Bosnien-Herzegowina zehn Jahre nach Kriegsende : Wo die Toten sind

Ihr Mann starb in Srebrenica, ihr Sohn – sie weiß es nicht. Ihr Blut soll helfen, die Gebeine in den Massengräbern zu finden

Ariane Bemmer[Sarajevo]

Sie hat auf dem Sofa gesessen, im Wohnzimmer der Schwägerin in Sarajevo, es war ein Apriltag vor drei Jahren. Die von der Organisation waren pünktlich, sie waren zu zweit, ein Mann und eine Frau. Sie haben sich vorgestellt und ihr Köfferchen aufgeklappt, in dem alles bereit lag und ihr mit dem kleinen Dorn in den rechten Ringfinger gestochen. Sie haben vier Tropfen Blut aus der Stelle gedrückt, mit Papierstreifen aufgenommen, die sie in kleine Plastiktüten mit Strichcode-Streifen verpackten. Sie haben die Telefonnummern der Organisation hinterlassen, dann waren sie wieder weg. Ein Pflaster war nicht nötig.

Was Azemina Mustafic seitdem hofft und fürchtet, ist, dass die Blutstropfen eine Gewissheit schaffen. Dass sie ihr sagen, wo ihr Sohn ist und wo ihr Mann.

Wie Dampf wabert weißer Staub über dem Steinbruch. Grobe Maschinen zerkleinern den Boden zu Brocken, Kipplaster kommen hinter Kieselbergen hervor, Schaufelbagger graben sich durch das Geröll. Hinter dem Steinbruch ein paar Minuten den Weg hoch liegt das Dorf Liplje. Ein Bach rinnt neben der Straße talwärts, es ist Anfang Juni im Jahr 2005. Seit Mai graben sie wieder. Im Winter, wenn der Boden gefroren ist, machen sie Pause. Weil sie beim Graben Knochen zerbrechen könnten. Jetzt, im Frühling, ist der Boden weich, und im Schatten eines Zeltdaches haben die von der Organisation schon einen halben Meter tief gegraben. Oberschenkelknochen ragen in die Luft.

Das Grab von Liplje ist ein Tatort. Vielleicht ist es mit den Maschinen aus dem Steinbruch ausgehoben worden. Man wird das herausfinden. Ein Staatsanwalt ist hier, ein alter Mann mit einem zerknautschten Hut und einem speckigen Notizblock. Der Staatsanwalt sagt: „Nur wenn man die Täter findet und verurteilt, kann es hier wieder Frieden geben.“ Was sie schon wissen, ist, dass die Knochen hier aus Srebrenica stammen. Das hat der Mann gesagt, der ihnen anonym und am Telefon verriet, wo sie buddeln müssen. Azeminas Mann, Bego Mustafic, ist in Srebrenica getötet worden.

Wann ist ein Krieg zu Ende? Wenn nicht mehr geschossen wird und Verträge unterzeichnet wurden? Oder erst, wenn die Toten gefunden und beerdigt sind?

Die Blutstropfen von Azemina Mustafic kamen nach Tuzla, in die Labore, die im fast leer stehenden Sportpalast im Stadtzentrum untergebracht sind. ICMP, steht an der Glastür. International Commission on Missing Persons. Die Organisation. Ihre Gründung haben die G7-Staaten 1996 bei dem Gipfeltreffen in Lyon beschlossen. Ihr Budget sind Regierungsspenden von mehr als einem Dutzend Ländern. Sie hat 180 Mitarbeiter, ihren Hauptsitz in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina, Labore in Sarajevo, Tuzla, Banja Luka, Büros in Serbien, Montenegro und Kroatien. Sie kommt von außen, sie ist neutral, deshalb kann sie mit den lokalen Behörden zusammenarbeiten, ohne der Parteinahme verdächtig zu sein.

