Zeitung Heute : Borbone

Gutes altes Italien

Elisabeth Binder

Eine hanseatische Teilzeitberlinerin machte mich auf ihren Lieblingsitaliener aufmerksam, um den sie sich Sorgen machte. Denn selbst im Borbone ist es in letzter Zeit öfter mal eher leer, obwohl das Restaurant gewissermaßen zum Uradel gehobener italienischer Küche zählt.

Das Ambiente provozierte auf Anhieb Wohlfühl-Seufzer bei meinem Begleiter aus dem stilbewussten Blankenese: bequemes und sehr gediegenes, aber schon etwas abgesessenes Mobiliar mit kleinen blanken Stellen, schmiedeeiserne Gitter, holzverkleidete Wände, einzelne, voll erblühte gelbe Rosen auf den Tischen, leise abgetretener Teppichboden. Was in Berlin leicht wie die arme Verwandtschaft der marmorglaschromglitzernden In-Italiener im ehemaligen Ostteil der Stadt herüberkommt, rührt gleichzeitig mit seiner tapferen Vornehmheit. Das Publikum wirkte betont kultiviert. Vorüberschwirrende Gesprächsfetzen handelten entweder von der Opernkrise oder vom Theater.

Eine sehr freundliche und vive Empfangsdame trug uns die Empfehlungen des Tages vor. Was mich zugegeben etwas verstörte, war die Tatsache, dass sie sich später beim Kredenzen des ansonsten sehr frischen, schönen Weins, einem Greco di Tufo für 24,50 Euro, einer bereits benutzten Serviette bediente. Mein Begleiter aus dem sonst so pingeligen Blankenese fand da gar nichts bei, mich dagegen hypochondrisch. Wahrscheinlich gehört das zum Stil in Ehren verarmter Vornehmheit dazu. Trotz der vielen dekorativen Flaschen ringsum legt man keinen verschärften Wert auf Weinberatung. Auf unsere Frage nach einem bestimmten Jahrgang wurde einfach die Flasche zum Selbergucken herbeigeschleppt.

Köstlich war das heiße Fladenbrot, das es zu den Vorspeisen gab. So gutes Brot habe ich selten in italienischen Lokalen bekommen, fast wie Kuchen. Vorzüglich auch die gemischten, gebratenen Pilze (9,50 Euro). Bei den Zutaten wird hier ganz offensichtlich nicht gespart, und das ist die Hauptsache. Das Lachscarpaccio kam nicht ganz nach der in der Karte beschriebenen Zubereitung, war aber mit Zitrone und roten Zwiebeln durchaus geschickt in Szene gesetzt (9 Euro).

Dem im Ofen mit Kräutern und Weißwein gegarten Seewolf blieben zwar noch ein paar Gräten erhalten, obwohl er am Tisch mit Sorgfalt filetiert wurde. Ansonsten war er aber wirklich perfekt, sehr frisch, sehr saftig, sehr gekonnt gewürzt (17 Euro). Auch die Scampi alla Pescatora in einer pikanten Sauce besaßen einen suchterzeugenden Geschmack (18 Euro). Dazu gab es ausgezeichnetes Gemüse, Zucchini, grüne Bohnen, Karotten und Erbsenschoten. Erstaunlich, wie der Koch das hinbekommen hat. Wir sahen ihn gelegentlich rauchend mit Stammgästen an dem einen oder anderen Tisch sitzen. Eine kleine spitze Bemerkung darüber nahm mir mein begeisterter Begleiter als unwürdig spießig fast übel. Schön, dass es zum Nachtisch neben all den sahnigen Evergreens auch einen Beerenteller gibt. Eine kleine Kugel Vanilleeis umlagern dekorativ arrangierte Himbeeren, Erdbeeren und Blaubeeren unter einer fruchtigen, offensichtlich selbst angerührten Beerensauce (7,50 Euro).

Selbst den Grappa-Test hat das Borbone-Team mit Bravour bestanden. Auf unsere Bitte um einen „guten Grappa“, der anderswo schon mal mit an die seligen Lire erinnernden Beträgen berechnet wird, kam ein wunderbarer, milder und großzügig portionierter Digestif, der mit behutsamen vier Euro auf der Rechnung zu Buche schlug. Dafür sicherte sich ein junger Kellner das zurückgelassene Trinkgeld, bevor wir ihm noch ganz den Rücken zugedreht hatten. Kurz vorher fiel mir noch auf, dass auf der Toilette Handtücher fehlten und auch die Qualität der Seife ausbaufähig wäre.

Hoffen wir also, dass die schlechten Zeiten langsam mal zu Ende gehen und ein bisschen Geld für eine moderate Renovierung in die Kasse kommt. Aber wer weiß, vielleicht würde es auf wirklich vornehme Hanseaten dann nicht mehr ganz so gemütlich wirken.

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