• Botschafter für die Kunst Die neue Lust an alten Dingen: ein Gepräch mit Volker Wurster von der Bremer Galerie Neuse

Zeitung Heute : Botschafter für die Kunst Die neue Lust an alten Dingen: ein Gepräch mit Volker Wurster von der Bremer Galerie Neuse

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Herr Wurster, neben den bedeutenden Messen Tefaf in Maastricht oder der Biennale des Antiquaires in Paris nehmen Sie seit Jahren auch an der vergleichsweise kleinen Ars Nobilis teil – was lockt Sie nach Berlin?

Als Händler für alte Kunst möchten wir keine Einsiedler werden, sondern immer in Bewegung bleiben. Daher begrüßen wir die neue Präsentationsform der Ars Nobilis im zentral gelegenen Automobilforum. Es gibt hier keine Schwellenängste. Der Eintritt ist frei. Dieser Austausch mit Besuchern, die manchmal ursprünglich nur wegen der oben präsentierten Automobile kommen, ist belebend und hat erzieherischen Wert für die gesamte Szene.

Welche Glanzlichter präsentieren Sie diesmal in Berlin?

Wir zeigen ein Gemälde von Lucas Cranach aus dem 16. Jahrhundert bis zu einer Rom-Ansicht des Stralsunder Malers Johann Wilhelm Brücke aus dem Jahr 1815. Das Prunkstück ist aber ein silber- und teilvergoldeter Münzhumpen aus dem Preußischen Staatsschatz, der einmal zu dem großen Silberbuffet aus dem Rittersaal des Berliner Schlosses gehört hat. Er befindet sich nach Jahrzehnten in den USA seit wenigen Tagen wieder in Deutschland.

Woher bekommen Sie solche kostbaren Stücke?

In diesem Fall von einem Sammler. In den vergangenen 30 Jahren haben wir ein Netzwerk mit internationalen Kontakten aufgebaut und erfahren frühzeitig, wenn jemand etwas verkaufen möchte.

Machen Sie auch unerwartete Entdeckungen?

Nichts ist so beständig wie der Wandel, vor allem der Geschmackswandel. Und tatsächlich geraten so Kunstwerke häufig in Vergessenheit und stehen in Lagerschuppen. In einem solchen bin ich vor Jahren am Stadtrand von London einmal auf ein zusammengerolltes, zwölf Quadratmeter großes Gemälde von J. H. W. Tischbein gestoßen. Doch das sind Ausnahmen. Vor allem haben sich Traditionen geändert: Was früher in den Familien blieb, wird heute von den Erben schnell wieder verkauft. Der Kunsthändler wird da zum Anwalt, der seine Klienten, also die Kunstwerke, auf eigenes Risiko erwirbt, um dann einen idealen Standort zu finden. Für den lange als verschollen gegoltenen Münzhumpen wünschen wir uns natürlich einen Platz in Berlin. Für mich ist das ein nationales Denkmal.

Nun klagen aber gerade die Museen über leere Kassen ...

... tatsächlich sind die Ankaufsetats der Institutionen gering. Aber wissen Sie, bisher hat jeder unserer Verkäufe an ein Museum mit dem Satz „Wir würden ja gern’, aber wir haben kein Geld“ begonnen. Es gibt immer Hindernisse und Möglichkeiten. Denn es hat sich auch herumgesprochen, dass Kultur Identifikation schafft. Kürzlich konnten wir etwa an eine sehr kleine schwäbische Gemeinde vier Bilder eines Meisters verkaufen, der dort im 17. Jahrhundert gelebt hat.

Im Gegensatz zu den alten Meistern erlebt die Gegenwartskunst gerade Höhenflüge. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die Mechanismen sind völlig anders. Natürlich ist die Moderne heute die Standartenträgerin, und die Preisentwicklung entsprechend stürmisch. Sie richtet sich schlicht nach dem aktuellen Angebot und der großen Nachfrage. Bei vielen unserer Stücke hat dagegen bereits eine Prüfung auf Beständigkeit stattgefunden. Es ist aber ein Missverständnis, dass der Kunsthandel vor allem an hohen Preisen interessiert ist. Im Gegenteil: Unser Interesse ist es, eher niedrige Preise zu haben und möglichst viele Kunden zu erreichen. Nur so begeistert man auch Neueinsteiger.

Was empfehlen Sie denn jemandem, der jetzt etwas Geld anlegen möchte?

Information, Wissen und genaues Hinschauen sind die Basis. Also viel reisen, viel lesen und viele Fragen stellen. Letztlich sollte man aber kaufen, woran man Spaß hat. Wir geben unser Wissen gerne weiter, gerade weil wir diese Kulturschätze lieben. Nicht zuletzt durch die zahlreichen Messeteilnahmen verstehen wir uns als Botschafter für die Kunst.

Das Gespräch führte Katrin Wittneven.

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