Bombodrom : Über allen Wipfeln ist Ruh

Bier, Wein und Tränen: Die Bürgerinitiative „Freie Heide“ feiert ihren Sieg nach einem Kampf von 17 Jahren. Statt des Bombodroms, des Übungsgeländes für Tiefflieger und Panzer, soll nun etwas sehr Ziviles entstehen. Und überall wachsen schon kleine und große Zukunftsträume.

Claus-Dieter Steyer

Nach 17 Jahren läuft alles wie am Schnürchen. Pfarrer Benedikt Schirge bereitet im winzigen Dorf Sewekow in Brandenburgs Norden die kleine Kirche auf den Ansturm am Nachmittag vor. Lautsprecher werden wie immer vor dem Eingang aufgestellt, Transparente ausgerollt, Stichwortzettel für die ersten Interviews kontrolliert. Und doch ist der heutige Sonntag für den 47-Jährigen ein ganz besonderer. Zum letzten Mal treffen sich die Mitstreiter der Bürgerinitiative „Freie Heide“ im großen Rahmen. Denn ihr Kampf um ein Stück Heimat hat sich erledigt. Sie haben die Bundeswehr in die Knie gezwungen und das schier Unmögliche erreicht: Der Bundesverteidigungsminister zieht seine Truppen von dem unter dem Namen „Bombodrom“ bekannt gewordenen Übungsplatz bei Wittstock endgültig zurück. Zur ursprünglich als 103. Protestwanderung vorbereiteten Aktion in Sewekow erwartet Schirge am Sonntagnachmittag Hunderte von Menschen.

Der aus rund 50 Frauen und Männern bestehende harte Kern der Mitstreiter wird sich dabei wohl dezent im Hintergrund halten. „Große Worte sind nicht unser Ding“, sagt die 70-jährige Stefania Horn bei einem spontanen Treffen der Initiative in ihrem Heimatort Fretzdorf, kurz nachdem der Verzicht der Bundeswehr auf den Platz bekannt geworden ist. Die zierliche Frau eilt mit einem großen Teller auf den Dorfplatz. „Nachschub“, ruft sie laut und zeigt auf frisch geschmierte Schmalzstullen. Von allen Seiten strömen die Menschen aus Fretzdorf und aus benachbarten Orten östlich der Autobahn von Berlin nach Hamburg herbei. Pappbecher füllen sich mit Bier, Wein und Brause. Man prostet sich zu, umarmt sich, manche vergießen ein paar Tränen. Und können es noch gar nicht fassen, dass kein Tornado über dem Truppenübungsplatz im Tiefflug Übungsbomben abwerfen und kein Panzer die Ruppiner Heide im Sturmangriff nehmen wird. Auf 14 000 Hektar Wald und Heide herrscht endgültig Ruhe.

Dieses Wort hat in Fretzdorf, Schweinrich, Gaadow, Zootzen und den vielen anderen kleinen Dörfern rund um das abgesperrte Übungsgelände einen ganz besonderen Klang. „Es kann sich niemand vorstellen, was wir während der Russenzeit durchgemacht haben“, sagt Stefania Horn. „Die sind Tag und Nacht geflogen und haben ohrenbetäubend laut geschossen. Jeden Tag, jeden Sonnabend, jeden Sonntag. Nur am 24. Dezember war Pause.“ Die gebürtige Österreicherin, die es nach Vertreibung und Flucht 1945 nach Fretzdorf verschlagen hat, berichtet von „Rissen in den Hauswänden“, von einem Raketeneinschlag in einem Wohnhaus und vor allem davon, was den Kindern angetan wurde. „Ich weiß nicht, mit wie vielen Liedern ich meine Kleinen in den Schlaf singen musste.“

Zum Ärger über die Soldaten mit dem roten Stern an der Mütze trugen nicht allein die Düsenjäger bei. Panzer donnerten mitten in der Nacht durch die engen Straßen. Die Männer aus den Dörfern mussten am Rand des Übungsgeländes Brandwachen halten, damit die bei den Bombenabwürfen und Schießübungen ausgebrochenen Feuer nicht auf Wohngebäude übergriffen.

„Es hatte sich in der Region aber auch die tiefe Ungerechtigkeit eingeprägt, mit der die sowjetische Armee Anfang der 50er Jahre die Heide für sich beanspruchte“, sagt der Pfarrer Berthold Schirge, der Bruder des später zum Sprecher der „Freien Heide“ gekürten Benedikt Schirge. „Die Soldaten gingen damals mit aufgepflanztem Bajonett von Haus zu Haus, um die Bewohner vom späteren Übungsplatz zu vertreiben.“ Sie hätten die Wahl zwischen Sibirien und einer kleinen Abfindung gehabt. Am Ende sind schließlich alle gegangen, niemand freiwillig.

Die Sowjets waren eher zufällig auf das Gelände im Dreieck zwischen Neuruppin, Rheinsberg und Wittstock aufmerksam geworden. Erst das frierende Berlin hatte nach Kriegsende den Wald hier zur Heide gemacht, wurden doch zehntausende Bäume abgeholzt. Eine Invasion von Schädlingen setzte den Tannen und Kiefern zusätzlich zu, so dass sich die russischen Militärs 1952 über ein fast baumloses Areal freuen konnten.

Als sie 40 Jahre später abzogen, atmete die Region auf. Kaum jemand aber wusste von den im Boden lauernden Gefahren. Fünf Prozent aller abgeworfenen Bomben sollen nicht explodiert sein. Bundeswehrexperten kamen auf die horrende Zahl von 1,5 Millionen Blindgängern, die heute noch im Boden liegen.

Trotzdem war die Freude über die Ruhe vor Tieffliegern groß. Aber sie währte nur kurz. Noch 1992 erklärte sich der Bund zum Rechtsnachfolger aller militärischen Liegenschaften. Im Handumdrehen montierten die Soldaten an den einst von den Russen in den Boden gerammten Pfählen neue Schilder: „Betreten verboten! Vorsicht Schusswaffengebrauch! Der Kommandant!“

Die Menschen wandten sich in ihrer Not an die Pfarrer. „Das war einfach eine Erfahrung aus der Wendezeit“, sagt Berthold Schirge. „In den Kirchen herrschte schon immer ein kritischer Geist. Nun sollten wir eben auch bei dieser schreienden Ungerechtigkeit helfen.“ Die Pfarrer wurden nicht nur Zuhörer, sondern Anführer des Widerstands. Im September 1992 setzte sich der erste Protestzug im Dorf Zechlin in Bewegung. 200 Menschen machten damals mit. 17 Jahre später organisierte die „Freie Heide“ den größten Ostermarsch Deutschlands mit 10 000 Teilnehmern.

Die Bundeswehroffiziere wussten anfangs gar nicht, wie ihnen geschah. „Die haben sich gedacht, dass sie mit den paar Hanseln rund um den Platz irgendwie fertig werden würden“, sagt Schirge.

Es kam anders. Die Bundeswehr tappte von einem Fettnäpfchen ins nächste. Als sich Mitte der 90er Jahre einige Offiziere nach langem Hin und Her im Wittstocker Rathaus zu ihren Plänen mit dem Übungsplatz äußern sollten, zeigten sie zuerst einen Lehrfilm über die „Berufschance Pilot“. Die eingeladenen Bürgermeister blickten sich verdutzt an und verließen nahezu geschlossen unter Protest den Saal. Nur der Amtsträger aus Wittstock hielt den Offizieren die Treue, weil er an eine Garnison mit zahlreichen zivilen Arbeitsplätzen glaubte. Das hatte ihm die Bundeswehr versichert.

