Zeitung Heute : Bombay geballt

Es gibt keinen Platz in dieser Stadt, für Menschen nicht und für Erklärungen schon gar nicht. Oder doch? Vier Schriftsteller aus Indien, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse, führen durch das Chaos.

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Bombay verkörpert die Zukunft der urbanen Zivilisation auf der Erde. Gott stehe uns bei.

– Suketu Mehta

Diese Stadt ist ein Sorgentilger, ein Notvernichter. Welche Probleme auch immer dich bedrücken mögen – geh auf die Straße, und sie verschwinden hinter Bombays Kernproblem: kein Platz. Das Platzproblem lässt keinen Platz für andere Probleme.

Es sind vielleicht 30 Meter von einer Seite der Sir-P-Mehta-Road bis zur anderen, und spätestens gegen Mittag ist zwischen den viktorianischen Häuserfassaden jeder Quadratzentimeter Asphalt besetzt, belegt, dicht. Auf den Bürgersteigen pressen sich Fußgänger durch einen kaum menschenbreiten Korridor aus mobilen Garküchen und fliegenden Händlern. Jeder achtlos ausgestreckte Arm lässt den Menschenstrom in den Rinnstein überfließen, den alle, die halbwegs zügig vorankommen wollen, ohnehin dem Gehweg vorziehen. Massen von Büroangestellten und Lastenträgern kämpfen sich voran, unförmige Riesengebilde aus Sackleinen schwanken über durchgestreckten Hälsen: Wo, wenn nicht auf dem Kopf, sollte man in Bombay Lasten tragen? Schon die flachste Aktentasche ist ein Handicap in dieser Stadt.

Gleich daneben verstopft ein Blechgeflecht aus schwarzen Taxis und roten Doppeldeckerbussen die Straße, hoffnungslos eingekeilt von Motorrikschas, hölzernen Handkarren und Fahrrädern. Das Hupen ist ein nie abreißendes Geräusch, in dem keine Einzeltöne auszumachen sind, es variiert nur vage in der Tonhöhe. Selbst der akustische Raum kennt keine Lücken in dieser Stadt.

Sieben kleine Inseln lagerten einst vor der indischen Westküste, bis die Engländer kamen und eine große daraus machten. Nur ein paar dünne Brücken verbinden Bombay bis heute mit dem Festland. Die Stadt hat keinen Platz zum Wachsen, und trotzdem wächst sie: Täglich strömen Hunderte von Neuankömmlingen nach Bombay, auf der Suche nach dem Glück, nach Arbeit. Es gibt keinen Platz für sie, aber sie finden trotzdem welchen: an Bahndämmen, unter Abwasserrohren, in Straßengräben, eine Wellblechhütte passt überall hin. Notfalls reicht eine Matte auf dem Bürgersteig, wo sich nachts die schlafenden Glücksritter drängen, dicht an dicht vereint im Tellerwäschertraum von der Zukunft.

Vielleicht muss man erst einmal weggegangen und wieder zurückgekommen sein, um Bombay auch nur ansatzweise zu begreifen. So wie Suketu Mehta. Zwei Jahrzehnte hatte der indische Journalist in den USA verbracht, bevor er 1998 in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrte. „In all dieser Zeit habe ich meinen Akzent nicht abgelegt“, erzählt er, „ich spreche noch immer wie ein Junge aus Bombay.“ An der Verständigung lag es nicht, aber Mehta hatte das deutliche Gefühl, aus dem Irrsinn Bombay nicht mehr schlau zu werden. Er habe sich dann eine sehr einfache Frage gestellt: „Gibt es noch eine Heimkehr für mich?“ Der biografische Impuls mischte sich mit beruflichem Ehrgeiz: Mehta führte Tausende von Interviews, mit Mafia-Bossen, Hindu-Fundamentalisten, Bartänzerinnen, Gossenkindern und Filmstars, und kondensierte daraus die fulminante Stadtreportage „Maximum City“. Sein vielleicht wichtigster Befund aus der Weltmetropole der Platznot: „Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden um Parkplätze geführt werden.“

Ein paar Zahlen.

