Zeitung Heute : Bombastische Schrecklichkeit

Wir präsentieren die WM-Maskottchen von einst und heute. Diesmal Willie, den softesten Löwen, an den sich Tier- und Königreich erinnern können.

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In der Serengeti hätte er wohl keine zehn Minuten überlebt, wäre erst ausgelacht und dann von einem Nashorn ins Jenseits befördert worden. Als Maskottchen der WM 1966 in England durfte er dennoch antreten: der Löwe Willie. Auf den ersten Blick sah er einem bekifftem Igel im Englandtrikot mehr als ähnlich, so stachelig war dem Zeichner die Mähne und so verschmunzelt die Mimik geraten. Um seine wenigstens in Ansätzen raubtierhafte Muskulatur zu präsentieren, winkelte Willie seine Arme permanent ab, die deshalb wie eingegipst aussahen. Dabei fiel auf, dass er aufrecht ging und sogar Schuhe trug. Aber wo bitteschön war sein Schwanz? Nicht einmal anständig brüllen konnte er und komponierte stattdessen eine WM-Schnulze von bombastischer Schrecklichkeit. Insgesamt also ein durchaus softer, ja verweichlichter Löwe, dieser Willie. Und dennoch: Gastgeber England besiegte im Finale dieser Weltmeisterschaft Deutschland – durch ein Tor, an dem irgendetwas genauso falsch war wie an Willie selbst. Erst das Auftreten noch groteskerer Maskottchen in der Folgezeit (Orangen, Chillis, Außerirdische) und vor allem eines noch lächerlicheren Löwen lässt uns Willie in der Rückschau gnädiger betrachten. Und wir wollen ihm versöhnlich zurufen: „Schwamm drüber, Willie! Wenigstens hattest du ’ne Hose an.“

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