Auch bei Auftritten vor Gericht erlebten die vom Bund bezahlten Anwälte ein Fiasko. „Wenn ich eine Garage bauen will, muss ich mehr Unterlagen einreichen, als Sie hier vorlegen“, kritisierte ein Richter am Potsdamer Oberverwaltungsgericht. Andererseits feierte der Anwalt der Bürgerinitiative, Reiner Geulen, einen Sieg nach dem anderen. 27 Erfolge in 27 Prozessen. „Anfangs schimpfte die Bundeswehr insgeheim auf vermeintlich voreingenommene Gerichte“, sagt Geulen. „Aber wir hatten es im Laufe der Zeit mit 65 bis 70 verschiedenen Richtern zu tun. Die konnten sich doch gar nicht alle irren.“ Letztlich sei der Platz verloren gegangen, weil die Militärs die Bevölkerung nie in ihre Pläne einbezogen habe, glaubt Geulen. Der 16-jährige Rechtsstreit kostete rund 850 000 Euro, wobei auf die Bundeswehr wegen der verlorenen Klagen allein 600 000 Euro entfielen.

Viel Geld für die Bürgerinitiative stammt aus Spendentöpfen, die bei den vielen Protestwanderungen in den Kirchen oder davor standen. „Wir haben uns im Laufe der Jahre auch schon mal überlegt, auf die geistliche Besinnung durch unsere Pfarrer vor den Demonstrationen zu verzichten“, sagt Benedikt Schirge. „Aber selbst die Atheisten wollten an diesem Relikt festhalten.“ Parteienzugehörigkeit habe übrigens nie eine Rolle gespielt.

„Seit der Pressekonferenz von Herrn Jung habe ich bei meiner Bank ganz neue Karten“, sagt der Chef des Seehotels Ichlim, Dirk Mähnert. „Die Sparkasse hat bei mir ganz von selbst angerufen und mir ein Gespräch über einen Kredit vorgeschlagen. Zuvor ging da überhaupt nichts.“ Der Eigentümer des genau an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gelegenen Hotels gehörte neben einer Putenfarm und einer Gemeinde zu den Klägern gegen die militärische Nutzung der Heide. „Wir fühlten uns die vielen Jahre ziemlich unsicher und durchlebten echte Existenzängste“, sagt Mähnert. Als er nach der Wende mit einem Geschäftspartner das Anwesen am See von der Treuhandanstalt gekauft hatte, sei von einer Fortsetzung des Übungsbetriebs nach dem Abzug der Russen keine Rede gewesen.

In den Schubladen von Mähnert liegen Pläne zur Erweiterung des 70-Betten-Wellnesshotels, das jährlich 13 000 Gäste zählt. Jetzt könnten sie wahr werden. „Bei einem Bombodrom hätten wir dagegen wohl dichtmachen müssen“, glaubt der Hotelchef.

So wie beim Seehotel wachsen überall kleine und große Träume von der Zukunft der Heide. „Ich bin glücklich, dass ich mit Touristen nun auch auf freien Wegen durch die Heide fahren kann“, sagt Sabine Kühn aus Frankendorf, die hier einen Schlittenhundehof betreibt. „Bei Bombenlärm hätte ich mein Gewerbe vergessen können. Da kommt doch niemand hierher.“ Auf 15 000 hatte die Industrie- und Handelskammer die Zahl der Arbeitsplätze geschätzt, die bei einem Bombodrom in Gefahr gewesen wären. Dazu gehören nicht nur touristische Betriebe, sondern auch Agrarunternehmen oder die Kammeroper in Rheinsberg.