Berlin ist für europäische Verhältnisse eine relativ dicht besiedelte Stadt: 3800 Menschen teilen sich hier einen Quadratkilometer. In Bombay sind es 29 000, im Bombayer Stadtzentrum 400 000 Menschen. Letzteres ist die höchste weltweit verzeichnete Wohndichte. Würden die Berliner so dicht gedrängt leben wie die Menschen im Bombayer Stadtzentrum, wäre Berlin nur wenig größer als der Müggelsee. In Wirklichkeit ist Berlin doppelt so groß wie Bombay. Aber während hier auf jeden Einwohner 263 Quadratmeter Stadt kommen, sind es in Bombay 35 und im Zentrum nur zweieinhalb. Würde man alle Berliner gleichmäßig auf Berlin verteilen, käme jedem die Fläche einer durchschnittlichen Straßenkreuzung zu. Im Bombayer Stadtzentrum wäre es die Fläche eines durchschnittlichen Bettlakens. Stellen Sie sich jetzt eine Berliner Straßenkreuzung vor, auf der genau 105,26 Bettlaken ausgebreitet sind, mit jeweils einem Inder drauf. So sieht Bombay aus.

Fußnote. Zwei Drittel der Bombayer teilen sich fünf Prozent der Stadtfläche. Das reichere Drittel bewohnt den Rest.

Knapp 40 Prozent der landesweiten Steuereinnahmen kommen aus Bombay.

Knapp 40 Prozent der Bombayer Haushalte haben keine funktionierende Trinkwasserversorgung.

Eine Flasche Dom Perignon kostet in der Bayview Bar des Hotels Oberoi etwa das Anderthalbfache eines durchschnittlichen Bombayer Jahreseinkommens.

Die durchschnittliche Geldforderung eines Bombayer Straßenkinds an einen ausländischen Touristen beträgt etwa 20 Cent: „Give me ten rupies, Sir“, sagen die Kinder, „I’m very hungry“. Manchmal zerren sie die Touristen auch am Ärmel zu einer der Garküchen am Straßenrand und sagen: „Buy me some rice, Sir.“ Eine Portion Reis kostet zehn Rupien.

Ein Ernährungswissenschaftler, der in Bombay eine Diät-Klinik betreibt, sagt: „In allen Gesellschaftsschichten Bombays gibt es mehr Menschen, die Gewicht verlieren möchten, als solche, die zunehmen wollen.“

Bei den Parlamentswahlen im Jahr 1998 betrug die Wahlbeteiligung im Nobelbezirk Malabar Hill zwölf Prozent. In den angrenzenden Slum-Siedlungen betrug sie 88 Prozent.

Aufgrund eines veralteten Immobiliengesetzes stehen in Bombay 400 000 Wohnungen leer. Würde man jede dieser Wohnungen mit einer fünfköpfigen Familie belegen, wäre die Zahl der Wohnungslosen um ein Viertel reduziert. Es gäbe dann in Bombay nur noch sechs Millionen Menschen ohne Wohnung.

Das Paradox der Städte: Wie kann etwas, das von Menschen für Menschen gemacht wurde, so unmenschlich sein?

* * *

In einer Hölle wie dieser muss selbst Gott laut brüllen, um sich Gehör zu verschaffen.

– Altaf Tyrewala

Das Minarett der Darkhana-Moschee sendet blechernes Kreischen in die Straßenschluchten von Dongri. Der einzig erkennbare Wortfetzen im absurd verzerrten Gesang des Muezzins ist „Allah“, und es klingt wie „Alarm“.

Als Kind sei er oft zum Beten hierhergekommen, sagt Altaf Tyrewala. Er ist in Dongri aufgewachsen und lebt heute im benachbarten Byculla, beides muslimische Stadtteile. Bärtige Männer mit weißen Häkelmützen prägen das Straßenbild, viele Frauen tragen schwarze, bodenlange Tschadors, die nur einen Sehschlitz freilassen, bei manchen verschwinden auch die Augen hinter einem Schleier. Tyrewala fällt ein wenig aus dem Rahmen mit seinen Jeans und dem karierten Hemd. Er wird 30 dieses Jahr, und sein Debütroman „Kein Gott in Sicht“ wird seit Monaten von der indischen Presse gefeiert. Es ist ein Bombay-Buch, so atemlos und roh wie diese Stadt. In jedem Kapitel nimmt eine Figur die Erzählung auf, die im Kapitel davor noch als Nebenfigur auftrat, und mit dieser Staffellauf-Methode rast das Buch durch die gesamte Stadt, durch alle Viertel, Schichten, Ethnien und Religionen.