Die Organisation ermittelt, wer die anonymen Toten sind, die die Bürgerkriege in Jugoslawien zurückgelassen haben. 1991, der Krieg der Serben gegen Slowenen und Kroaten, 1992 bis 1995 der Krieg in Bosnien-Herzegowina, später der Krieg in Kosovo. Mehr als 1000 Massengräber wurden bereits geöffnet. 7700 Tote hat ICMP bisher identifiziert, es würden noch 20000 Personen vermisst, schätzen sie in Sarajevo, allein 6000 aus Srebrenica – dem Ort des Massenmords. Am 11. Juli 1995 stürmten Serben die Stadt, die sie seit 1992 eingekesselt hatten, 8000 Muslime sollen sie in einer Woche getötet und in Massengräber geworfen haben. Es gibt ein Video, das zeigt, wie Muslime, Hände auf dem Rücken gefesselt, von hinten erschossen werden. Die paramilitärische Serbentruppe „Skorpione“ hat den Film gedreht. Er wurde vor kurzem im Fernsehen gezeigt. Azemina Mustafic hat Ausschnitte gesehen.

Als nach dem Krieg die ersten Massengräber geöffnet wurden, fand man darin Tote, die anhand von Kleidung oder Schmuck erkannt wurden. In den Gräbern, die jetzt geöffnet werden, liegen nur noch durcheinander geworfene Knochen. Die Serben haben nach dem Krieg Spuren beseitigt. Heimlich die Gräber ausgehoben und die Toten anderswo vergraben. „Diese Orte nennen wir Sekundärgräber“, sagt ICMP-Chefin Kathryne Bomberger in ihrem Büro in einem gläsernen Neubau von Sarajevo. Bei der hastigen Arbeit, oft nachts und mit schweren Geräten erledigt, sei viel zerstört worden. „Bodies in pieces“, sagt Bomberger. Zerteilte Leichen. Mancher Tote sei dabei über zwei, drei solcher Sekundärgräber verteilt worden. Bomberger sagt: „Es ist ein gigantisches Puzzle.“

Liplje ist so ein Sekundärgrab. Unter dem Zeltdach haben sie die Spachtel beiseite gelegt, es ist 12 Uhr, Mittagspause. Wo sie einzelne Knochen im braunen Lehm gefunden haben, flattern rote Fähnchen. Die Stellen, wo mehrere Skelettteile liegen, sind mit roten Bändern umrahmt. Am Grubenrand liegt ein Stück Wirbelsäule.

Dass sie zehn Jahre nach Kriegsende überhaupt noch Identitäten ermitteln, liegt an der neuen Technik. Die Forensiker, Informatiker, Biochemiker, Archäologen und Kriminalisten von ICMP haben die Suche nach Vermissten revolutioniert, sie haben sie umgedreht. Früher hat man versucht, die Toten anhand von Beschreibungen zu identifizieren, wenn am Ende Unsicherheit blieb, hat man Blutproben der Verwandten genommen und deren DNA-Profil mit dem der Knochen verglichen. Jetzt fangen sie bei den Verwandten an. Nehmen von möglichst vielen Blutproben, aus denen DNA-Profile erstellt werden. Auf dem Computerbildschirm ist das ein Diagramm mit 16 verschieden langen Strichen, es sind nur Merkmale, keine Informationen über Erbgut, Veranlagungen oder Aussehen. Diese Merkmale gleicht der Computer ab mit den DNA-Profilen aus den gefundenen Knochen. Seit 2002 läuft die neue Software. Bis zu 350 Identitäten ermittelte sie pro Monat. Vor 2002 gab es rund 70 Identifikationen – im Jahr.

Der Sohn der Muslimin Azemina, Midhat Mustafic, starb Ende 1992, als er sich zu Fuß durchschlagen wollte von Tuzla, wo er studierte, ins umzingelte Srebrenica, wo die Eltern waren. Aber wo ist der Leichnam? Wurde er geborgen, ist er noch vergraben? Azemina Mustafic will das wissen. „Für meine Seele“, sagt sie. „Und damit die Knochen Ruhe finden“.

