Zeitung Heute : Bogotá, mi amor

Sie gilt als hässlich, als laut und gefährlich. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ein Tag im Leben der Hauptstadt von Kolumbien.

Roland Schulz

Wenn die Eindrücke frisch sind, knisternd noch und neu, wenn die Gerüche, die Geräusche, die Farben noch fremd sind, wenn eine Stadt, eben noch unbekannt, sich Schritt für Schritt, Straße für Straße, Erlebnis für Erlebnis zu erkennen gibt – was gräbt dann Furchen ins Gedächtnis? Der Sirenenschall längs der Siebten Straße, die schwarze Sense des bärtigen Engels, vor dem die Menschen das Kreuz schlagen, die Schwadronen bunter Busse? Die aus unbekannter Frucht aufgeworfenen Pyramiden auf den Karren der Straßenhändler? Die Augenblicke, in dem dunkle Wolken über den Gipfel des Monserrate dahinziehen, Regen in die Stadt tragend, in der noch die Sonne scheint, und in Bogotá ein paar schnelle Herzschläge lang beide Wetter herrschen, mit einem Regenbogen von Chapinero bis Ciudad Bolivar?

Sie sagen, Santa Fe de Bogotá sei das böse Haupt eines bösen Landes, aus dem Kaffee, Kokain und schlechte Nachrichten kommen, Raubmär und Mordsaga. Krieg in Kolumbien, zerrissen das Land und auch die Stadt. Und so zeigt sich Bogotá in der Tat – zerrissen und zwiespältig, in vielen kleinen Szenen, wie in den Splittern eines zerborstenen Spiegels, die am Boden liegen und blitzen und blinken, jeder einzelne eine Schau, alle zusammen ein Bild und doch wieder keins.

In den Stunden des frühen Morgens, wenn die Straßen im Zwielicht liegen, gehört die Stadt noch der seltenen Stille. Stumm warten die Straßen, leer und leise, nur der Wind geht. Bogotá dämmert. Die Stadt regt sich zuerst an ihren Enden, oben am Portal del Norte, tief im Westen am Portal de las Americas, und im weiten Süden, in Ciudad Bolivar.

Kessel schieben sich durch die Straßen, sie wären für Kannibalen geeignet, so groß sind sie. Auf Fahrräder gebunden, ziehen sie müde Menschen und Dampfschwaden hinter sich her, die nach Zimt duften. Sie stellen sich im Spalier die Einfallstraßen entlang oder an die Endstationen der Stadtbusse, Töpfe voller Tee und Tamales, in Palmblättern gedünsteter Maisteig. Sie warten. Die ersten Menschen, morgenklamm, wärmen sich wortlos am Tee.

Dann, es mag fünf sein oder halb sechs, flammen Zündhölzer auf, Zigaretten werden angebrannt. Die fliegenden Händler werden wach. Es ist so weit. Wie eine Welle rollt der Verkehr heran, Busse, busetas, colectivos, dazu flotas, micros und ejecutivos, sie haben eigens Wörter gefunden, um nur die Vielzahl der Busarten zu bezeichnen, die Tag um Tag über Bogotá hineinbrechen, vielfarbige Busse auf verwirrenden Routen, denen die Fahrer mit dem Geschick und der Gnadenlosigkeit von Jagdfliegern folgen.

Dazu kommen Heerscharen von Autos, Taxis, Motorrädern, Lastwagen und Geldtransportern, Kastenwagen und dazwischen immer wieder Pferdekarren. Es ist wie ein gewaltiger Treck. Die Stadt macht sich auf, sieben Millionen Menschen. Auf den Autopistas, auf der Avenida Caracas und der El Dorado ziehen sie hin, zu arbeiten, zu leben, einen Tag.

Bogotá ist grau wie der wolkenverhangene Himmel im Winter: grau die schäbigen, wie von Karies befallenen Häuser im Zentrum, die zum Weinen leer scheinen, grau die Straßen, die wie mit Runzeln überzogen sind, weil Beton und Pflasterstein unter zu vielen Tritten brachen, und grau auch die Menschen, die diese Straßen gehen. Dann ist es leicht, zu sagen, Bogotá sei hässlich.

Doch den zufriedenen Gedanken, ein Urteil schon erlangt zu haben, schrecken die nächsten Tage auf, wenn jeder Eindruck widerlegt wird. Bogotá, das ist gnadenloser Verkehr, doch auch ein Netz kilometerlanger Fahrradwege und die grelle Sauberkeit der Stadtbusse, im Jahr 2000 eingeführt, um den Wildwuchs des Verkehrs zu bändigen. Die Busse starten von gläsernen Bahnhöfen aus, mit Piktogrammen, bitte ohne Waffen zu reisen.

Bogotá, das sind Viertel in Verfall, doch auch die adrett aufgezäumten Reihenhäuser aus rotem Backstein im Norden, die so verhalten vornehm wirken wie die Strandpromenade eines englischen Seebades. Bogotá sind Bürgersteige, die sich pellen und Blasen werfen. Oft tut sich im Boden auch einfach ein Loch auf wegen eines gestohlenen Kanaldeckels. Dann gähnen dort Abgründe unbekannter Tiefe, die zu beseitigen niemand für notwendig hält, weil sie binnen Tagen schon mit Müll aufgefüllt sind. Doch Bogotá ist auch der Bombast von glitzernden Einkaufszentren, fußballfeldgroßen Luxusläden und Ansiedlungen voller Limousinen hinter bewachten Gittern. Bogotá, das sind abgerissene Gestalten im bösen Viertel von Santa Fe, verquollene Gesichter, stumpfe Augen, verletzte Menschen, immer geduckt, so betteln sie – und stöckelschuhbewehrte Frauen im feinen Rosales.

Und plötzlich sieht man die Farben der Stadt. Bogotá ist weinflaschengrün an den Hügeln im Osten, deren Wälder über die Stadt blicken, ist erdenbraun im armen Süden, stahlblau im reichen Norden, ist tintenschwarz wie der dunkle Marmor des Denkmals der gefallenen Soldaten und deckweiß wie die Universidad Nacional, deren Gebäude umso strahlender geweißt werden, je mehr Graffiti die Regierung verhöhnen. Bogotá ist lippenrot in den Luxusläden und sonnengelb in seinen Parks und manchmal, während der zwei Wetter, auch ein Regenbogen.

Wenn am Morgen die Welle kommt, spült sie das Leben in die Straßen. An den Ampeln jonglieren die Gaukler mit Feuer, Schwert und Keule, von Schubkarren herab werden Mangoschnitze, Ananasscheiben und Papayas angepriesen, es gibt die neueste Tageszeitung und das älteste Familienerbstück zu kaufen, die Schuhputzer rücken ihre Kästen in den Weg der dahineilenden Menschen, überall Menschentöne und Maschinenlärm, ganz Bogotá ist jetzt Krach und voller Bewegung.

Die Septima, die Siebte Straße, ist der Broadway Bogotás. Dort schieben sie Lautsprecher aus den Läden, um Kunden mit dem peitschendem Bass des Reggaeton oder den schmachtenden Akkordeons der Vallenatos zu locken. Mannshohe Hühner oder Clowns treten heraus, die Schnellrestaurants schicken sie, wohl weil sie meinen, es genüge nicht, den Geruch von glühender Holzkohle und gegrillten Hähnchen auf die Straßen zu fächeln, um Kunden zu fangen. Die Stadt entfaltet, offenbart sich.

Der Sirenenschall, der plötzlich die Septima hinaufjagt, zeigt nicht allein Krankenwagen an, sondern auch Geldtransporte, die hier von wuchtigen Panzerwagen mit wulstigen Reifen erledigt werden, begleitet von Motorradeskorten der Polizei. Die Vielfalt der Uniformen, so verwirrend anfangs, entschlüsselt sich als eine Aufrüstung des Aussehens: Schon die Kleider allein sollen der Aufgabe nachkommen, für Sicherheit zu sorgen. Die Parkplatzwächter in ihren scharfen Bügelfalten sehen aus wie Wachmänner, die privaten Wachmänner mit ihren Revolvern sehen aus wie Polizisten, die Polizisten in Kampfstiefeln und Barett wie Soldaten. Nur die Soldaten, die ihre Automatikgewehre im Arm tragen wie Mütter ihre Kinder, sehen auch aus wie Soldaten, wenn sie in Stahlhelmen durch die Straßen patrouillieren. Junge Männer, kaum erwachsen. Und es ist erleichternd, einen von ihnen verstohlen in sein Handy flirten zu sehen.