Wenn es ein übergreifendes Thema gibt in „Kein Gott in Sicht“, dann ist es der Religionskonflikt. Anfang der 90er Jahre war Tyrewala nach New York gegangen, um Wirtschaft zu studieren, kurz nachdem Bombay von den ersten Bombenanschlägen erschüttert worden war. Als er vier Jahre später zurückkehrte, hatten sich Dongri und Byculla, die ethnisch gemischten Viertel seiner Kindheit, in Moslem-Ghettos verwandelt. „Bei der Polizei arbeiten fast nur Hindus“, sagt Tyrewala, „die trauen sich inzwischen nicht mehr hier rein. Deshalb herrscht hier solches Chaos. Jeder tut, was er will, weil ihn niemand daran hindern kann.“

Bis heute zerbricht sich ganz Indien den Kopf darüber, wie es ausgerechnet im kosmopolitischen Bombay zu den schwersten ethnischen Zusammenstößen des Landes kommen konnte. Tyrewala hat seine eigene Theorie: „Angefangen hat alles mit diesen Fernsehserien.“ Mitte der 80er Jahre waren in den Bollywood-Studios Verfilmungen des hinduistischen Mahabharata-Epos entstanden. „Es steckt viel Militanz in diesen Mythen“, sagt Tyrewala. „Sie erzählen vom Kampf der Hindu-Götter gegen das Böse, und in der Verfilmung wurden diese Aspekte noch verstärkt.“ Kurz nach der Ausstrahlung wurde erstmals die „Shiv Sena“ ins Regionalparlament gewählt – die Armee Shivas, eine ultrarechte Hindu-Partei, die gegen Fremde aller Art Stimmung macht, vor allem aber gegen muslimische Einwanderer. Die Shiv Sena war es auch, die Bombay 1995 in „Mumbai“ umtaufte, eine hinduistisch anmutende Wortneuschöpfung, die kaum jemand in der Stadt benutzt. Ebenfalls der Shiv Sena zugeschrieben wird der Befehl zur Zerstörung der Babri-Moschee, eines muslimischen Gotteshauses, das im 16. Jahrhundert auf den Überresten eines Hindu-Tempels errichtet worden war. Es war der Beginn einer Kette von Bluttaten: Im März 1993 rissen mehrere Bombenexplosionen 257 Menschen in den Tod. Die Anschläge wurden Dawood Ibrahim zugeschrieben, einem muslimischen Mafia- Boss, der seine Geschäfte aus dem Exil in Dubai lenkt. Weil Ibrahim nicht greifbar war, entlud sich der Zorn auf seine Glaubensbrüder, die in Bombay 17 Prozent der Bevölkerung stellen. Nachweislich auf Veranlassung der Shiv Sena entfesselten hinduistische Fundamentalisten einen Blutrausch, in dessen Verlauf über 600 Bombayer Moslems auf offener Straße ermordet wurden. Seitdem ist die Gewalt nie mehr ganz abgerissen, erst im Juli starben bei Bombenexplosionen in den Bombayer Vorortzügen erneut 200 Menschen.

Gerade erst ist der Prozess gegen die Bombenleger von 1993 zu Ende gegangen, und die Titelseiten der indischen Zeitungen sprechen dieser Tage von nichts anderem als der Verurteilung der muslimischen Attentäter. „Endlich bekommt Mumbai seine Schuldigen“, schreibt die „Times of India“. Gegen die Urheber der antimuslimischen Pogrome von 1993 wurde bis heute nicht einmal ein Verfahren angestrengt. Altaf Tyrewala kann sich ein Kopfschütteln nicht verkneifen, als er die Schlagzeilen überfliegt. „Die Ironie ist offensichtlich, man muss das nicht mal kommentieren.“ Er tut es dann aber doch: „Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.“

Immerhin: Das Gerichtsurteil löst fühlbaren Zorn in der Stadt aus, aber es bleibt ruhig in Bombay. Keine Ausschreitungen, diesmal nicht. „Ausschreitungen können nur entstehen, wo es Kontakt gibt“, sagt Tyrewala. „Aber die Trennung zwischen Moslems und Hindus ist inzwischen so festgefahren, dass sich der Kontakt auf ein Minimum beschränkt. Man hat die beiden Parteien auseinandergezerrt wie streitende Kinder: Du gehst in dein Zimmer, und du in deins.“

Ein Ball rollt die Straße entlang, ein barfüßiger Junge läuft ihm hinterher. Plötzlich bleibt er stehen, der Ball rollt weiter, der Junge starrt ihm nach. Er sieht sich ein paarmal um, dann spurtet er los, klemmt den Ball unter den Arm und rennt zurück zu seinen Spielkameraden. Tyrewala deutet auf die Straßenkreuzung: „Das ist die Grenze. Hier würden die Krawalle anfangen.“ Auf der anderen Straßenseite stehen die gleichen heruntergekommenen Mietskasernen, es gibt auf den ersten Blick keinen einleuchtenden Grund, warum das Hindu-Viertel hier beginnen sollte und nicht drei Straßen weiter. Da sind nur kleine atmosphärische Verschiebungen. Die Frauen tragen Saris. Das Geschrei der Händler klingt ein bisschen anders, sie sprechen Marathi, nicht Urdu. Und an der Straßenecke weht eine safrangelbe Flagge. Die Flagge der Shiv Sena.

Tyrewala überquert die Kreuzung, drüben haben die Jungen ihr Fußballspiel wieder aufgenommen. „Die Stadt boomt“, sagt Tyrewala unvermittelt, „das ist ein wichtiger Faktor. Je mehr die globalisierte Wirtschaft hier Fuß fasst, desto unwichtiger wird der Religionsstreit. Wer Geld verdienen will, schlägt niemandem die Köpfe ein.“ Dann grinst er. „Nicht, dass die globalisierte Wirtschaft nicht auch ihre himmelschreienden Ungerechtigkeiten hätte.“

* * *

Ajay beschloss, es sei an der Zeit umzuziehen und ein schickes Auto zu kaufen. „Der Preis spielt keine Rolle“, sagte er. „In dieser Stadt zählt der Schein. Gib dich piekfein, und sie werden dich piekfein behandeln.“

– Shobhaa De

Hindernisse pflastern den Weg ins Reich dieser Frau. Drei Mal wird der Ausweis kontrolliert, bevor man das Hochhaus in Worli Seaface betreten darf, dem Nobelbezirk an der Südspitze Bombays. Dann aber, im siebten Stock, tut sich eine Welt auf, die wenig gemein hat mit den Niederungen der Stadt. Eine Dienstbotin öffnet die Tür und bittet in ein weitläufiges Himmelreich aus Kolonialstilmöbeln, ornamentbestickten Kissen und erlesener zeitgenössischer Kunst. Hinter der südlichen Fensterfront glitzert das Arabische Meer, und als Shobhaa De das Zimmer betritt, verfängt sich tatsächlich ein Sonnenstrahl in ihren Silberohrringen – dabei hatte doch draußen gar nicht die Sonne geschienen!

„Stardust“ heißt das Bollywood-Magazin, das Shobhaa De ins Leben rief, als sich ihre Model-Karriere dem Ende zuneigte. Es wurde das wichtigste Magazin der Branche. Inzwischen hat Frau De in jeder nennenswerten Bombayer Zeitung eine Kolumne, und Bücher schreibt sie auch noch. Bücher, in denen Indien glitzert. In denen Gossenkinder zu Filmstars aufsteigen und Dienstboten zu Wirtschaftsbossen. „Es ist wahr, Indien steht am Anfang einer goldenen Ära“, sagt Shobhaa De. „Einer Ära, die jedem neue Aufstiegsmöglichkeiten bietet.“ Vor ihr auf dem Tisch liegt eine kleine Fernbedienung mit nur einem Knopf. Jedes Mal, wenn Frau De auf den Knopf drückt, taucht geisterhaft ein junges Mädchen auf, das mit stummem Nicken ihre Wünsche nach Tee und Plätzchen und Telefonnummern entgegennimmt.