Erst im Dezember 1995, als der Krieg fast vorbei war, wurde Azemina Mustafic mit einem Flüchtlingskonvoi nach Berlin gebracht. Immer freitags kommt sie zum Südosteuropa-Verein nach Kreuzberg. Da treffen sich Frauen wie sie, Überlebende aus Srebrenica. Azemina Mustafic ist 59 Jahre alt, sie hat feine, papierne Haut und helle Augenbrauen. Ein bisschen wie eine Nonne sieht sie aus unter ihrem blassgrünen Kopftuch. „Ach, kein Deutsch, kein Deutsch“, sagt sie und winkt ab. Ein Sprachkurs, zu kompliziert, nichts behalten, entschuldigt sie sich.

Sie sitzt im Zimmer der Vereinschefin Bosiljka Schedlich, die übersetzt. In einem Baststuhl unter dem Ficus Benjamini, ihre Handtasche in Griffnähe auf dem Sofa. Darin die Fotos, die sie aus ihrem Haus gerettet hat. Azemina Mustafic kann scheinbar ungerührt über Soldaten sprechen, die ihr Dorf niederwalzten, über den Nachbarn, dem sie die Fußsohlen abschnitten, über Tote, die im Fluss trieben, erst wenn sie von ihrem Sohn spricht, bricht ihre Stimme und wird laut vor Kummer, der sich hochdrängt, ihre Augen werden rot. Dann atmet sie tief und seufzend, die Hand auf der Brust, als wolle sie den Kummer zurückdrücken, und erzählt weiter. Midhat, ihr jüngstes Kind und ihr liebstes. „Er war immer bei seiner Mutter“, sagt sie, „hier“, und klopft auf ihre berockten Knie. Sie zeigt Fotos. Der Sohn hat ein freundliches Gesicht, helle Augen und ein kleines Lächeln. Er war 20 Jahre alt, als er ermordet wurde. Nie wieder wird die Mutter diese Fotos irgendwo zurücklassen.

Azemina Mustafic war seit 1995 zwei Mal in Bosnien. Sie hat ihre Schwägerin besucht, die Schwester ihres Mannes, deren DNA-Profil auch im ICMP-Computer gespeichert ist. Und ein Jahr später ihr Dorf. 121 Haushalte gab es früher in Zaluže, jetzt leben dort fünf Menschen. Von ihrem dreistöckigen Haus steht nur noch die erste Etage. Fenster und Türen, ganze Wände sind weg, die Natur wuchert über die Steine. Sie ist auf die Reste des Hauses geklettert und hat ein Foto gemacht von dem Tal, in dem auch Srebrenica liegt. Und dann hat sie in dem Geröll hinter dem Haus Midhats beige Trainingsjacke und ein paar seiner Cassetten gefunden. 13 Jahre, nachdem sie das Haus verlassen hat, 13 Jahre nach seinem Tod. Die Jacke hängt jetzt bei ihren Sachen im Schrank.

Azemina Mustafic hat noch zwei ältere Töchter. Sie reden nicht über die Toten. „Seit der Bruder tot ist“, sagt die Mutter, „sind sie verstummt.“

Das liege auch am Alter, sagt Bosiljka Schedlich. Von den vielen Fällen, die sie im Südosteuropa-Verein betreut, weiß sie, dass die Jüngeren sich besser gegen den Schrecken wehren können. Die verdrängen. „Den Alten fehlt dafür oft die Kraft“, sagt Bosiljka Schedlich. „Die werden davon überrollt.“ Auch Azemina Mustafic. Deshalb spreche sie kein Deutsch, weil sie zu sehr beschäftigt sei mit der Vergangenheit. „Da ist kein Platz für etwas Neues“, sagt Bosiljka Schedlich. Schulheft um Schulheft hat Azemina Mustafic in den Jahren mit Erinnerungen gefüllt, in gleichmäßiger, leicht nach rechts kippender Schrift hat sie alles aufgeschrieben, was sie gesehen und gehört hat. Das bringe die Schmerzen zurück, sagt sie. „Aber ohne das geht es nicht.“