Wenn es Mittag wird, scheint die Stadt innezuhalten in ihrem Lauf. Der Verkehr schwillt ab, die Menschen schwärmen aus in die Fressbuden, die Grillläden, die Restaurants, und oben im Norden, am Park El Virrey, wo Bogotá baut und baut, beginnt die schönste Mittagspause der Stadt. Die rusos, Russen, wie die Bauarbeiter abschätzig genannt werden, treten in schweren Gummistiefeln auf die Straße, stellen aus Latten zusammengenagelte Tore auf und spielen inmitten des Verkehrs Fußball. Sie spielen um Sprudel, doch sonst ist alles ernst. Sie haben Schiedsrichter, eine kleine Liga, sogar einen Kommentator, der ihre Spiele laut und rasend schnell kommentiert.

Währenddessen wacht der bärtige Engel mit seiner schwarzen Sense, vor dem die Menschen das Kreuz schlagen, über dem Haupteingang des Zentralfriedhofs, und ihm zur Seite stehen wieder Wachmänner, denn in Bogotá brauchen selbst die Toten Schutz. Dahinter sitzen die Priester, die in ihren schwarzen Röcken aussehen wie unheilvolle Raben. Ein halbes Dutzend Pfarrer, das Messbuch schon aufgeschlagen, Handys in der Hand, zu Füßen Weihwasserwedel in Krügen. Sie warten auf Kundschaft. Sobald sich eine Familie nähert, ihrer Toten zu gedenken, setzen sich die Priester sachte in Szene, ordnen Blicke und Ornat, hoffen. Der Erwählte winkt dann seinen Helfern, seine Helfer führen erst die Blinden herbei, die ihr Brot als Gitarren- und Akkordeonspieler verdienen, danach die Träger der Leitern, so ziehen sie zum Grab.

Der Zentralfriedhof ist dicht bestanden von Mausoleen und den Gemeinschaftsgruften der Gewerkschaften: die städtischen Angestellten, die Fleischer, die Schauspieler, jede Berufsgruppe ist auch im Tod vertreten. Das Volk aber liegt in hohen Totenhäusern begraben, über- und untereinander, wie ein Wall wirkt die lange Reihe von Grabplatten, hinter denen die Toten in kleinen Nischen liegen. Während der Priester Gott anruft, legt die Trauergesellschaft eine Leiter an, nacheinander steigen sie hinauf, um an die Grabplatte zu klopfen. Der Tote soll wissen: Wir sind hier. Wer sich die 1000 Pesos für eine Leiter nicht leisten will, wirft Steinchen an die Grabplatte. Zu weinenden Akkordeons spricht der Priester dann den Segen, die Familie schlägt das Kreuz, verabschiedet sich, jetzt geht es noch auf die Septima.

An Sonntagen ist die Straße für Autos gesperrt, allein Fahrräder dürfen passieren und flanierende Familien. So wird die Septima zum Laufsteg, und alle, alle sind sie da: die Möchtegern-Indianer in fadenscheinigem Federschmuck, die auf Panflöten blasen. Die Clowns, die ihre Sicht der Welt in Witze fassen. „Wir trinken Coca-Cola, damit der Ami das Koks kauft“, sagen sie. Die Händler, die Kisten auf die Straße stellen, gefüllt mit Hunderten von Schnecken, deren Öl sie auf Flaschen ziehen und als Mittel gegen schlechte Haut verkaufen.

Und, natürlich, die Piraten. Ihr Singsang kündigt sie schon an, aus allen Ecken ruft es zischelnd Musica Musica Musica und Misión-Imposible-Codigo–da-Vinci. Wer Interesse zeigt, den führen sie auf verschlungenen Wegen zu in Hinterhöfen verborgenen Verschlägen, die sich als Schlaraffenland zu präsentieren bemüht sind: Jedes Lied, jeden Film gibt es hier als Raubkopie, mit Umtauschrecht und Lieferservice.

Wenn die Nacht kommt, wandelt sich die Septima. Es kommen aus Santa Fe Frauen mit aufgezäumten Ausschnitten, aus der restlichen Stadt die Menschen, die ihre Begleitung oder Ärger suchen, aus dem Süden die jungen Männer, die in Rudeln strolchen, und aus den Kasernen Polizisten. Nahe, im alten Stadtzentrum La Candelaria, öffnen jetzt die Diskotheken und Bars ihre Fenster und Türen, damit ihre Musik die Straßen erreicht. Entlang der Septima schließen die kleinen Krämer ihre Läden furchtsam mit Riegeln und Gitter, vor den großen Läden und den Bankautomaten ziehen Wachmänner auf, der Tag geht zur Neige. Die Straßen liegen im Zwielicht, der Verkehr verebbt, Bogotá wird schummrig jetzt und schläft, kurz nur, denn der nächste Morgen ist schon nah.

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