Zeitung Heute : Brandenburg: Für die Fischsuppe brennt der Baum

Claus-Dieter Steyer

"Der Baumstamm brennt!" Zwischen Skepsis und Neugierde schwankt die Stimmung beim Betreten des Floßes auf dem Zennssee bei Lychen in der Uckermark. Tatsächlich schlagen kleine Flammen aus einem ausgehöhlten Stamm. "Und das auf einem Gefährt aus Holz", meint eine ältere Dame mit erhobenen Zeigefinger. "Dafür sind wir vollkommen von Wasser umgeben", lautet die prompte Antwort ihres Begleiters. Die Stimmung auf dem für 30 Personen zugelassenen Floß des erst seit drei Jahren existierenden Unternehmens "Treibholz" könnte nicht besser sein.

"Der brennende Baustamm ist unser Herd für die Fischsuppe", erklärt Firmenchef Marcus Thum. Der 27-Jährige greift zu einem großen Kessel und hängt ihn an einer Vorrichtung übers Feuer. "Im Innern des Kiefernstammes brennen zuerst Sägespanne und danach lodert das ganze Monstrum." Nach drei bis vier Stunden sei alles abgebrannt. Länger dauerten schließlich auch die meisten Touren übers Wasser nicht. Noch bis Ende Oktober schippern er oder einer seiner Partner sonnabends und sonntags "planmäßig" mit dem Floß über die Seen rings um das 3500 Einwohner zählende Lychen. Fahrten außer der Reihe sind das ganze Jahr über möglich. Bei guter Bewirtung vergeht die Zeit wie im Fluge. Aus ungewohnter Perspektive kann die durchaus als idyllisch zu bezeichnende Landschaft genossen werden.

Marcus Thum hat auf dem ersten Teilstück genügend Gelegenheit, sich als profunder Kenner der Tier- und Pflanzenwelt zu beweisen. Denn auf dem Zennssee muss er nicht stakend das Floß fortbewegen. Ein kaum zu hörender Elektromotor bringt den 20 Meter langen und sechs Meter breiten schwimmenden Untersatz auf ein gemütliches Tempo zwischen fünf und zehn Kilometern pro Stunde. "Schon als Kind war ich von der hiesigen Landschaft begeistert", schwärmt der gebürtige Leipziger. "Als mich der Zivildienst in die Greifvogelschutzstation in die Nähe von Lychen verschlug, stand die Entscheidung fest: Hier baust du dir eine Existenz auf." Mit Unterstützung der Verwaltung des Naturparks Uckermärkische Seen und des Arbeitsamtes gründete Thum das Unternehmen "Treibholz".

Der Name ist hier durchaus Programm. "Die Menschen sollen den Alltagsstress einmal hinter sich lassen und sich wie ein Stück Holz treiben lassen", erklärt der Chef. Nur hundert Kilometer von Berlin entfernt, erwarteten sie in der Heimat von Adlern und Kranichen kristallklare Seen, geheimnisvolle Moore sowie ausgedehnte Wälder und Felder. Zu seinem Angebot gehören geführte Kanutouren sowie fünf bis acht Stunden dauernde Bootsafaris in gewöhnlich nicht zugängliche Lebensräume von Eisvögeln, Adlern und Bibern.

Dagegen steht bei den Hydrobikes der Spaß im Vordergrund. Die aus den USA stammenden Wasserfahrräder sind kippsicher und für jedes Alter zu empfehlen. Genau wie bei den Floßtouren veranstaltet "Treibholz" auch mit den Hydrobikes Mondscheinfahrten mit anschließender Live-Musik und rustikalem Picknick am Lagerfeuer.

Das Floß verwandelt sich an lauen Sommerabenden sogar zur schwimmenden Theaterbühne. In ungewohnter Umgebung tritt dann das Erzähltheater aus Berlin mit Stücke nach Wilhelm Hauff oder William Shakespeare auf.

Doch auch ohne ein derartiges besonderes Erlebnis bleibt der Floßfahrer nicht ohne Unterhaltung. Denn Marcus Thum oder einer seiner Kollegen wissen gut über die traditionsreiche Flößerei rund um Lychen Bescheid. Das Holz wurde im Winter in den Kiefernwäldern geschlagen und zu den Sammelstellen gebracht. Um 1720 soll der erste Holzverkauf großen Stils von Boitzenburg und Lychen nach Hamburg passiert sein, wie alte Unterlagen beweisen. Noch heute erinnern Namen wie "Postdammablage" oder "Schlenkenablage" an solche Punkte. Hier verbanden kräftige Männer mit Eisenklammern zwölf Baumstämme zu so genannten Tafeln, die im Uckermärkischen nur "Pläätz" oder "Pläätze" heißen. Zwei bis drei Tafeln übereinander ergaben ein fertiges Paket. Bis zu 200 Meter lang war ein solcher Verband aus "Pläätzen", der hinter Himmelpfort an Dampfschlepper angehängt wurde. Sechs Tage dauerte eine Fahrt nach Berlin-Spandau, nach Hamburg acht bis neun Tage. 1968 stellte der letzte Flößer in Lychen seine Arbeit ein. Gegen die Konkurrenz der Lastwagen hatte er keine Chance.

Doch bis dahin muss es in der Branche mitunter recht amüsant und abenteuerlich zugegangen sein. Auf dem heute harmlos wirkenden Küstrinchenbach schossen beispielsweise die Holzstämme im wilder Fahrt herunter. Das Wasser dafür war extra angestaut worden. Dank künstlich erzeugter Wellen dirigierten die Arbeiter mit Geschick die Hölzer durch Kehren, Strudel und andere Hindernisse. Oftmals erreichten diese aber so ein Tempo, dass sie im Oberpfuhlsee nur mit Mühe wieder eingefangen werden konnten. Alle Geschichten sind im Lychener Flößer-Museum festgehalten, das die Firma "Treibholz" auch als Büro nutzt.

Der Gesprächsfaden kann gleich in einem der für die kleine Stadt erstaunlich vielen Restaurants aufgenommen werden. Findige Gastronomen haben die neue Attraktion für den seit 1996 "staatlich anerkannten Erholungsort" aufgegriffen. Sie servieren Flößer-Gerichte ebenso wie einen in der Region gebrannten Flößer-Schnaps. Als Lokal empfiehlt sich das urgemütliche "Gasthaus am Stadttor" in der Stargarder Straße 16. Fisch steht auf der Speisekarte ganz oben, an klaren Gewässern mangelt es gerade rund um Lychen nicht. Der beste Platz befindet sich rechts hinter der Tür - auf der Couch vor dem Kamin. Ganz zufällig entpuppt sich da mancher Stammgast als alter Flößer mit zuweilen wundersamen Geschichten.

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