, dicht bewachsene Hügel, über denen helle Wolken schweben. Südthailand ist schön. 1,8 Millionen Menschen leben hier, vom Land und vom Meer. Sie haben nicht viel, aber bettelarm sind sie nicht.

Bangkok hat die großen Schiffe zurückgerufen, die früher die lokalen Fischbestände dezimierten, hat Geld für Wirtschaftsentwicklung gegeben, für Strom gesorgt, gute Straßen gelegt und viele Schulen gebaut. Eine vernachlässigte Gegend sieht anders aus. Trotzdem schimpft Sui: „Die Regierung behandelt uns wie Bürger zweiter Klasse“, sie trägt Jeans, weiße Bluse und ein rotes Kopftuch. „Die Thais blicken auf uns herab, das spürt man einfach. Und Bangkoks Medien stellen den Konflikt so dar, als seien wir Moslems alle Unruhestifter.“

Suis Bruder wollte Sicherheit statt Gewalt. Er wurde Polizist und wagte es, sich als Moslem in den Staatsdienst zu begeben. Eines Abends kamen zwei Männer ins Haus. Sie schubsten Sui zur Seite, zogen Pistolen, schossen dem Bruder neun Mal in den Kopf und gingen wieder. „Wir vermuten, dass es Rebellen waren“, sagt Sui.

Wer diese Rebellen sind, will oder kann im Süden niemand sagen. Früher meldeten sich Separatistengruppen: Pulo, BRN-C, Permuda, GMIP und andere. Heute übernimmt niemand Verantwortung. Und niemand stellt politische Forderungen. Die Rebellion hat keinen Namen, keine bekannten Führer, kein Gesicht. Die Mörder kommen meist auf Mopeds. Sie schießen und fahren wieder weg. 40 000 Soldaten und Polizisten helfen nicht. Aber sie folterten und töteten Verdächtige, und so wurde die Kluft zwischen Staatsgewalt und Bevölkerung immer tiefer.

Vergangenes Jahr explodierten 264 Bomben, 551 Mal wurde Feuer gelegt. Seit 2004 kamen mehr als 1200 Menschen um. „Die meisten durch Angriffe von Rebellen, viele durch Gewalt von Sicherheitskräften und einige durch Morde mit kriminellem Hintergrund. So genannte Verräter wurden oft vor ihrem Tod mit Briefen oder Gesten gewarnt“, sagt Srisompob Jitpiromsri, ein Politik-Dozent an Pattanis Universität, der Daten sammelt. Jitpiromsri glaubt, dass die Rebellen langfristig einen unabhängigen Staat erkämpfen wollen. Ahmad Somboon Bualuang von der Nationalen Versöhnungskommission widerspricht: „Es geht um Gerechtigkeit, um Erhaltung einer lokalen Identität, die Bangkok zerstören will. Es geht nicht um Separatismus.“

Sechs Soldaten hocken mit ihren Maschinengewehren hinter Sandsäcken am Straßenrand. Auf dem Asphalt haben sie aus Holzgestellen und Stacheldraht eine Schikane errichtet. Autos müssen Schritttempo fahren. Keines wird angehalten, so wie an den meisten Kontrollposten. Die Soldaten bleiben lieber hinter ihren Sandsäcken, wo es sicherer ist. Zehn Kilometer westlich des Postens liegt das Dorf Muangtea. Es besteht aus ein paar Dutzend Häusern aus Holz und Wellblech. Sie stehen auf Stelzen, die Regenzeit bringt oft Flut. In Muangtea sind kaum Männer, viele arbeiten auf Plantagen im Nachbarland Malaysia, weil Arbeit in Südthailand rar ist. Nee Samae – weite Blümchenbluse, langer Rock, dunkles Kopftuch, Grübchen – hockt im Schneidersitz auf ihrer Terrasse. Sie sieht aus wie ein Mädchen. Sie ist 23 und Witwe mit zwei Söhnen. Der Große, Irfa, ist gerade drei geworden, läuft barfuß herum und fuchtelt mit einer Plastikpistole.

