Zeitung Heute : Bonbons von den Heiligen Drei Königen

Die spanische Weihnacht ist bunt und schrill

Isabel Bedoya Tourino Guido Mensching

In Spanien gibt es keine weiße Weihnacht, und das, obwohl es in vielen Teilen des Landes schneit. Mit „weiß“ ist die Feierlichkeit der „Stillen Nacht“ gemeint, wie wir sie hier „im Norden“ kennen. Die spanische Weihnacht ist bunt, schrill und laut, mit Weihnachtsliedern, die die Kinder auf der Straße singen und mit denen sie um Belohnung (den aguinaldo) bitten, begleitet von Glockentamburin und zambomba. Es sind fröhliche Lieder, volkstümlich, oft mit profanem, auch pikantem Hintergrund, oder von naiver Freude getragen, voll von Poesie. In Einem gleicht die spanische Weihnacht der deutschen allerdings: Es ist das Fest der Kinder, denn um ein Kind geht es bei diesem Fest ja eigentlich auch. Man feiert zusammen mit Verwandten, je mehr, desto besser. Aber in Spanien gilt darüber hinaus das Motto: Je lauter und vergnüglicher, desto schöner ist es.

Das Fest beginnt am 24. Dezember, abends. Das Haus ist von alters her mit einer kunstvollen Krippe geschmückt – der Weihnachtsbaum kam erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts hinzu.

Bei dem Weihnachtsessen kommt es nicht so sehr darauf an, was gegessen wird. Die Hauptsache ist: etwas Besonderes und viel. Als Dessert: typische Süßigkeiten aus verschiedenen Teilen des Landes: beispielsweise turrón aus Gijona, aus Alicante und aus Cádiz, polvorones aus Estepa, kandierte Früchte aus Aragón und natürlich Marzipan aus dem ehemals jüdischen Zentrum Toledo. Bei allen handelt es sich um sehr „süße Süßigkeiten“, die höchstwahrscheinlich orientalischen Ursprungs sind – immerhin war Spanien in Teilen von 711 bis 1492 arabisch.

Der turrón sieht aus wie eine Tafel Schokolade, und inzwischen gibt es ihn in vielen Geschmacksrichtungen, wenngleich seine älteste Variante aus süßen Mandeln und Honig besteht. Einer Legende zufolge wurde er im Mittelalter zufällig in einer belagerten Stadt erfunden. Die Einwohner hatten in ihren Vorratskammern nur Mandeln und Honig, die sie vermischten, um erstere haltbar zu machen. Der so entstandene turrón diente ihnen als Nahrung, bis die Belagerung vorüber war. Die Sprachgeschichte scheint die Entstehungszeit zu bestätigen: Das Wort turrón war bereits um 1420 dokumentiert und wurde dann auch in das erste, 1495 von Antonio de Nebrija verfasste spanische Wörterbuch aufgenommen. Bei anderen Weihnachtsspezialitäten lässt sich das Alter und die Herkunft ebenfalls etymologisch feststellen: So ist die Bezeichnung alfajores für eine Art spanischer Lebkuchen eindeutig arabischen Ursprungs.

Der Heilige Abend endet mit der Weihnachtsmesse, einer der wirklich feierlichen Augenblicke der katholisch-spanischen Weihnacht. Am 25. Dezember gibt es noch ein Festessen, aber danach gehen viele wieder an die Arbeit – denn einen zweiten Weihnachtstag gibt es in weiten Teilen Spaniens nicht. Die nächste Etappe ist Neujahr, was nicht mit Böllern und Raketen begrüßt wird, sondern mit den traditionellen „Glücksweintrauben“. Zwölf Weintrauben werden gegessen, eine mit jedem der Glockenschläge, die die letzten zwölf Sekunden des alten Jahres einläuten. Dieser Brauch ist nicht sehr alt: Im Jahr 1909 gab es einen Überschuss an Weintrauben. Die Weinbauern haben die Zeremonie mit den Glückstrauben damals absichtlich erfunden, damit die überzähligen Früchte nicht verderben.

Den im wahrsten Sinne des Wortes „krönenden“ Abschluss der spanischen Weihnacht bildet der Dreikönigstag. Seit etwa 1850 schreiben die spanischen Kinder den Heiligen Drei Königen Briefe mit der Bitte um Geschenke. Die Überreichung der Geschenke durch die drei Weisen ist allerdings weitaus älter, was man daran erkennen kann, dass dieser Brauch im Zuge der Kolonisierung auch in vielen lateinamerikanischen Ländern Fuß fassen konnte.

Die Feierlichkeiten beginnen bereits am Abend des 5. Januar: Dann nämlich ziehen die Heiligen Drei Könige in karnevalsähnlichen Umzügen in alle Städte Spaniens ein. Dort werden sie von den Einwohnern (und manchmal sogar vom Bürgermeister) empfangen, die daraufhin mit einem Bonbonregen belohnt werden. Am späteren Abend bringen die Heiligen Drei Könige dann die Geschenke, genauso, wie sie es vor rund 2000 Jahren schon einmal für ein Kind getan haben. Und somit werden sie am frühen Morgen des 6. Januar von den Herzen der spanischen Kinder jedes Jahr erneut zu wahren Königen erhoben.

Isabel Bedoya Touriño ist Anglistin und lebt seit etwa 15 Jahren in Deutschland. Guido Mensching ist Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

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