Brandenburg : Die Mark voller Geigen

Es ist eine der glücklichen Wende-Geschichten: 1990 beschließt eine Handvoll West-Berliner, ein Musikfestival aufzuziehen. Die Brandenburgischen Sommerkonzerte. Es gibt sie immer noch, sie laufen besser denn je

Frederik Hanssen

Zum Beispiel Bad Freienwalde. Oberflächlich betrachtet ist der 60 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegene 13 000-Menschen-Ort durchschnittlich deprimierend: ein verrammelter Bahnhofs, an dem nur noch der Schienenbus der „Ostdeutschen Eisenbahn“ hält, verrottende Bausubstanz neben vorbildlich Restauriertem, viel Leerstand. Rund um den historischen Marktplatz, der Karl-Marx- Straße heißt, vor allem Billiggeschäfte, die von mangelnder Kaufkraft künden. Jenseits der brutalen Betontrasse aber, die einst für die Russen durchs Zentrum geschlagen wurde, damit sie mit ihren Panzern bequemer zur Kaserne am Stadtrand gelangen können, beginnt plötzlich ein unerwartetes Idyll, ein Villenvorort, wie man ihn sonst nur in Großstädten findet, klassizistische Kleinode, alpine Landhäuser, Jugendstilburgen mit Erkern und Türmchen, stucküberladene Gründerzeit-Schmuckkästlein.

1684 entdeckte der Große Kurfürst die heilende Kraft der Freienwalder Quelle für sich, Königin Friederike Luise, Gattin Friedrich Wilhelms III., wählte später den Ort als Altersruhesitz, adlige Kurgäste zogen das reiche Bürgertum an, sodass im lieblichen Tal zwischen zwei für brandenburgische Verhältnisse extrem steil aufragenden Hügelketten eine Wellness-Oase entstehen konnte, deren Glanz noch heute matt ausstrahlt.

Kein Wunder, das die Brandenburgischen Sommerkonzerte an diesem Wochenende schon zum dritten Mal zu Gast in Bad Freienwalde sind. Ohne die Helfer der Kirchengemeinde vor Ort geht dabei nichts. Denn die lokale Wirtschaft verfällt keineswegs in hektische Betriebsamkeit, nur weil da ein paar hundert Berliner einfallen, die womöglich Geld in der Stadt lassen könnten. Natürlich gibt es keine Sonderöffnungszeiten der Geschäfte, natürlich werden die Lokale unerwartet von den Gästemassen getroffen, natürlich findet man es im Stadtmarketingbüro von Bad Freienwalde okay, dass die Tourist-Information wie üblich um 15 Uhr schließt, obwohl das Konzert in der direkt gegenüber liegenden Kirche erst um 17 Uhr beginnt.

Also muss sich Marina Opitz vom Gemeindebüro der evangelischen Nikolaikirche um alles kümmern, um die Rentner, die die Stadtführungen übernehmen, um die Ein-Euro-Jobber, die in der Kirche die Aufsicht führen, vor allem aber um das leibliche Wohl der Besucher. 17 Namen stehen auf der Liste, die griffbereit neben dem Telefon liegt. 17 Kuchen sind also für Sonnabend gesichert, sie selber will zwei weitere beisteuern – das wird wohl reichen, um die Ausflügler aus Berlin satt zu bekommen vor dem nachmittäglichen Chorkonzert des „Ensemberlino Vocale“. Kaffeemaschinen werden die Veranstalter der Sommerkonzerte selber mitbringen, ebenso die Tassen, die Tische und Bänke. Der organisatorische Aufwand ist enorm, denn selten sind die Spielorte – meist Kirchen oder Herrenhäuser – für professionelle Kulturveranstaltungen ausgerüstet. In vielen Orten haben die Sommerkonzerte sogar neue Stromanschlüsse legen lassen, damit der RBB oder das Deutschlandradio Konzerte mitschneiden konnten.