Der Kleine, Reduan trägt noch Windeln, wälzt sich am Boden. Er hat seinen Papa nie gesehen. Als die Mutter schwanger war, griff der Vater einen Polizeiposten an. „Er warf nur Steine“, versichert Nee, „Polizisten schossen in die Menge.“ Sie versteht nicht, warum ihr Mann Steine warf. Und auch nicht, warum so viele Menschen sterben. „Gestern lag hier eine Leiche am Straßenrand. Ein Mann aus dem Nachbardorf, wo die Buddhisten leben. Er kam herüber, um Eis zu kaufen. Ein netter Kerl. Er konnte sogar etwas Yawi sprechen, trotzdem haben sie ihm die Kehle durchgeschnitten. Ich weiß nicht, was das Morden soll. Wir haben doch immer friedlich zusammen gelebt.“

Der Tag vor einem guten Jahr, an dem Nees Ehemann starb, war der bislang blutigste im Süden. Vor Morgengrauen überfielen junge Männer in einer koordinierten Aktion Polizei- und Militärposten, fünf Sicherheitskräfte starben. Ihre Kollegen schlugen zurück und machten Jagd auf die Angreifer. 17 wurden gefasst und verhaftet. Sie hatten Glück. Vielerorts machten Soldaten und Polizisten keine Gefangenen, stattdessen erschossen sie 107 Männer. Auch alle 32, die in Pattani in die kleine Krue Se Moschee geflüchtet waren. Soldaten umzingelten das Gotteshaus und verhandelten neun Stunden lang. Vergeblich. Dann schossen sie so lange in die Moschee, bis sich darin niemand mehr regte. „Sie haben sogar aus einem Helikopter durch das Dach geballert, dort waren viele Schusslöcher“, erzählt Koleeyor, die sich am Tag nach dem Blutbad umschaute. Mittlerweile hat Bangkok die 400 Jahre alte Krue Se Moschee renovieren lassen, die Kampfspuren sind verschwunden. Vor dem Backsteinbau liegen Sandalen, drinnen beten gerade zwei Männer.

Mittag im Hauptquartier der Königlichen Thai Armee, die Kantine ist voller Soldaten, Oberst Jamlong Khunsong reicht die Schale mit dem Fisch. „Wir wollen nicht, dass Menschen sterben. Wir sind doch alle Thais“, sagt er, obwohl die Moslems Malaien sind. Über so genannte Umerziehungslager der Armee, etwa 20 soll es geben, mag der Oberst nicht sprechen. „Die Menschen müssten uns sagen, wer die Terroristen sind. Das passiert leider nur ganz selten. Der Feind hat keine Basislager, er ist verstreut und Teil der Dorfgemeinschaften. Das macht es uns so schwer.“ Khunsong glaubt, dass Gewalt von wenigen ausgehe und dass nur sie für Unabhängigkeit kämpfen. „Die friedlichen, also die meisten Moslems, wollen keine Unabhängigkeit. Warum helfen sie den Separatisten?“, fragt er sich.

Nun soll Deeskalation helfen. Einer der wenigen Moslems in der Armee wurde Kommandant im Süden, Militärärzte fahren herum und behandeln kostenlos Patienten aller Art. „Und so etwas wie Krue Se und Tak Bai darf nicht mehr vorkommen. Ich wünschte, wir könnten die Uhr zurückdrehen“, sagt Khunsong nachdenklich. Tak Bai ist der Küstenort vor der Grenze zu Malaysia, in dem Soldaten und Polizisten 1200 Demonstranten fesselten, wie Vieh auf Ladeflächen von Lkw trieben und dort stapelten. Die Fahrt zum Militärstützpunkt dauerte mehrere Stunden. Wer unten lag, erstickte – 78 Moslems.

„Ich lag oben und überlebte“, sagt Mamah Rekahbenama. 42 Jahre alt ist der hagere Mann, Bauer mit Frau und vier Kindern im Dorf Praiwan, nicht weit von Tak Bai. Vor seinem Haus zimmern Verwandte eine Bühne zurecht, am Wochenende heiratet Rekahbenamas Tochter. „Hoffentlich stört niemand die Feier“, sagt er. Vor Rebellen hat er keine Angst, vor Militärs große. „Als wir gestapelt in dem Lkw lagen, kamen von unten Hilfeschreie. Ein Soldat brüllte: Ich hasse euch schon lange, es ist Zeit zum Sterben!“

Die Sonne steht schon tief. Wer unterwegs ist, hat nur noch ein Ziel: sein Zuhause. Im Dunklen traut sich kaum jemand auf die Straße. Irgendwo werden Schüsse fallen. Woanders wird es brennen. Und vielleicht wird am Morgen eine Bombe explodieren.

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