Zeitung Heute : Branche mit vielen Gesichtern

Nirgendwo sonst wächst die Zeitarbeit so stark wie in Berlin. Immer mehr Firmen spezialisieren sich auf die Vermittlung von Fachkräften

Harald Olkus

Für die einen ist es der Jobmotor schlechthin, für die anderen das deutlichste Anzeichen prekärer Beschäftigungsverhältnisse: Zeitarbeit boomt – und polarisiert. Der jetzige Wirtschaftsaufschwung beruhe wesentlich auf der Zeitarbeit, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt vor kurzem beim Geschäftsführertreffen des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA) in Stuttgart. Bundesweit haben Zeitarbeitsverträge bis Mitte 2006 um 30 Prozent zugenommen. Im Raum Berlin sind die Zuwachsraten mit 42,5 Prozent so stark wie nirgends sonst. Insgesamt hatte die Branche Mitte letzten Jahres rund 600 000 Beschäftigte, doppelt so viele wie 2003.

Der Trend scheint nachhaltig: Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet damit, dass die Zeitarbeitsbranche in den nächsten zehn Jahren auf dem Arbeitsmarkt am stärksten wachsen wird. „Im Endeffekt dürften wir dann vier bis fünf Millionen Leiharbeiter haben“, sagte Herbert Buscher vom IWH dem Tagesspiegel. Für Andreas Splanemann, Verdi-Pressesprecher für den Landesbezirk Berlin-Brandenburg, ist das keine verlockende Vorstellung. „Die Zunahme der Zeitarbeit hängt mit der hohen Arbeitslosigkeit und dem allgemeinen Druck auf dem Arbeitsmarkt zusammen“, sagt er. Vor allem in Berlin sei ein Trend zur Auslagerung ganzer Unternehmensbereiche zu beobachten: Beschäftigt werden Honorarkräfte, Praktikanten, Subunternehmer – oder eben Leiharbeiter. Für sie sind keine Betriebsräte zuständig, es gelten keine gewerkschaftlich ausgehandelten Überstundenregelungen, Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen oder Tarifverträge.

Während bundesweit ein Großteil der Vermittlungen auf Hilfsarbeiter in der Industrie entfällt, sind es im industriell eher schwachen Berlin vor allem Reinigungskräfte sowie Kaufhaus-, Hotel- und Wachpersonal. Aber auch qualifizierte Fachleute werden hier verliehen: im kaufmännischen Bereich Buchhalter, Controller, Finanzfachkräfte, im technischen Bereich Ingenieure im Flugzeug- und Kraftwerksbau oder Pflegekräfte in Heimen und Kliniken.

Für die Unternehmen bietet der Einsatz von Zeitarbeitnehmern eine gute Möglichkeit, flexibel auf Auftragsspitzen zu reagieren. Und auch für die Zeitarbeitnehmer kann die Beschäftigungsform Vorteile haben: Ungefähr ein Drittel von ihnen bleibt laut Herbert Buscher letztlich hängen. Zeitarbeit sei eine Möglichkeit, Menschen in die Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zurückzubringen. Erst Ende April hatte die Bundesagentur für Arbeit eine Kooperation mit den 15 größten Zeitarbeitsfirmen abgeschlossen, wonach die Agenturen Arbeitssuchende künftig häufiger an Zeitarbeitsfirmen vermitteln können. Wird die Stelle abgelehnt, gelten die selben Konsequenzen wie bei normalen Arbeitgebern.

Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen sieht die Entwicklung indes kritisch: Durch Zeitarbeit werde die Ausweitung von Niedriglöhnen gefördert und das Lohnniveau unter Druck gesetzt. Die Tariflöhne – der Deutsche Gewerkschaftsbund hat im Jahr 2003 mit den Verbänden der Zeitarbeitsfirmen Tarifvereinbarungen getroffen – liegen deutlich unter denen der jeweiligen Branchen. Bedenklich sei auch, dass Zeitarbeitskräfte in Deutschland ohne zeitliche Befristung eingesetzt werden dürfen. Dadurch bestehe die Gefahr der Verdrängung von Stammbelegschaften.

Anders könne die Sache allerdings bei qualifizierten Fachkräften aussehen, räumt die Wissenschaftlerin ein. Hier müssten die Zeitarbeitsfirmen attraktive Bedingungen bieten, um Mitarbeiter an sich zu binden und die Nachfrage am Markt bedienen zu können. Viele Unternehmen haben sich inzwischen auf die Vermittlung eben dieser Fachleute spezialisiert: Während Branchengrößen wie Randstad, Manpower und Adecco rund 60 000 Beschäftigte unter Vertrag haben und fast 40 Prozent des deutschen Branchenumsatzes ausmachen, teilen sich etwa 4500 kleinere Zeitarbeitsfirmen den nicht unbeträchtlichen Rest. Rund 600 davon gibt es in Berlin. Viele vermitteln gezielt in bestimmte Branchen, teilweise sogar hochqualifizierte Fachkräfte. Und sie haben viel zu tun: Das Unternehmen B+G Personalservice etwa ist nicht nur Zeitarbeitsfirma, sondern auch Personalvermittler. „Wir sind auf den gehobenen kaufmännischen und technischen Bereich spezialisiert“, sagt Personalreferentin Isabel Scharf. Im Moment liege der Schwerpunkt auf der Zeitarbeit. Stark nachgefragt werden Fremdsprachensekretärinnen, Vorstandsassistentinnen und kaufmännische Fachkräfte für Buchhaltung, Personal und Einkauf. Die Kunden sind international ausgerichtete Unternehmen, Verbände und stark expandierende kleine und mittelständische Firmen. Sie stellen Zeitarbeitskräfte unter anderem auch ein, um sie nach Art einer vorgezogenen Probezeit für eine Festanstellung zu testen, sagt Isabel Scharf. Qualifizierten Bewerbern empfiehlt die Personalreferentin, sich bei mehreren Zeitarbeitsfirmen anzumelden. Auch das persönliche Verhältnis zum Vermittler spiele eine Rolle. Dies sei eine Frage von Freundlichkeit, Engagement und Vertrauen.

Die Personalagentur Amadeus Fire vermittelt Leute im Finanz- und Rechnungswesen. „Wir sind als Personalvermittler, Zeitarbeitsfirma und Interims Management tätig“, sagt Andreas Gretz, Leiter der Berliner Niederlassung. Aufgrund des Booms dominiert auch hier die Zeitarbeit. Da Amadeus Fire zugleich Personalvermittler ist, ist die Quote der in ein festes Arbeitsverhältnis übernommenen Mitarbeiter hoch: „Etwa 60 Prozent werden nach einem Monat oder einem halben Jahr fest eingestellt“, so Gretz.

Viele Kunden schätzten die Spezialisierung der Zeitarbeitsfirmen auf bestimmte Branchen. „Wir führen stellvertretend für die Unternehmen die Eignungsprüfung der Bewerber durch und nehmen ihnen so Arbeit ab“, erzählt der Niederlassungsleiter. Die Nachfrage nach höher qualifizierten Fachkräften steige. Die Vermittlung von Führungskräften geschehe aber nach wie vor im Wege der Personalvermittlung und nicht über die Zeitarbeit.

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