Zeitung Heute : Boxer und Boxer

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Letzte Woche starb der Europameister Hein ten Hoff im Alter von 83 Jahren; die wenigsten werden sich noch an ihn erinnern, denn seine Ring-Karriere als Boxer war 1955 zu Ende, als er gegen den späteren Weltmeister aller Klassen, gegen den Schweden Ingmar Johannsen in der ersten Runde durch k.o. unterlag. Ten Hoff war, obwohl in den Niederlanden geboren, so etwas wie ein Ur-Hamburger. Und, anders als andere Boxer, hatte er nach dem Ende seiner Sportkarriere seine Börse nicht im Rotlichtmilieu von St. Pauli oder St. Georg verzockt und verjubelt, sondern geschickt in einem Restaurant und einer Großküche angelegt.

Dass er Hamburger und Gastronom war, verband mich – wenn auch nur indirekt - mit ihm. Wir wohnten beide Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre nahe beieinander im Nordosten Hamburgs, in den Walddörfern. Ich in Wellingsbüttel in einem Einfamilienhaus. Sein großes, in der Nacht hellglitzerndes China-Restaurant sah man in Sasel, wenn man die Saseler Chaussee entlangfuhr. „Schaut mal“, sagte ich beim Autofahren meinen Kindern, wenn wir von der Ostsee kamen und an seinem China-Lokal vorbei fuhren. „Schaut mal, das Restaurant da gehört Hein ten Hoff, dem berühmten Boxer.“ Meine zwei Söhne waren damals 10 und 2 Jahre alt. Ach ja, und wir hatten damals einen jungen Boxer, eine Hündin, die Imme vom Immenhof hieß. Eigentlich hieß sie nicht (mehr) Imme, da sie aus einem späteren Wurf war. Die „richtige“ Imme war uns eines Nachts, als sie auf die Wellingsbütteler Landstraße ausbüxte, überfahren worden. Wir hatten schnell und heimlich am nächsten Morgen im Immenhof eine neue Boxerhündin erworben und unsere Kinder über den Verlust hinwegbetrogen, in dem wir sie „Imme“ riefen.

Mein liebster Kollege bei der „Zeit“ war damals Dieter E. Zimmer, auch er hatte kleine Kinder, zwei Töchter, und ab und zu besuchte er uns in Wellingsbüttel. Einmal, bei der Wegfahrt, fuhr er mit seinen Töchtern an Hein ten Hoffs Restaurant vorbei und sagte: „Guckt mal! Das Restaurant gehört einem Boxer!“ Und eine seiner Töchter, ich glaube, es war Mimi, fragte erstaunt: „Wieso besitzt Karaseks Imme ein Lokal?“ Mimi war vielleicht vier Jahre alt damals, und Dieter E. Zimmer hat mir die Geschichte, Marke „Kindermund“, erzählt.

Mich erinnerte sie ein bisschen an die herrlich naive und tiefsinnige Geschichte von Johann Peter Hebel, die der große alemannische Bauern-Chronist in seinen Kalendergeschichten erzählt. Da kommt ein deutscher Bauer nach Amsterdam. Und als er durch die Stadt geht und sich die prächtigen Gebäude, Grachten und Straßen ansieht, fällt ihm ein besonders herrschaftliches Haus mit einem riesigen Garten auf, und er fragt einen Holländer, wem wohl dieses prächtige Haus gehöre. „Kannitverstan“, sagt der Holländer, der kein Deutsch versteht, aber der deutsche Besucher meint, Kannitverstan sei der Name des Hausbesitzers.

Als er ein besonders großes reich ausgestattetes Schiff im Hafen sieht, fragt er wieder, wem das wohl gehöre, und er hört wieder „Kannitverstan!“ Und so geht es weiter, und der deutsche Tourist denkt jedesmal: der glückliche, der reiche Herr Kannitverstan!

Aber schließlich sieht er einen aufwändigen Leichenzug. Und als er fragt, wer denn hier mit so viel Pomp und Pracht beerdigt werde, erhält er wieder die Antwort: „Kannitverstan!“ Der gute Mann aus Deutschland denkt: Der arme Herr Kannitverstan! Und was ihm jetzt, da er tot sei, wohl all seine Häuser, Schiffe und Reichtümer noch nützten.

Mir ist die Geschichte von Herrn Kannitverstan beim Tod von Hein ten Hoff, als ich den Nachruf auf ihn las, noch aus einem anderen Grund als wegen des Restaurants, das angeblich meinem Boxerhund gehörte, eingefallen.

Nein, nicht etwa nur, weil Hein ten Hoff ja eigentlich aus den Niederlanden stammte, als Bauernsohn aus dem Kannitverstan-Land. Sondern, sondern weil ich in den Nachrufen auf den Schwergewichtsboxer las, wie schwer und von Krankheit gezeichnet die letzten Jahre Hein ten Hoffs waren. Und irgendwie hing das, wie beim imaginären Herrn Kannitverstan, mit dem Wohlstand zusammen, den ten Hoff im Ruhestand genießen wollte.

Zwar hatte Hein ten Hoff am Ende die schreckliche Parkinsonsche Krankheit, die Boxer (siehe Muhammad Ali) besonders häufig tückisch heimsucht. Aber seine lange Leidenszeit begann vor elf Jahren mit einem Unfall. Bis dahin war es ihm prächtig gegangen. Eines Tages, 1992, war er kurz vor der Garage aus seinem Mercedes gestiegen und hatte wohl vergessen, die Handbremse anzuziehen. Jedenfalls rollte das Auto langsam die Zufahrt zur Garage des Einfamilienhauses in Sasel herab. ten Hoff sah das und stürzte auf sein allein rollendes Auto zu. Er wollte versuchen, den sich anbahnenden, drohenden Blechschaden zu verhindern, indem er sich, mit dem Rücken zur Garage, gegen die Kühlerhaube seines Mercedes stemmte; er war ja ein Hüne.

Jedoch stürzte er bei diesem Versuch rücklings und fiel gegen die Kante einer Granitplatte. Bei diesem dummen Unfall wurden vier Rippen von seinem Rückgrat losgerissen, Nerven an diesem empfindlichsten Strang beschädigt. Von da an begann die Leidenszeit des Boxers, der ständig unter Schmerzen litt und an Krücken gehen musste.

Wenn das keine Kalendergeschichte ist, dass jemand ein Leiden auf sich zieht, um eine Blechdelle in seinem Auto zu verhindern! Und dass einem das vorher niemand sagt! Weder die Alternativen noch die Konsequenzen.

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