Zeitung Heute : Bomben in Serie

In Bombay war es 18.24 Uhr, als die ersten Sprengsätze explodierten. Vieles deutet auf eine Tat von Islamisten hin

Ruth Ciesinger

Eine Anschlagsserie in der indischen Millionenstadt Bombay hat hunderte Tote und Verletzte gefordert. Wer könnte hinter den Attentaten stecken?


Die Kraft der Bomben hat die Zugabteile zerfetzt, Menschenmassen schieben sich mit vor Entsetzen starren Gesichtern durch die Bahnhofshallen, zwischen Schwerverletzten schimmert Blut auf dem Boden. Die Bilder aus der 14-Millionen-Stadt Bombay, die das Fernsehen am 11. Juli 2006 um die Welt schickt, gleichen denjenigen vom 11. März 2004 aus Madrid und vom 7. Juli 2005 aus London. Die Terroristen – so nennt Premier Manmohan Singh die Täter sofort nach den Anschlägen – hatten die gleiche Taktik. In der abendlichen Rushhour, während der rund sechs Millionen Pendler unterwegs waren, zündeten sie auf einer Strecke von 20 Kilometern in sieben Vorortzügen Sprengsätze. Um 18.24 Uhr ereignete sich die erste Explosion, innerhalb von elf Minuten folgten sechs weitere.

Wenige Stunden später kann nur vermutet werden, wer hinter der Tat steckt, ob es Selbstmordanschläge waren, oder ob die Explosionen auf das Konto der Unterwelt Bombays gehen – es wäre nicht das erste Mal. Manche Sicherheitsexperten glauben, dass sich Kriminelle und Islamisten für diese makaber gut koordinierte Tat zusammengeschlossen haben. Vieles deutet aber auch darauf hin, dass Islamisten die alleinigen Täter des 11. Juli sind.

Eine ganze Reihe ähnlicher Attentate ging bisher auf den seit Jahrzehnten andauernden Kaschmirkonflikt zwischen Pakistan und Indien zurück. In den vergangenen Tagen waren im indischen Teil Kaschmirs bei Anschlägen mehrere Menschen getötet worden. Erst am Dienstag, wenige Stunden bevor in Bombay, dem Finanzzentrum Indiens, die Züge explodierten, starben in der Stadt Srinagar sieben Menschen, als eine Granate ihren Minibus traf. Außerdem, so heißt es am Dienstagabend, haben Indiens Sicherheitsbehörden gewusst, dass ein großer Anschlag droht. Nur wussten sie nicht wo und wann.

Spekuliert wird jetzt vor allem, welche islamistischen Gruppen verantwortlich sein könnten – Al-Qaida-Ableger werden genannt, ebenso die indische Terrorgruppe „Simi“. Die „Students Islamic Movement of India“ kämpft für die „Befreiung des Subkontinents“ und ein „islamisches Indien“. Sie soll unter anderem für eine Anschlagsserie in Bombay vor drei Jahren verantwortlich sein und dabei auch mit der Terrorgruppe „Lashkar-e- Toiba“ zusammengearbeitet haben. „Lashkar-e-Toiba“ operiert nach Ansicht von Sicherheitsexperten immer noch von Pakistan aus und war in den vergangenen Jahren für viele Attentate auch im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir verantwortlich.

Die Anschläge zielen wohl vor allem auf den Friedensprozess zwischen Indien und Pakistan ab. In der Vergangenheit sei das zwar in der Regel nicht geglückt, sagt Christian Wagner, Asienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Allerdings werde ein Anschlag in dieser Größenordnung Indiens Regierung massiv unter Druck setzen. Im pakistanischen Islamabad dürfte man sich dessen bewusst sein, denn Präsident Pervez Musharraf verurteilte die Anschläge in Bombay sofort auf das schärfste. Sollte sich herausstellen, dass die Täter in Pakistan zu finden sind, müsste Islamabad aber deutlicher als bisher beweisen, dass es den Kampf gegen den Terror im eigenen Land nicht nur an der Westgrenze führt.

In den kommenden Tagen ist auch entscheidend, was in Bombay zwischen den verschiedenen Religionsgruppen geschieht. Die Stadt ist eine Hochburg der nationalistischen Hindupartei Shiv Sena und schon oft führten Anschläge von Islamisten zu massiven Ausschreitungen von Hindus gegen Moslems. So waren im Februar 2002 bei einem Anschlag auf einen Zug 59 Hindus getötet worden. In einer sich anschließenden Orgie der Gewalt wurden im Bundesstaat Gujarat aus Rache mindestens 1000 Moslems von wütenden Hindus umgebracht. Manche sprechen sogar von bis zu 3000 Opfern, 130 000 Menschen flohen.

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