Es ist eine der glücklichen Wende-Geschichten: Im Frühjahr 1990 sitzt eine Handvoll West-Berliner Freunde zusammen, euphorisiert von den Ereignissen, begierig, das wieder gewonnene Umland zu erkunden. Spontan beschließen sie, ein Musikfestival aufzuziehen, als Beitrag zum Zusammenwachsen der beiden Deutschlands: Sie wollen nicht nur Konzerte veranstalten, nein, echte Begegnungen sollen es werden, animiert von der grenzüberschreitenden Kraft der Musik, Treffen zwischen Ost und West, Stadt und Land, Künstlern und Publikum. Die Sehnsucht treibt sie an, die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, das sie in den Weiten Brandenburgs vermuten. Und weil es mit der Infrastruktur nicht weit her ist, weil es auch bei der gastronomischen Versorgung hapert, werden Rundrum-Wohlfühl-Pakete erfunden: Wer nicht mit dem eigenen Auto unterwegs sein möchte, kann sich per Sonderzug oder Reisebus ans Ziel bringen lassen, dort werden Stadtrundgänge und Museumsführungen angeboten, bevor sich die Ausflügler dann beim ersten Haus am Platze versammeln, an der Kirche oder dem Gutshof, wo im Schatten alter Bäume die Biertische und -bänke aufgebaut sind, wo die Hausfrauen des Ortes Kaffee aus großen Kannen austeilen und selbst gemachten Kuchen anbieten.

Statt der „atemlosen Porsche-Hektik des schleswig-holsteinischen Überfestivals“ suchen und finden die Gäste rund um Berlin eine „heitere Unbeschwertheit des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts“, wie es der Journalist Erich Böhme einmal formuliert hat. Und dazu gehört neben die Langsamkeit des Landlebens und der Bereitschaft, ausgestorbene Ortskerne als pittoresk wahrzunehmen, eben auch die Hoffnung, hier, in der tiefen Provinz, den hauptstädtischen Ketten-Bäckereien mit ihren vorgefertigten Industrieprodukten entfliehen zu können.

Bienenstich in Beeskow! Zuckerkuchen in Zinna! Eierschecke in Elsterwerda! Großzügig geschnittene Stücke, mit Schwung auf Pappteller verfrachtet von stämmigen Landfrauen, die aussehen, als könnten sie in einer Verfilmung von Kurt Tucholskys „Rheinsberg“-Novelle mitspielen. Denn neben dem unvermeidlichen Theodor Fontane ist der scharfzüngige Großstadtpoet tatsächlich der eloquenteste Kronzeuge, wenn es darum geht, Brandenburg zu verklären. Die Gefühle, die seine „Rheinsberg“-Reisenden Cläre und Wölfchen bei der Ankunft auf dem Lande überwältigen, bringen auch 90 Jahre nach dem Erscheinen des Buchs jede Berliner Seele zum Klingen: „Noch brausten und dröhnten die Geräusche der großen Stadt, der Straßenbahnen, jener Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, den die Nerven aber doch zu überwinden hatten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne dass man es merkte.“

Immer sonnabends und sonntags bieten die Sommerkonzerte von Ende Juni bis Anfang September ihre Tagesseminare in Entschleunigung an, 25 Konzerte an 25 Orten in der Weite des dünn besiedelten Flächenlands. 20 000 Tickets werden jeden Sommer verkauft, an die 500 Konzerte mit rund 9000 Künstlern waren seit 1990 zu erleben. Jenseits von Neonaziterror, Braunkohlekrisen und Stasiverstrickungen, suchen die Ausflügler hier ein Brandenburg wie es sich Friedrich der Große erträumte: aufgeklärt und kunstsinnig, heiter und polyglott.

An 200 Orten haben die Brandenburgischen Sommerkonzerte schon aufgespielt. Und jedes Jahr kommen neue hinzu, Kirchen, Schlösser, Landgüter, das Reservoir scheint unerschöpflich. Da ist das Gut Suckow, jahrhundertelang im Besitz der Familie von Arnim, von der prachtvollen Anlage haben nur Rudimente die DDR überlebt, aber die alten Obstbäume stehen noch, dazu die Pergola am See – eine schönere Kulisse lässt sich nicht vorstellen für ein Wandelkonzert, für „Lieder im Freien zu singen“, komponiert von Fanny Hensel und ihrem Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy.

Wie viele Berliner würden diesen Flecken brandenburgischer Erde wohl für sich entdecken, wenn es den Katalysator der Sommerkonzerte nicht gäbe? Sie sind der Anlass, der Anschub, sich auf den Weg zu machen. Als Festivalbesucher kann man seit nun 19 Jahren Orte sammeln wie früher Bierdeckel oder Panini-Bildchen, die Konzerte, oft mit hochrangigen Künstlern und anspruchsvollen Programmen, gibt’s als krönenden Abschluss dazu. Fontanes Bonmot „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte“ gibt die Denkrichtung vor: Es kommt auf die rechte Erwartungshaltung an, also auf eine möglichst niedrige. Nur wer sich auf den zweiten Blick einlässt, wer wirklich sucht, wird die Schönheiten dieser Region entdecken.

