Zeitung Heute : Boomender Markt im Verborgenen

An dem dynamischen Bereich der Derivate in der globalen Finanzszene entzünden sich die Geister der Experten

Udo Rettberg

Derivate sind das dynamischste Segment der globalen Finanzszene. Ungeachtet ihres gigantischen Wachstums und ihrer immer stärkeren Akzeptanz sind diese Instrumente nicht unumstritten. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der weitaus größte Teil des globalen Derivate-Spektrums eine enorme Intransparenz aufweist. Dass Derivate im Einzelfall ihre Aufgabe als Risikosicherungsinstrument erfüllen, ist nicht länger umstritten. Vorausgesetzt, sie werden fachkundig eingesetzt. Dass Derivate in ihrer Gesamtheit für die Stabilität des Welt-Finanzsystems kein Risiko darstellen, gilt bislang jedoch noch nicht als bewiesen.

Derivate blühen also praktisch im Verborgenen. Die Kritik an Derivaten orientiert sich auch daran, dass Banken immer komplexere Strukturen dieser Finanzinstrumente entwickelt haben, die nicht nur erklärungsbedürftig sind, sondern auf Seiten der Banken auch ein effizientes Risikomanagement erfordern. Die zunehmende Komplexität der Materie und der grundsätzliche Mangel an Transparenz haben in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen lassen, als seien Derivate eine Gefahr für die Stabilität des Welt-Finanzsystems.

Die Finanzmärkte vermitteln indes einen solchen Eindruck nicht auf den ersten Blick. Eine Analyse der globalen Börsenlandschaft macht sehr wohl deutlich, dass die Risikoprämien wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase und der üppigen Ausstattung der Märkte mit (billiger) Liquidität auf vielen Märkten massiv zurückgegangen sind. Dies macht die Märkte für negative Überraschungen anfällig. Nicht vergessen werden darf in diesem Kontext auch, dass das Welt- Finanzsystem durch die Schaffung komplex erscheinender Finanzinstrumente im Bereich des Transfers von Kreditrisiken durch ein erhöhtes und vielfaches Engagement in gehebelten Positionen (zum Beispiel in Kreditderivaten wie Collateralized Debt Obligations – CDOs) gekennzeichnet ist. Risiken resultieren darüber hinaus auch aus dem starken Wachstum der vornehmlich mit Fremdkapital finanzierten Firmenübernahmen.

Kein Zweifel also: Das globale Finanzsystem muss sich immer neuen Herausforderungen stellen. Diese sind eindeutig auch eine Folge der stürmischen technologisch-ökonomischen Entwicklung, der grenzüberschreitenden Vernetzung der Finanzmärkte und der dadurch bewirkten Interdependenzen. „Wenn diese Triebkräfte auch weltweit wirken, so ist doch erkennbar, dass sie von anglo-amerikanischen Ländern ausgehen und dort auch stärker genutzt werden“, sagt Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark. Dies seien jene Länder, die eine größere Flexibilität aufweisen. Neue Trends und Innovationen kommen meist von den dynamischen und innovationsfreundlichen Regionen. Sie würden das wirtschaftliche Umfeld für alle massiv verändern.

Nicht zuletzt wegen der auf den globalen Finanzmärkten bestehenden Chancen (und Risiken) haben neue, teils aggressive Akteure wie Hedge-Fonds und Private Equity-Anbieter inzwischen auch in Europa die Kräfteverhältnisse verschoben. Einige Beobachter schließen aus diesen Entwicklungen auf die Gefahr zunehmender Risiken für das Welt-Finanzsystem. „Aus Gründen der Finanzstabilität bleibt es dringlich, die Transparenz in diesem Segment zu erhöhen“, hebt Bundesbank-Präsident Axel A. Weber warnend den Zeigefinger. Zudem bleibe zu prüfen, ob die Marktteilnehmer die eingegangenen Risiken angemessen überblicken und wie widerstandsfähig die Märkte bei größeren Marktanspannungen seien.

Ein klares Urteil über die neuen Strukturen in der internationalen Finanzszene steht allerdings nach wie vor aus. Dies gilt auch für den boomenden Derivatemarkt. Über den seit Jahren schwelenden Streit, was den Sinn oder Unsinn von Derivaten betrifft, gibt es bis heute keinen Konsens. Auffallend ist dabei, dass selbst unter den führenden Köpfen der Finanzmärkte keine Annäherung der Standpunkte herbeizuführen ist. Während zum Beispiel der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan immer wieder die Vorteile von Derivaten im Transfer von Risiken erläuterte, ist Investment-Guru Warren Buffett einer jener Vertreter, der Derivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ sieht.

Das Volumen der außerbörslich gehandelten Derivate ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen – und zwar über alle Segmente der Märkte hinweg. Interessant zu beobachten war dabei, dass derivative Instrumente für den Transfer von Kreditrisiken bei diesem Wachstum an führender Stelle waren. Diese Instrumente erlauben eine breitere Streuung und damit auch eine effizientere Allokation von Kreditrisiken in der globalen Finanzwirtschaft. Andererseits können Kreditrisiken gegen andere, oft schwerer zu erfassende Risiken ausgetauscht werden. Dazu gehören etwa Kontrahentenrisiken wegen einer hohen Konzentration auf wenige Handelspartner oder operationelle Risiken etwa durch Schwächen der Marktinfrastruktur oder die verzögerte Bestätigung von OTC Kontrakten. Die hohe Komplexität der Produkte zum Kreditrisikotransfer macht es sehr schwierig, sie richtig zu bewerten sowie Risiken adäquat einzuschätzen und zu managen, sagt Bundesbanker Stark.

Bei der Immobilienfinanzierung werde – vor allem in den USA – immer stärker von „exotischen“ Instrumenten Gebrauch gemacht, durch die es Kreditnehmern möglich werde, den Schuldendienst über einen längeren Zeitraum nach hinten zu verlagern. Auf diese Art und Weise werden Risiken in die Zukunft verlagert. Auch das rasante Wachstum von Hedge-Fonds wird von Stark als ein typisches Beispiel für die jüngsten Herausforderungen bezeichnet. „HedgeFonds erhöhen die Effizienz der Märkte“, gibt Stark zu. Er schränkt jedoch gleichzeitig ein, dass man zu wenig über ihre Geschäfte und die eventuell mit ihremWirken einhergehende Risiken wisse.

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