„Wir wollen künftig nichts aus Beton und Stahl auf dem nun freien Übungsplatz“, sagt der Landrat vom Kreis Ostprignitz-Ruppin, Christian Gilde. „Radfahren und Wandern wäre toll.“ Und Pfarrer Benedikt Schirge sagt: „Nun haben wir die Ruhe, um Neues zu planen.“ Der Mann mit dem leicht gestutzten Vollbart kam als 29-jähriger Absolvent der Uni aus Berlin 1990 nach Zühlen am Rande des Übungsplatzes und reihte sich als Pfarrer gleich in die Widerstandsfront seiner damals noch zahlreichen Berufskollegen ein. „So eine Ungerechtigkeit konnte man einfach nicht dulden.“ Die Bundeswehr, sagt er, hätte sich niemals als Nachfolgerin der russischen Besatzungstruppen hinstellen dürfen. In einem alten Bauernhaus mit einem halb verwilderten Garten begann er, den Widerstand zu organisieren. Es sei eine ganz besondere Stimmung in den Dörfern und Städten rundum gewesen. Alle hätten mitgemacht. Doch wenn sie nur in der Heide demonstriert hätten, wäre wohl kein Erfolg daraus geworden, glaubt Schirge. „Immer nach Berlin!“, lautete deshalb das Motto. Unzählige Male hat er mit Abgeordneten im Bundestag gesprochen und mit Aktionen die Medien aufmerksam gemacht. Zuletzt schaffte er es mit einem Briefumschlag in der Größe einer Haustür im Juni in die Abendnachrichten vieler Fernsehsender. Darin lag das Votum des Petitionsausschusses des Bundestages gegen eine militärische Nutzung des Ruppiner Heide. Als Schirge mit seinen Mannen damit vor dem Verteidigungsministerium aufkreuzte, schickte der Wachhabende zwei muskulöse Feldjäger vor die Tür, die sich mit dem riesigen Pappumschlag recht unbeholfen anstellten.

„Unser Pfarrer ist einmalig“, sagt Brigitta Kühn, in der Bürgerinitiative für die Finanzen zuständig. „Er hat uns selbst dann Mut gemacht, wenn wir uns etwas müde vom Kampf zurückziehen wollten“, erzählt die 59-Jährige. „Er hat immer an den Erfolg geglaubt.“ Sie hofft inständig, dass er jetzt nicht etwa die Region verlässt. „Wir brauchen ihn, damit wir den einmaligen Zusammenhalt von so vielen Menschen nicht verlieren.“

Das wünscht sich auch der Chef des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land, Mario Schrumpf, zu dessen Reich die Hälfte des Übungsplatzes gehört. „Jetzt müssen schließlich die verschiedenen Interessen unter einen Hut gebracht werden. Da wäre der Benedikt der richtige Geist.“

Pfarrer Schirge hört bei solchen Komplimenten lieber weg. „Die Menschen selbst haben den Erfolg geschafft. Ich habe nur versucht, ihnen immer wieder etwas Kraft zu geben.“ Er denkt an so manchen Weggefährten, der im Laufe der mehr als anderthalb Jahrzehnte für immer von der Gruppe gegangen ist. Anne-Marie Friedrich gehörte dazu, die als „Mutter Courage“ oder „Großmutter der Freien Heide“ bis zu ihrem Tod 2005 nicht wenige Politiker zum Verzweifeln brachte. Vor allem Rudolf Scharping hat sie gereizt. Als der 1994 mit dem SPD-Wahlkampfbus in Fretzdorf aufkreuzte, verkündete er vollmundig, dass es mit ihm als Kanzler kein Bombodrom geben würde. Im Amt des Verteidigungsministers 1998 konnte er sich angeblich nicht mehr daran erinnern. „Mutter Courage“ aber blieb immer standhaft. Unvergessen bleibt ihr sehnlichster Wunsch: „Wenn ich eines Tages zu meinen Enkeln sagen könnte: Heute ist Sonntag, und die Sonne scheint. Wisst ihr was? Jetzt nehmen wir die Räder und fahren in unsere Heide. Und das ist dann wirklich unsere freie Heide, weil wir alle zusammen das durchgesetzt haben! Das wäre das Schönste, was ich in meinem hohen Alter noch erleben könnte.“ Ihre Enkel können nun wirklich durch die Heide radeln.

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