Zeitung Heute : Bonnie und Clyde bei Ebay

Hat ein Ganovenpaar 270 User bei Online-Auktionen geschädigt?

Ulrike Heitmüller

„Ich verstehe nicht, warum die Leute das immer wieder machen!“ Nina Zech, Staatsanwältin in Mönchengladbach, kann sich nicht genug über manche User wundern, die bei Internet-Auktionen „zum Teil Beträge bis zu 1000 Euro überweisen“ – als Vorkasse. Mit dieser Naivität lässt sich ein lohnendes Geschäft machen: Ein Ehepaar soll auf diese Art und Weise von etwa 270 Usern mehr als 150 000 Euro ergaunert haben.

„Erst bei Ebay, dann bei Ricardo und schließlich auf eigenen Internetseiten“ hätten Herr und Frau Q. mit verschiedenen Verkäufernamen hochwertige Waren wie Lederkleidung von Designermarken und Digitalkameras zu sehr günstigen Preisen angeboten. Die User zahlten – und warteten fast immer vergeblich. Das beschuldigte Ehepaar Q. behauptet nach wie vor, es handele sich um viele Missverständnisse und verweist auf seine Antworten zu Vorwürfen von Usern unter der Domain www.snakecity.de .

Die Staatsanwältin bestätigt, dass seit 2001 ermittelt werde und dass drei Ermittlungsverfahren gegen das Ehepaar Q. liefen. Es seien zweimal 100 und einmal 70 Geschädigte versammelt, die Schadenssumme betrüge 100 000 Euro, 25 000 und 30 000 Euro. Kann man den Beschuldigten nicht das Handwerk legen? „Wenn Sie uns sagen, wie wir das machen, dann gerne“, sagt Lothar Gathen, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob dringender Tatverdacht besteht. User, die sich bei Käufen im Internet betrogen fühlen, haben inzwischen zur Selbsthilfe gegriffen. In Newsgroups, Userforen und Homepages wie eben www.snakecity.de treffen sie sich, schimpfen und tauschen Ratschläge miteinander aus.

Schwarze Listen

Snakecity stellt sich als „Verbraucherschutz Community“ vor, auf einer „schwarzen Liste“ werden angeblich suspekte Unternehmen genannt. Allein drei von zehn dieser Firmen werden mit der Familie Q. in Verbindung gebracht: 13 User hätten demnach bei camdexx.de insgesamt 31 283,60 Euro Schaden erlitten. Sieben Internet-Nutzer wollen durch Einkäufe bei secret-mobile.de 4047,20 Euro verloren haben, und 25 Usern seien bei worldofdesigners.de 7043,20 Euro abhanden gekommen. Und wer bei Google sucht, findet Foren über Auktionshäuser und Digitalfotografie, in denen das Ehepaar Q. in zahlreichen Beiträgen beschuldigt wird, bezahlte Ware nicht ausgeliefert zu haben.

Eine Suchanfrage bei der Denic ergibt, dass Frau Q. Domaininhaberin von worldofdesigners.de und Herr Q. Inhaber von secret-mobil.de und camdexx.de ist. Derzeit sind die drei Websites nur eingeschränkt nutzbar. Bis vor kurzem jedoch nahm camdexx.de noch mit fetter schwarzer Schrift auf rotem Hintergrund für sich in Anspruch, „der Top-Online-Shop für Media Technologie zu sein“. Und behauptete: „Wir führen nur namhafte Hersteller.“

Aktenzeichen secret-mobil

Worldofdesigners, camdexx und secret-mobil sind eingetragene Verkäufernamen bei Ebay. Unisono steht bei jedem Namen: „Dieser Verkäufer bietet derzeit keine Artikel zum Verkauf an.“ Das Online-Auktionshaus soll die Verkäufernamen gelöscht haben, will sich aber zu dem laufenden Ermittlungsverfahren nicht äußern. Es heißt nur: „Da sehe ich auch die Selbstverantwortung auf der Seite der Käufer“, wie Pressesprecherin Maike Fuest auf Anfrage erklärte. In der Tat kann man sich bei Ebay über den jeweiligen Anbieter informieren. Und wer auf Nummer sicher gehen will, zahlt größere Beträge niemals mit Vorkasse, sondern über ein Treuhandkonto – was aber nicht jeder Verkäufer akzeptiert. In solchen Fällen sollte immer nachgesehen werden, wie andere Ebay-Nutzer diesen Anbieter bewerten.

Die Methode hat allerdings einige Nachteile: Erstens kann sich ein gewiefter Verkäufer unter Decknamen, die problemlos erhältlich sind, gute Bewertungen selber schreiben. Zweitens kann er bei zu vielen schlechten Bewertungen einfach unter einem anderen Verkäufernamen neu einsteigen. Drittens kann jeder Verkäufer, falls ihm die Bewertungen unlieb sind, die jeweiligen Begründungen dazu unsichtbar machen. Sichtbar ist dann bloß noch, dass der Verkäufer Kritik einstecken musste. Dies sollte Warnung genug sein, findet Frau Fuest. Die User sollten gründlich nachdenken: „Möchte ich da, wo ich die Kommentare nicht besuchen kann, bieten oder nicht. Sie müssen ja selber wissen, bei wem sie kaufen wollen.“

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