• Brachflächen auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte machen das Zusammenwachsen der Bezirke schwierig

Zeitung Heute : Brachflächen auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte machen das Zusammenwachsen der Bezirke schwierig

Harald Olkus

"Da kann kommen was will, ein Kreuzberger geht nicht im Osten einkaufen", sagt Axel Dislich, Geschäftsführer der "Marax Immobilienmanagement GmbH", die das Heinrich-Heine-Forum in Mitte an der Grenze zu Kreuzberg betreibt. "Kürzlich war die Aldi-Filiale in der Oranienstraße vier Wochen lang wegen Umbau geschlossen. Denken Sie, da hatte unser Aldi auch nur einen Kunden mehr?" fragt er kopfschüttelnd. Das Zusammmenwachsen fällt den beiden Innenstadtbezirken offenbar nicht leicht. Noch immer wenden sie sich an der früheren Sektorengrenze gegenseitig den Rücken zu. Der ehemalige Mauerstreifen ist hier deutlicher sichtbar als in anderen Bezirken. Eine Brachfläche nach der anderen zieht sich von der Kommandantenstraße über die Sebastian- und Waldemarstraße bis zum Legiendamm. "Und es ist kein Signal in Sicht, dass es dort in absehbarer Zeit ruckartig weiter geht", sagt Wolfgang Granow, Gruppenleiter für Bauleitplanung im Bezirksamt Mitte.

Auch nach Ansicht von Helmut John, Pressesprecher der Oberfinanzdirektion, die die Mauergrundstücke verwaltet, wird es dort noch eine ganze Weile so aussehen. Das Mauergrundstücksgesetz gibt den ehemaligen Eigentümern und Erben von Grundstücken, die im Zuge des Mauerbaus 1961 enteignet wurden, die Möglichkeit, die Immobilien zu 25 Prozent des Verkehrswertes vom Bund zurückzukaufen oder eine Entschädigung von 75 Prozent des Verkehrswertes zu beantragen. Für die insgesamt 1500 Grundstücke entlang des Mauerstreifens gebe es 475 Anträge auf Rückkauf, sagt John. Vor allem die Flächen in Mitte seien sehr begehrt. Dennoch haben es die Antragsteller - meist sind es Erbengemeinschaften aus den USA - nicht eilig mit dem Rückkauf. Aufgrund des Überangebots an Büroflächen in Berlin gibt es derzeit keine Käufer für die Grundstücke - oder nicht die entsprechenden Verkaufserlöse. Um die Immobilien nicht zwischenfinanzieren zu müssen, ziehen die Erben das ohnehin langwierige Prozedere des Rückkaufs noch etwas mehr in die Länge. "Wir prüfen bereits Maßnahmen, die Erben zum Abschluss zu zwingen", sagt Helmut John.

Es geht auch schneller, wie das Beispiel Heinrich-Heine-Forum und die sich noch im Bau befindlichen Annenhöfe gleich nebenan beweisen. Allerdings gab es hier einige Anlaufschwierigkeiten. Das Heinrich-Heine-Forum ist ein Mischobjekt mit 13 000 Quadratmetern Wohn- und 8500 Quadratmetern Gewerbeflächen. Ein U-förmiger Neubau aus Stahl, Glas und Backstein gruppiert sich um eine ehemalige Reithalle, die nach Plänen von Karl Friedrich von Schinkel erbaut wurde.

Der Bauherr, die "Hanseatica Grundstücksverwaltungsgesellschaft mbH" hatte den im März 1998 eröffneten Komplex als Center mit überregionaler Anziehungskraft konzipiert. Kleine, edle Läden und Boutiquen in der ehemaligen Reithalle, ein "Madison Boarding House" als Angebot im Segment zwischen Hotel und Wohnung für Gäste, die sich regelmäßig länger in Berlin aufhalten. Die "Hanseatica" hatte mit diesem Konzept nicht die Erfordernisse des Standortes getroffen und das Center im Mai diesen Jahres an die "Heinrich-Heine-Forum-Grundbesitz-Investitions GmbH und Co KG" verkauft. Dahinter steht ein Privatmann, der nicht genannt werden möchte. "Das Center war im Prinzip voll vermietet, als wir es übernommen haben", sagt "Marax"-Geschäftsführer Axel Dislich. Allerdings konnten sich einige Ladeninhaber die Miete nicht mehr leisten. Auch das "Madison Boarding House" wurde vor zwei Monaten ersetzt durch "City Suites" der Hotelkette "Astron". Dislich hat zwölf Ladenmieter ausgetauscht und die Miete von vorher 60 Mark auf jetzt rund 20 Mark reduziert. "In der Gegend wird vielfach mehr verlangt", sagt der Center Manager. "Wir sind aber bestrebt, so wenig wie möglich Leerstand zu haben."

Das Forum hat derzeit 30 Läden auf rund 5000 Quadratmetern und ist hauptsächlich auf die Nahversorgung ausgerichtet. Sieben Läden sind noch frei, bis März kommenden Jahres will Dislich das Center komplett vermietet haben. "Schwierig ist nur, dass wir eigentlich auf alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Aber niemand aus Kreuzberg macht sich auf den Weg über die Brachflächen am ehemaligen Grenzstreifen." Deshalb zählen die Läden hauptsächlich die Bewohner der Plattenbauten entlang der Heinrich-Heine-Straße zu ihren Kunden. Der Anteil der Bewohner im Alter von über 60 Jahren liegt hier aber doppelt so hoch wie in anderen Teilen Berlins. Schwierig, die mit dem überwiegend jungen oder türkischen Publikum zusammenzubringen, das Kreuzberg SO 36 bevölkert.

Hoffnung legt Dislich in die Annenhöfe gleich nebenan. Dort baut die "Bayerische Hausbau" einen Komplex, der zu zwei Dritteln aus Wohnungen und zu einem Drittel aus Gewerbeflächen besteht. Ein Teil der Flächen soll als Eigentumswohnungen verkauft werden, auf dem Rest ist betreutes Wohnen für Senioren geplant. Dazu kommen 15 Läden und ein Supermarkt sowie einige Büroflächen. Ab Ende 2000 soll der Komplex eröffnet werden. Bis dahin ist vielleicht auch das nahegelegene Engelbecken restauriert. Mit seinen Rosen- und immergrünen Gärten wird es sicherlich eine erholsame Ecke für Senioren. Ob sich die Kreuzberger dort allerdings blicken lassen, bleibt abzuwarten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben