Zeitung Heute : Bombodrome zu Komposthaufen

Zur Sanierung kontaminierter Böden experimentieren Wissenschaftler in Brandenburg mit einer „Zaubererde“, die schon das Amazonasgebiet befruchtete

Frank Wendler

Altlasten im Boden sind Reste des sorglosen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen; verborgene Gifte, die Zeugnisse industrieller Entwicklung, unsachgemäßer Abfallablagerung oder auch militärischer Nutzungen sind. Dieser unsichtbare Haufen verschmutzter Erde ist riesig. Momentan gelten in Deutschland fast 300 000 Flächen als altlastverdächtig. In Brandenburg sind derzeit etwa 120 000 Hektar Land mit organischen Schadstoffen belastet. Das entspricht acht Prozent der Gesamtfläche des Landes. Diese brachliegenden und teilweise kontaminierten Flächen stehen einer wirtschaftlichen Nutzung nicht zur Verfügung und das bei steigendem Bedarf an Flächen.

Geowissenschaftler der Freien Universität Berlin haben jetzt mit „La Terra“ ein Forschungsprojekt gestartet, in dem auch kontaminierte Böden in Brandenburg wieder nutzbar gemacht werden sollen. Die Gruppe um Projektleiter Professor Konstantin Terytze sowie Verbundkoordinatoren Florian Worzyk und Ines Vogel untersucht, wie durch die Zugabe nährstoffreicher Schwarzerde, der sogenannten Terra Preta, der Schadstoffabbau auf ausgewählten Arealen beschleunigt werden kann.

Die „echte“ Terra Preta (portugiesisch für „schwarze Erde“) ist ein Schwarzerdeboden, der durch Indianer im Amazonasgebiet aus organischen Abfällen und Holzkohle hergestellt wurde. Denn der eigentliche Boden im Regenwald taugt kaum für die Landwirtschaft. Selbst frisch gerodete und mit der Asche abgebrannter Wälder gedüngte Flächen bringen schon nach wenigen Jahren kaum noch einen Ertrag. Die im gesamten Amazonas-Becken gefundene fruchtbare schwarze Terra Preta ist da eine Ausnahme. Auf ihr wachsen Maniok, Papaya und Gemüse über lange Zeit und in bester Qualität. Die Wissenschaftler waren ratlos, zumal sie es mit einem Boden zu schaffen hatten, der sogar zu wachsen schien. Florian Worzyk: „Diese Erde wächst tatsächlich. – sie wird durch die Zugabe organischer Abfälle ,gefüttert’, aus denen wiederum durch die Tätigkeit der Bodenorganismen Terra Preta entsteht.“ In Zusammenarbeit mit Archäologen fanden die Wissenschaftler endlich heraus, dass Terra Preta von Menschen gemacht ist. Offenbar betrieben schon vor Ankunft der spanischen Conquistadoren die Indianer am Amazonas intensive Landwirtschaft, indem sie ihre Felder mit organischen Abfällen düngten. Sie gruben verkohlte Pflanzenreste zusammen mit Abfällen und Exkrementen in den Boden ein und schufen so die Schwarze Erde. Die feine Kohle ist das Geheimnis der Terra Preta – sie bewirkt die hohe Stabilität gegenüber Abbauprozessen, die ansonsten im warmen und feuchten Tropenklima sehr schnell vor sich gehen.

Mittlerweile hat der Zauberboden auch in Deutschland Interesse geweckt. Vor einigen Jahren stieß im nordpfälzischen Hengstbacherhof Joachim Böttcher von der Firma areal gemeinsam mit dem Bodenkundler Haiko Pieplow und dem Landwirtschaftsberater Alfons Krieger bei Versuchen auf den richtigen Mix. Ihre Terra Preta kombiniert Holzkohle mit organischen Materialien – z. B. Grünschnittabfällen und Gärresten aus einer Biogasanlage. Diese Masse reichern sie mit Bakterien und Pilzen an und schon nach fünf Wochen ist die Erde bereit für den Einsatz im Versuchsgarten. Die Pfälzer bauen auf dem schwarzen Boden Gemüse an und erzielen erstaunlichen Ergebnisse: Der Ertrag pro Pflanze ist bis um das Vierfache höher als auf herkömmlichem Boden.

Das Verbundforschungsprojekt „La Terra“ will die Qualitäten von Terra Preta anders nutzen. Es geht den Wissenschaftlern nicht um den Gemüseanbau. Sie wollen ihr Terra-.Preta-Substrat (TPS) u.a. in Brandenburg nutzen, um kontaminierte Böden zu sanieren. Sie glauben, dass ihr Substrat gegenüber konventionellen Bodenverbesserungsmitteln (BVM) viele Vorteile hat: die biologische Abbauleistung von organischen Schadstoffen im Boden – das sogenannte Selbstreinigungspotenzial – ist bei der Terra Preta besser. Außerdem verbessert sie das Wasser- und Nährstoffmanagement der Böden und reichert wertvolle organische Substanz an. Florian Worzyk: „Die Terra Preta ist eine Art Depot von Nährstoffen. Sie werden langsamer und mehr dem Bedarf der Pflanzen entsprechend freigesetzt als Dünger. Außerdem lagert sie durch abbaustabile Biokohle CO2 im Boden ein.“

Momentan experimentieren die Wissenschaftler mit der richtigen Gewichtung der Inhaltsstoffe in ihrer Terra Preta für die sandigen Brandenburger Böden. Das braucht seine Zeit. Anschließend wird das Substrat auf mehreren kontaminierten Arealen zum Einsatz kommen.

Das Verbundforschungsprojekt La Terra will die günstigen Wirkungen von Terra Preta in mehreren Regionen Deutschlands mit speziellen „Bodenproblemen“ erforschen. Im ersten Regionalprojekt im Landkreis Teltow Fläming wollen die Wissenschaftler das Substrat auf militärischen Konversionsflächen einsetzen, die über einen langen Zeitraum vor allem mit Teer, Kraftstoffen oder Schmierstoffen kontaminiert wurden. Die Forscher wollen prüfen, ob durch den Einsatz des Substrats der Schadstoffabbau beschleunigt wird und die Flächen anschließend wieder für die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen zur Verfügung stehen können. In einem zweiten Regionalprojekt in der Westlausitz im Landkreis Oberspreewald-Lausitz geht es um die Rekultivierung von Braunkohlebergbauböden. Hier sollen die natürlichen Bodenfunktionen wiederhergestellt und der Aufbau organischer Bodensubstanz erreicht werden. Nicht abgebaut werden können Schwermetalle wie zum Beispiel Kadmium, Quecksilber oder Blei. Aber derartige Metalle können in unterschiedliche Verbindungen umgewandelt werden, so Projektleiter Konstantin Terytze, Professor am Fachbereich Geowissenschaft der Freien Universität Berlin. Die Schwermetalle selber bleiben mit ihrer Masse in der Erde. Sie werden nicht abgebaut. Es können auch giftigere Verbindungen entstehen als ursprünglich.

Das Projekt ist ein spannender Versuch und könnte durchaus Schule machen. Wenn der Einsatz der Terra Preta in Brandenburg zum Erfolg führt, wird das Substrat sicher auch in anderen Regionen Deutschlands zum Einsatz kommen. Kontaminierte Flächen gibt es leider mehr als genug.

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