Ein leichter Hauch von Imperialismus schwingt immer mit bei diesem Festival. Kulturlandverschickung: Wir bringen den Dörflern Hauptstadtniveau – und uns gleich selber noch mit. Vor allem in den Anfangsjahren des Festivals wirkten die elegant gekleideten Berliner Bürgertrupps in den verfallenen Altstadtgassen zwischen Perleberg und Luckau wie Außerirdische. Und doch waren es immer Invasoren der gutmütigsten Art, ehrlich interessiert daran, sich ein verlorenes Land mit der Seele zurückzuerobern.

Mit dem Berliner Anwalt Werner Martin stand ein geradezu prototypischer West-Berliner an der Spitze dieser Bewegung: Der Pfarrerssohn aus Brandenburg hatte es in der Mauerstadt weit gebracht, mit eigener Kanzlei in Kudamm-Nähe und Stammtisch in der Paris-Bar. Als die Mauer fiel und er im Umland auf seine Jugend stieß, wurde Martin zum ostdeutschen Justus Frantz, ein begnadeter Kommunikator und Menschenfänger, der tatsächlich ein Festival des Miteinanders schaffen konnte, finanziert durch Sponsoren und Kartenverkäufe, im Land verankert durch ein Netz regionaler Freundeskreise, die in Kooperation mit der Berliner Zentrale den „tollen Tag“ in ihrem Ort vorbereiten. Für jeden Geldgeber, für jeden Pfarrer hatte Martin stets zur rechten Zeit ein lobendes Wort übrig und einen KPM-Staubfänger zur Hand.

Als sich der Gründungsvater 2004 aus Berlin verabschiedete, in den Ruhestand, auf sein Schloss in Südtirol, bangten viele um die Zukunft der Sommerkonzerte. Als Martins Nachfolger Wilhelm Kirchner sein Amt im Mai 2006 unter unschönen Umständen niederlegte, schien das Ende besiegelt zu sein. Doch der aus der Not vom Konzertmanager zum neuen Geschäftsführer aufgestiegene Arno Reckers riss das Ruder herum, fand im Pressearbeiter Christian Schmidt einen mutigen Mitstreiter. Heute läuft das Festival besser denn je, vor allem, weil man dem Ziel näher gekommen ist, ein Festival für Berliner wie Brandenburger zu sein.

Bei manchen Konzerten reist nur noch die Hälfte der Besucher aus der Hauptstadt an, die übrigen Tickets werden vor Ort verkauft. Der ursprüngliche Werbeslogan „Klassiker auf Landpartie“ wird inzwischen kaum noch benutzt. Auch die Denkmalschutzförderung, die in den Statuten der Sommerkonzerte als Hauptzweck festgeschrieben ist und für die bislang eine Dreiviertelmillion Euro zusammenkamen, wurde neu organisiert. War es in den Anfangsjahren üblich, die Überschüsse aus allen Veranstaltungsorten zusammenzuwerfen, um jeweils ein spektakuläres Projekt zu fördern, darf inzwischen jede Kirchengemeinde die Tageseinnahmen selber behalten. Jeder Euro, den Marina Opitz und ihre Mitstreiterinnen also am Sonnabend mit ihrem Kuchenbüfett verdienen, kommt direkt der Nikolaikirche von Bad Freienwalde zugute.

Im kommenden Jahr wollen die Brandenburgischen Sommerkonzerte ihr 20-jähriges Bestehen mit einem künstlerisch besonders ausgefeilten Programm feiern. Geburtstagsgala-Halligalli braucht so ein Festival nicht. Denn es lebt ja von der Sehnsucht der Tagesausflügler nach dem Authentischen. Von Menschen, die mit leuchtenden Augen durch die märkische Landschaft streifen wie einst Tucholskys Verliebte durch Rheinsberg: „Lange sprachen sie nicht, ließen sich beruhigen von den schattigen Wegen, der stillen Fläche des Sees, den Bäumen. Wie alle Großstädter bewunderten sie maßlos einen einfachen Strauch, überschätzten seine Schönheit, und ohne das Praktische aller sie umgebenden ländlichen Verhältnisse zu ahnen, sahen sie die Dinge vielleicht ebenso einseitig an wie der Bauer – nur von der anderen Seite.“

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