Zeitung Heute : Borkum: Seelenmassage in Gummistiefeln

Ruth Bydekarken

Im Sommer verkehren täglich drei Fährschiffe zwischen Emden und Borkum, im Winter zwei. Versprengte Faschings-Flüchter wie wir erleben an einem Freitag Abend in Emden-Außenhafen allerdings ihr "graues" Wunder. Eine lange Auswanderer-Schlange schiebt langsam in den Bauch von MS "Ostfriesland". Haben sich denn alle Kurgäste, von denen die Insel hauptsächlich im Winter lebt, verschworen, mit uns zu reisen? Aber nach zweieinhalb Stunden Überfahrt empfängt uns frische Nordseeluft und am Quai steht eine altmodische Kleinbahn, deren bunte Waggons schnurrige Namen wie "Fischerbalje" und "Greune Stee" tragen. Auf hölzernen Bänken sitzend zuckelt nun jedermann beglückt ins Städtchen.

Mit 35 Quadratkilometern ist Borkum die größte der ostfriesischen Inseln. In Sturmfluten hat sie reichlich Terrain verloren und sieht heute auf der Landkarte wie ein Möwenkopf mit Hühnerschenkel aus. Vor der weiten Emsmündung konnte sie ihre Position freilich besser als ihre Schwestern behaupten, die in der ewigen Drift von Nordwest nach Südost wandern mussten. Trotzdem bleiben millionenteure Über- und Unterwasserbuhnen, ein gigantischer Betondeich und regelmäßige Sandvorspülungen unerlässlich. Halbwegs verankert liegt das Seebad mit seinen 7000 Einwohnern und 2400 Gästebetten also im Westen, während die restliche Insel als Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer mit Wind und Wellen dem natürlichen Wandel folgt. Für Autofahrer gibt es lediglich drei Straßen - zum Hafen, Flughafen und zu der kleinen Bauernsiedlung Ostland -, die Wildnis kann man nur per Rad oder Pedes erkunden.

Für die Seelenmassage läuft man mit Führer und geliehenen Gummistiefeln bald zu den Seehundbänken nördlich des Ortes. Bei Niedrigwasser faulenzen etwa hundert Tiere auf einem Sandrücken am Hohen Riff, welches zu den gefährlichsten Untiefen der Nordsee zählt und der früher armen Insel viel erfreuliches Strandgut bescherte. Hat man genug Prile und Pfützen durchquert und kommt den Schwabbelviechern auf die gebotenen 500 Meter nahe, sieht man sie sanft aus Knopfaugen blinzeln. In wehenden Schleiern weißen Sandes treibt man indessen nach Südosten ab, nur ein ständig korrigierter Kurs bringt einen sicher ins Städtchen zurück. Anmutig im Zuckerbäckerstil grüßt es von weitem, überragt vom Neuen Leuchtturm, der verheißungsvolle Strahlen durch die einbrechende Dämmerung schickt.

Seit 150 Jahren ist Borkum Nordseeheilbad. Legte Wilhelm Busch sich noch "auf die Düne und dichtete was für Hermine", beklagte er zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits die entschwundene Idylle. Kleinbahn, große Hotels, Kurkapelle und strenge Badesitten - seinerzeit so schrecklich modern - entzücken nostalgisch gestimmte Besucher heute. Ganz gleich, ob sie freiwillig oder unfreiwillig kuren. Im Hochseeklima der Insel sitzen ohnehin alle im selben Boot. Geheilt werden vor allem Erkrankungen der Haut und Atemwege. Man kennt sich bald und macht ein Schwätzchen mit dem Drei-Wochen-Kandidat vom Knappschaftsheim, der, volle Lunge voraus, die lange Seepromenade mehrmals täglich auf und ab radelt. Überhaupt ist der Kurgast mit Verordnung dem ohne eine solche äußerst nützlich. Dank sieben Kliniken und Heimen nämlich sind die meisten Hotels, Läden, Restaurants und Sehenswürdigkeiten im Winter geöffnet.

Jenseits von Kaisers Arkadien und den Kureinrichtungen liegt der alte Ortskern mit engen Gassen und windschiefen Bäumen. Ein Dorf ist das nicht mehr, doch verbreiten traditioneller Backstein und weiße Sprossenfenster eine gemütliche Atmosphäre. Vorbei am Heimatmuseum im alten "Dykhus" - Deichhaus - führt der Weg, an Stechpalmen voll zwitschernder Meisen, am Alten Leuchtturm mit seinen urigen Grabsteinen und vielen geborstenen Walkieferknochen. Im 18. Jahrhundert fuhr halb Borkum auf Walfang nach Grönland, zunächst auf holländischen, dann auf deutschen Schiffen und brachte sowohl Jagd-Trophäen als auch Delfter Kacheln heim.

Borkums Ostland kann man auf langen Wanderungen kennenlernen, auf vorgegebenen Pfaden des Nationalparks wohlgemerkt. In den Dünen kreuzen Fasane, Kaninchen und Rehe zwischen mannshohen Rosenbüschen und Sanddorn. Am offenen Meer gellen Möwenschreie über schier endlose, einsame Strände. Und auf der Wattseite am Tüskendörsee beginnen Lachmöwen und Seeschwalben auf Salzwiesen zu nisten. Noch gakeln ganze Clans von Brand-, Grau- und Nonnengänsen den Frühling herbei, sind die großen Zugvogelschwärme nicht eingetroffen. Aber zur Freude des Wanderers stolzieren Säbelschnäbler, Brachvögel und Strandläufer am Fernglas vorbei und Heerscharen von Austernfischern zetern am Flutsaum.

Zuweilen schaut der Strand an der Seepromenade so menschenleer aus wie am ersten Schöpfungstag. Man genießt das grandiose Panorama aus Meer und Himmel in vollen Zügen und folgt mit wechselndem Wetter seinem Licht, seinen Farben und Stimmungen, von himmelblau bis melancholisch, von stürmischen Wogen bis weißen Girlanden. Und stets prickelt Sekt in den Lungen.

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