Natürlich gibt es sie, die Bombayer Aufsteiger. Sie leben in Malabar Hill oder Juhu Beach, den Lieblingsorten der neuen Reichen, und sie erobern sich auch die Apartments von Worli Seaface, dem Bezirk, „in dem das alte Geld sitzt“, wie Shobhaa De es ausdrückt. Man findet sie in den schicken Restaurants von Colaba und Andheri, in denen selten etwas anderes als Englisch gesprochen wird und wo der Gast von fünf Bediensteten umschwirrt wird, bevor er überhaupt das Lokal betreten hat: Einer öffnet die Autotür, ein zweiter parkt den Wagen, ein dritter eskortiert die Gäste mit dem Schirm zum Eingang, ein vierter öffnet die Tür, ein fünfter hält Handtücher bereit, um den Gästen Regenspritzer von der Kleidung zu wischen.

Aber für den Großteil der Bombayer ist dieses Leben so unendlich weit entfernt, wie es für Shobhaa De die Welt des durchschnittlichen Bombayers sein dürfte – „dieses Vorstadtleben, von dem wir hier so wenig wissen“, wie sie sagt. Das Indien ihrer Bücher mag nicht ganz wahr sein, und vielleicht weiß Frau De das insgeheim auch besser, als sie zuzugeben bereit ist – aber vielleicht wird es ja irgendwann wahr? Wenn man nur fest genug daran glaubt?

* * *

Wenn du in der Stadt leben willst, musst du immer drei Ecken vorausdenken. Du musst hinter eine Lüge schauen, um die Wahrheit zu sehen, und hinter diese Wahrheit, um die Lüge zu sehen.

– Vikram Chandra

Vielleicht ist Bombay einfach eine große Lüge. Eine Blase, ein Schaumgebäck, so leicht und lebensfern wie die indischen Filme, die hier produziert werden. „Auf jeden Fall ist es die imaginierteste Stadt Indiens“, sagt Vikram Chandra. Eine gigantische Mythologie ranke sich um Bombay, konstruiert aus Tausenden von Bollywood-Filmen. Mit seinen eigenen Büchern strickt Chandra fleißig mit an diesem großen Stadtmärchen, gerade erst hat er dem kollektiven Traumbild einen neuen 1346-Seiten-Wälzer hinzugefügt: „Der Gott von Bombay“, ein Mafia-Epos, das sich deutlich am Bollywood-Film orientiert.

Es ist ein düsteres Bombay, das Chandra in seinem Buch zeichnet, eine Stadt des Verbrechens und der moralischen Leere. Aber wie jeder Bollywood-Film endet auch „Der Gott von Bombay“ mit einer versöhnlichen Note, nämlich mit einer Liebeserklärung an die Stadt. Chandra lacht: In gewisser Weise drehe sein Buch damit die gängige Indien-Wahrnehmung der britischen Kolonialliteratur um – da sei das Land oft metaphorisch als Frauenfigur von berückender Schönheit beschrieben worden, die sich später als grausame Verführerin entpuppt.

Wenn Bombay eine Frau ist, dann trägt sie schlechtes, schrilles Make-up, das ihre Falten nicht verdeckt. Sie raucht zu viel und lacht zu laut. Sie hat keinen Stil, ihr Parfum ist billig, ihre Kleider passen nicht zusammen. Bombay hat Ringe unter den Augen und Leichen im Keller, sie lächelt dich nicht an, sie fällt dir ins Wort und beantwortet deine Fragen nicht.

Dass Bombay bezaubernd ist, merkt man erst spät. Man merkt es vielleicht an einem Montagabend, wenn überm Chowpatty Beach die Sonne untergeht und singende Menschenmassen durch den Sand schlendern, jeder mit einem anderen Bollywood-Song auf den Lippen, ein schaurig dissonantes Geheule, untermalt von tausend Autohupen. Es ist laut, es ist eng, es ist dreckig – und trotzdem, trotzdem … wenn man diese irre Energie doch nur auf Flaschen ziehen könnte, und dann ein paar Tropfen ins Berliner Grundwasser …

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