Zeitung Heute : Botschaft der Bomben

„Das war noch lange nicht alles“ – Bagdad am Donnerstag

Asne Seierstad[Bagdad]

Sie ist ans Telefon gegangen, Gott sei dank. „Stell dir vor, die Amerikaner haben genau zur Gebetszeit angefangen“, ruft sie in den Hörer hinein. Sie ist aufgebracht, war gerade aufgestanden, als die ersten Explosionen in Bagdad zu hören waren und das Luftabwehrfeuer den Himmel erhellte. Sie legte ihren Gebetsteppich zusammen und ging in den Keller. Ihr Haus, das in einem der am dichtesten bevölkerten Viertel der Stadt liegt, war übervoll. Verwandte, die ihre Wohnungen näher an den typischen Angriffszielen haben, den Ministerien, den Militäranlagen, den Telefonverteilern, sie sind bei ihr eingezogen. „So sind wir wenigstens alle beieinander“, sagt sie, „dann müssen wir keine Angst haben, dass einem von uns was passiert ist.“

Sie heißt Mona, sie ist eine Freundin und studiert Literaturwissenschaft. Und nach ein paar Minuten reden dann doch der Zweifel: „Wie intelligent diese Bomben auch sein mögen, sie können doch daneben gehen.“ Sie erzählt, was sie so machten seit dem Morgen, sie säßen einfach alle herum und warteten. „Als würden wir uns abwechselnd mit dem Tod und mit dem Leben anfreunden“, sagt sie. Der Angriff, von dem Mona wusste, dass er kommen würde, hat sie nicht in Panik versetzt. Sie sei danach wieder eingeschlafen. „Das hier war noch nicht so schlimm“, sagt sie, „aber wir fürchten, dass es heute Nacht schlimmer wird. Die Explosionen bis jetzt haben ja nicht einmal die Nachbarshunde übertönt. Die haben wie verrückt den Himmel angebellt“, sagt sie und lacht sogar etwas.

Sie wird Recht behalten. Am Abend wird wieder Rauch über der Stadt stehen, es werden Häuser brennen im Regierungsviertel, es wird massiv getroffen worden sein, werden die westlichen Fernsehreporter sagen. Und so wie es aussieht, wird auch das staatliche Radio zerschossen worden sein.

Nachdem in Bagdad die Sirenen Entwarnung gegeben hatten, die ersten Autos und Krankenwagen sich wieder auf die Straße trauten, funktionierte es noch. Es spielte Militärmärsche und Huldigungslieder auf Saddam, genau wie das Fernsehen. Danach war der Diktator selbst im Bild zu sehen. Er las eine Rede ab. Er beschwerte sich wie Mona darüber, dass die Amerikaner den Angriff zur Gebetsstunde begonnen hatten. Außerdem forderte er dazu auf, gegen den Angriff des „kleinen Bush“ zu kämpfen. Dann rezitierte Saddam klassische arabische Poesie. Es ging um Krieger zu Pferde mit dem Schwert in der Hand.

„Gegen wen sollen wir kämpfen, etwa gegen die Bomben?“, fragt Mona. „Vor denen habe ich nicht die meiste Angst, sondern vor dem, was danach kommt, dem Bürgerkrieg. Wenn hier das Chaos ausbricht, dann könnte jemand die Gelegenheit nutzen, sich an den Regimetreuen zu rächen. Schiiten werden Sunniten angreifen, und die Banditen werden einfach machen, was sie wollen.“

Mona hat in diesen Morgenstunden noch nicht entschieden, ob sie es wagen soll, an diesem Tag aus dem Haus zu gehen, obwohl vom Innenminister die ausdrückliche Aufforderung ergangen ist, dass alle ihre Läden öffnen sollen. „Das zeigt, dass wir nicht zu schlagen sind, dass wir selbst extremen Situationen widerstehen können“, sagte der Minister. Jeder zehnte Laden hielt sich daran.

„Es gibt keine Ausgangssperre, aber das heißt schließlich auch nicht, dass wir ausgehen müssen“, sagt Mona. „Ich habe jedenfalls nicht vor, heute zur Universität zu gehen. Ich setze mich lieber zu Hause über die Bücher. Falls ich mich konzentrieren kann.“

Auf einem Platz, unter einer der Hauptbrücken von Bagdad, wurde gestern noch ein anderer Kampf ausgetragen. 20 Jungen hatten sich versammelt, um Fußball zu spielen. „Wir kommen jeden Nachmittag her. Warum sollten wir das heute bleiben lassen?“, sagt einer von ihnen, Hamdi, 17 Jahre alt. „Wir gehen nach Hause, wenn es dunkel wird. Morgen treffen wir uns wieder hier, egal, ob sie bombardieren oder nicht. Wir lassen uns nicht kleinkriegen“, sagt er bestimmt.

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