Zeitung Heute : Bomben und Bongos

Von Martin Kilian

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George W. Bushs 58. Geburtstag könnte sich als Wendepunkt seiner Präsidentschaft erweisen. Zum Festtag im vorigen Juli schenkten ihm seine Töchter einen Apple iPod, jenes kleine Ding, auf dem zigtausend Songs gespeichert werden können. W. steckt sich jetzt den Knopf ins Ohr, schaltet den iPod ein – und schon verschwindet die Welt um ihn herum, verdrängt von musikalischem Lärm, der wummernd das präsidiale Hirn überflutet.

Bush hört Van Morrison. Mag ich auch. Außerdem Joni Mitchell. Und John Fogerty dröhnt ebenfalls von W’s Playlist, die sein persönlicher Assistent Blake Gottesman zusammengestellt hat. Ich sage nur: Beachtlich!

Leider scheint W. jedoch nicht mehr zu hören, was um ihn herum vorgeht. Offensichtlich drang des iPods wegen nicht zu ihm durch, dass ein gewisser Luis Posada Carriles in Miami um politisches Asyl nachsuchen möchte.

Ein schwerer Junge, dieser Posada Carriles, der vor ein paar Wochen illegal von Mexiko einreiste. Er arbeitete mal für die CIA, damals, als enthemmte Exilkubaner Fidel Castro mit Gewalt abräumen wollten. Die CIA bildete unseren Mann als Sprengstoffexperten aus, dem unter anderem zur Last gelegt wird, im Oktober 1976 ein kubanisches Flugzeug mit 73 Passagieren an Bord aus dem karibischen Himmel über Barbados gebombt zu haben.

Posada Carriles verbrachte als Tatverdächtiger Jahre in einem Knast in Venezuela, ehe ihm die Flucht glückte. Er verneint, in diesen Terroranschlag verwickelt gewesen zu sein, gibt aber zu, Bombenattentate auf Hotels in Kuba verübt zu haben, bei denen ein italienischer Tourist ums Leben kam.

Der Krieg gegen den Terrorismus erfordere „moralische Klarheit“, heißt es. Warum ist Posada Carriles also auf freiem Fuß und spaziert in Miami herum? Weil W. nichts hört und ihn der iPod längst sensorisch überwältigt hat. Wahrscheinlich lauscht er in einer Endlosschlaufe der britischen Kult-Band The Clash. Mit ihrem Song „Rock the Casbah“ komponierte die sogar den Soundtrack für W’s nahöstlichen Action-Film. Yo, Demokratie! Rock the Casbah, Baby! Im Inferno kreischender Gitarren entging W. jedoch, dass der demokratische Abgeordnete William Delahunt forderte, Posada Carriles müsse „festgenommen und gemäß internationalem Recht deportiert werden“.

Unsinn! Schließlich ist Posada Carriles, 77, kein Terrorist! „Er befürwortet Gewalt, aber das bedeutet nicht, dass Gewalt und Terrorismus ein und dasselbe sind“, differenziert sein Freund Santiago Alvarez. Ich habe es immer geahnt: Des einen Mannes Terrorist ist des anderen Mannes Freiheitskämpfer!

Für die Gegner Fidels in Miami ist Posada selbstverständlich ein Freiheitskämpfer. Wie auch Novo Sampol, Pedro Remon und Gaspar Jimenez. Die feuerten mit einer Panzerfaust (!!) auf das New Yorker Uno-Hauptquartier und verübten Bombenanschläge in New Jersey. Im November 2000 wurden sie zusammen mit Posada Carriles in Panama festgenommen, weil sie Castro am Rande eines Lateinamerika-Gipfels mit einem gewaltigen Sprengsatz ins Jenseits befördern wollten, so gewaltig, dass ein gepanzertes Auto und ziemlich alles im Umkreis von 200 Metern in die Luft geflogen wäre.

Die Präsidentin Panamas begnadigte das Quartett im Vorjahr, worauf drei der vier dank ihrer amerikanischen Pässe sofort nach Miami entschwanden, während Posada Carriles nach Honduras reiste. Nicht, dass ich Castro toll finde. Er ist ein autokratisches Fossil, in dessen Gefängnissen unschuldige Dissidenten einsitzen. Aber „moralische Klarheit“ verlangt, dass ein Terrorist ein Terrorist bleibt – was W. wegen der Berieselung durch den iPod leider nicht merkt. Dabei geht es auf seiner Playlist durchaus anständig zu: Countrysänger wie George Jones und Kenny Chesney dominieren.

Posada Carriles passt dazu nicht. Zu viel Bongo. Zu viel Detonation. Und so wird eben statt „moralischer Klarheit“ lausige Doppelmoral serviert.

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