Zeitung Heute : Bon Jovi ruft, die Russen kommen

Benedikt Voigt

Vielleicht muss man die beiden Ereignisse zusammen betrachten. Vor über zwei Wochen war in Salt Lake City nur eine Frage bedeutend: Darf die Fahne, die vor dem zerstörten World Trade Center gefunden wurde, ins Stadion getragen werden? Sie durfte. Am Sonntag vor der Schlussfeier beschäftigte man sich mit einem neuen Thema: Werden auch die Russen kommen? Auch sie kamen.

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilderrückblick aus Salt Lake City
Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen Das waren auch die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City: Patriotismus und Sportpolitik. Zu dem Sicherheitsaspekt kam am letzten Tag kam auch noch Doping hinzu. Trotzdem betrachtet das IOC die 19. Winterspiele als großen Erfolg. Der neue IOC-Präsident Jacques Rogge bedankte sich in der Abschlussfeier bei den Gastgebern: "Ihr Menschen aus Amerika, Utah und Salt Lake City habt der Welt ausgezeichnete Spiele gegeben." In einer begeisternden Schlussfeier mit überdimensionalen Dinosauriern und Musik von Bon Jovi übergab der Bürgermeister von Salt Lake City die Olympische Flagge an seinen Kollegen aus Turin. Dort werden im Jahr 2006 die 20. Olympischen Winterspiele stattfinden. Dass die 19. mit einer großen Party endeten, hatte das IOC einer späten Entscheidung des russischen Nationalen Komitees zu verdanken.

"Wir haben es nicht einfach", sagte Leonid Tjagaschew, der Präsident des russischen Olympischen Komitees. Auf der einen Seite gebe es den Beschluss der Duma, dass das russische Team nicht an der Schlussfeier teilnehmen solle. Auf der anderen Seite seien die USA die Gastgeber, die Spiele auf einem sehr hohen Niveau organisiert hätten. "Nach dem, was am 11. September passierte, sind wir näher aneinander gerückt - unser Fehlen wäre nicht richtig gewesen."

Zuvor hatte die russische Delegation noch eine kuriose Pressekonferenz abgehalten. Die acht Funktionäre weigerten sich, Fragen auf Englisch zu beantworten, eine Übersetzung war nicht vorhanden. "Das ist eine russische Pressekonferenz für russische Journalisten", blaffte das IOC-Mitglied Witali Smirnow. Mit den Dopingfällen Larissa Lasutina und Olga Danilowa wolle man sich nicht abfinden. Außerdem formulierte das NOK einen Beschwerdebrief an das IOC. Darin steht unter anderem: "Wir können unsere Augen nicht vor Diskriminierung und unfairen Bewertungen verschließen. Das verletzt unsere Athleten. Das russische NOK verlangt, dass diese Fälle untersucht werden."

Kurz nachdem die russischen Funktionäre ihre Verschwörungstheorie unter das Volk gebracht hatten, trat ein gelöster Jacques Rogge vor die Presse. "Wir sind sehr zufrieden mit diesen Spielen, weil sie die Spiele der Athleten waren", sagte der Belgier. Er hatte während der Spiele im Athletendorf gewohnt. Auch die schnelle Vergabe von zwei Goldmedaillen im Eiskunstlaufen der Paare rechtfertigte er. Das IOC hatte dem kanadischen Paar Sale/Pelletier nachträglich eine zweite Goldmedaille zuerkannt, obwohl die Internationale Eislauf-Union den Fall erst im April zum Abschluss bringen wird.

Zwei Milliarden Dollar kosteten die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City. Rogge erklärte, dass sich die Betriebskosten nur auf 1,3 Milliarden belaufen hätten. "Das sind nicht mehr Ausgaben als in Nagano oder Albertville." Das übrige seien langfristige Investitionen in die Infrastruktur von Salt Lake City. "Die Anlagen werden nicht nach der Abschlusszeremonie verschwinden."

Dafür etwas anderes. Bereits eine Stunde, nachdem die letzte Rakete hinter dem Rice-Eccles-Stadion in die Luft gefeuert war, benötigte man lediglich eine Akkreditierung, um in das Main Media Center zu gelangen. Keine Metalldetektoren, keine Sicherheitsschleuse, keine Soldaten. Ein deutlicheres Zeichen kann es nicht geben: Die Winterspiele von Salt Lake City sind Geschichte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben