Zeitung Heute : Borstenvieh wie im Mittelalter

Der Tagesspiegel

Von Dagmar Schmauks

Eine quietschvergnügte Ferkelei ist zurzeit im Museumsdorf Düppel zu sehen: Die Sau Elena hat im Januar acht rostrote Junge geworfen, teils weiß gescheckt, teils schwarz getüpfelt. Die Schweinebande pflügt fleißig den Boden ihres Geheges um und lauert auf Leckerbissen der Besucher, während die Großeltern Eleonore und Fridolin III. sowie Onkel Knut öfters ihre Rüssel neugierig durchs Gatter strecken.

Elena wäre mit ihren drei Jahren sicher beleidigt, wenn man sie „alte Sau“ nennen würde, aber ihrem Aussehen nach stammt sie eigentlich aus dem Mittelalter. Sie gehört nämlich zur Rasse der Düppeler Weideschweine, die seit 1980 von Werner Plarre und anderen Zoologen der Freien Universität Berlin rückgezüchtet wurden. Der Ausdruck „Rückzüchtung“ wurde um 1930 geprägt, als man den ausgestorbenen Auerochsen neu züchtete. Inzwischen wurden auch alte Haustierrassen rückgezüchtet.

Hautnah Mittelalter erleben

Solche Rückzüchtungen sind nicht nur eine Herausforderung für die Zoologie, sie haben auch in anderen Bereichen einen besonderen Nutzen. Einer zeigt sich vor allem in historischen Rekonstruktionen wie dem Museumsdorf: hier sind die Weideschweine und andere Rückzüchtungen eine kulturhistorische Bereicherung, denn nun kann man heutigen Menschen „hautnah“ lebende Tiere zeigen, die sie bisher nur von Abbildungen her kennen. Die Schweinefamilie, die sich jetzt dort tummelt, sieht genauso aus wie ihre Vorfahren auf Dürers Kupferstich „Der verlorene Sohn“. Der gescheckte Eber Fridolin III. im Museumsdorf könnte für ein Bild von 1530 im Dresdner Kupferstichkabinett Modell gestanden haben. Die Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Dorfes und die Tiere bilden somit eine Einheit. Sie erlaubt es, sich das Leben in einem mittelalterlichen Dorf besonders anschaulich vorzustellen.

Rückzüchtungen tragen darüber hinaus dazu bei, das schnelle Aussterben von Arten und die damit einhergehende genetische Verarmung abzubremsen. Moderne marktorientierte Züchtungen konzentrieren sich auf wenige Eigenschaften: die Tiere sollen vor allem schnell schlachtreif werden und viel mageres Fleisch liefern.

Andere Eigenschaften sind in der intensiven Tierhaltung mittlerweile weniger wichtig. Beispielsweise ob die Tiere vielerlei Futter verwerten können, rauhe Witterungsbedingungen aushalten oder sich fürsorglich um den Nachwuchs kümmern. Dadurch schwindet die genetische Vielfalt. Zudem sind die heutigen Mastschweine ziemlich anfällig gegen Stress und Krankheiten.

Ausgehend von diesem Befund begann man, Weideschweine und andere ausgewählte Arten gezielt nachzuzüchten. Eine einmal ausgestorbene Rasse lässt sich jedoch grundsätzlich nicht wirklich wiederbeleben. Man kann aber die noch verbliebenen Nachkommen untereinander und mit ihren Wildformen so kreuzen, dass die verlorengegangenen Gene zum Teil rekombiniert werden. Die Tiere des heutigen Weideschweinbestandes stammen zu rund je einem Drittel von Wildschweinen, ungarischen Wollschweinen („Mangalitza-Schweine“) und anderen Landrassen ab. Sie sind damit eine wertvolle genetische Ressource für die Zukunft.

Das Zuchtziel sind Tiere, die der Ursprungsform in Aussehen und Verhalten möglichst ähneln. Die Düppeler Schweine haben genau wie Wildschweine schlanke Beine, ein dichtes Borstenkleid, einen deutlichen Borstenkamm auf dem Rücken, Stehohren, beeindruckende Eckzähne („Hauer“) und einen langen Rüssel. Einige der Ferkel weisen in der ersten Zeit hellbraune Längsstreifen auf wie Frischlinge.

Das Verhalten der Rückzüchtungen unterscheidet sich deutlich von dem normaler Stallschweine. Während etwa die Eber heutiger Rassen die Ferkel häufig auffressen, sind die Düppeler Eber besorgte Väter, die sich beim Hinlegen vergewissern, dass sie kein Ferkel zerquetschen. Sie dulden es auch gutmütig, dass sich die ganze Ferkelbande – ordentlich nebeneinander liegend – bei Kälte auf ihrem Rücken wärmt.

Im Mittelalter war es üblich, dass die Hirten die Schweine eines Dorfes durch abgeerntete Felder und Brachfelder führten. Im Herbst kam die Buchecker- und Eichelmast in den Wäldern hinzu.

Diese arbeitsintensive Haltung wurde zwar mit der Zeit unrentabel, bis ins 20. Jahrhundert hatten viele Stallschweine dennoch Auslauf mit Möglichkeiten zum Wühlen und Suhlen. Dann begann die Massentierhaltung in Großmästereien. Im vergangenen Jahrzehnt haben die rückgezüchteten Weideschweine ein beachtliches Comeback erlebt. Sie sind besonders geeignet für die extensive Landwirtschaft und haben sich schnell als preiswerte und genügsame Landschaftspfleger beliebt gemacht. Sie wühlen unermüdlich nach Nahrung und erhalten dadurch wertvolle Freiflächen, auf denen lichtbedürftige Pflanzen überleben können.

Artenvielfalt erhöht sich

Ein Beispiel ist Trockenrasen, der Heuschrecken, Schmetterlingen und Vögeln Lebensraum bietet. Die wühlenden Schweine erhöhen also die Artenvielfalt solcher Lebensräume. Auch in Sumpfgebieten finden sie ideale Weideflächen, die ohnehin für andere Nutztiere kaum in Frage kommen.

Weideschweine werden zudem bei ernährungsbewussten Kunden immer beliebter. Sie wachsen viel langsamer als Stallschweine und haben ein viel festeres und schmackhafteres Fleisch. Mittlerweise besteht in der Mark Brandenburg eine Züchtergemeinschaft mit fünf Betrieben, auf denen derzeit insgesamt rund 250 Tiere gehalten werden.

Artgerechte Tierhaltung ist auch eine Wohltat fürs Gemüt. Es macht einfach Freude, vergnügte Tiere zu sehen, die dem Ausdruck „Glücksschwein“ alle Ehre machen.

Museumsdorf Düppel, Clauertstraße 11. Öffnungszeiten: vom 23. März bis 6. Oktober 2002 an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17 Uhr und donnerstags von 15 bis 19 Uhr

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