Die Hefte und die Labore. Die bosnische Bäuerin und die Wissenschaftler aus aller Welt. Zwei Versuche, zwei Wege, zwei Methoden, den Krieg zu bewältigen. Die Wissenschaftler sagen, sie mögen ihre Arbeit, weil sie sinnvoll ist. Die ICMP-Mitarbeiter kartografieren noch den kleinsten Knochen, waschen ihn, nehmen eine Probe, schicken die nach Sarajevo, wo ein Lasergerät das DNA-Profil erstellt, das in den Computer eingespeist wird. Findet der entsprechende DNA-Knochenprofile, werden die Teile zusammengepackt. Findet der ein entsprechendes DNA-Profil in einer Blutprobe, werden die Tests wiederholt. Erst wenn die Identität zu 99,98 Prozent feststeht, wird der örtlichen Pathologe informiert, der den Totenschein ausstellt. Kein Toter wird aufgegeben.

Azemina Mustafic sagt, sie schreibe ihre Hefte, weil man wissen müsse, was Böses passiert ist, und darüber reden, sonst käme das Böse immer wieder zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe in Jugoslawien niemand über die Grausamkeiten sprechen dürfen, die Serben, Muslime und Kroaten einander angetan haben. „Hätte man damals die Toten gesucht“, sagt sie, „hätten wir heute vielleicht keine Massengräber mehr.“

Am Rande von Tuzla steht ein weißer Flachbau. Alles ist aus Blech hier, neu, funktionell. Rechts ist ein Kühlraum, in dem in hohen Regalen weiße nummerierte Plastiksäcke liegen. Die enthalten jeweils die Gebeine eines Menschen, dessen DNA-Profil von morgens bis abends im Computer abgeglichen wird. Links ist ein Raum, in dem Pappkartons die Regale füllen. In den Kartons sind Frischhaltebeutel, sie enthalten Fundsachen aus den Gräbern. Uhren, Fotos, Ringe, einen Zehn-Mark-Schein. Daneben ein Raum mit einem großen tiefen Becken und Abtropfsieb in der Mitte. Hier werden die Knochen gewaschen. In der Ecke ein Umzugskarton mit eingepackten Knochen, die keiner zuordnen kann. Vielleicht sind sie aus dem Zweiten Weltkrieg.

Bisher sind im ICMP-Computer 11900 DNA-Profile aus Knochen gespeichert. Außerdem wurden 70900 Blutproben gesammelt, durch ganz Ex-Jugoslawien sind die von der Organisation dafür gefahren, auch nach Deutschland, Frankreich oder Österreich. „Blood Collection Tours“ nennen sie das. Anfangs wurden die Knochenproben noch in die USA geflogen, damit dort DNA-Profile erstellt würden. Inzwischen machen sie das in Bosnien. Sie haben die Geräte und die Experten, auch einheimische. Die bilden sie aus, die sollen das alles mal übernehmen. Das Wissen von ICMP ist gefragt. Sie waren in New York nach dem Anschlag auf das World Trade Center, der irakische Informationsminister war vergangenen Herbst in Sarajevo und hat sich erkundigt, wie das mit der Identifizierung der Massengräber funktioniere, und nach dem Tsunami im Dezember 2004 sind ICMP-Experten nach Südostasien gereist. Leichen identifizieren, das ist ein neuer, ein guter Job in Bosnien-Herzegowina.

Azemina Mustafic bestickt gerade ein großes weißes Nylontuch. Darauf sind die Namen aller Toten aus ihrem Dorf mit Stift vorgeschrieben. Mit buntem Garn und Kreuzstich stickt sie die jetzt nach. Mehr als 30 Verwandte sind in ihrer Familie und der ihres Mannes umgebracht worden. Die Überreste ihres Sohnes und ihres Mannes will sie auf dem Gräberfeld von Potocari vor den Toren von Srebrenica beerdigen. Dort liegen schon einige der Toten aus den Massengräbern. Und wenn das getan ist? Sie sagt: „Ich werde das nicht überleben.“

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