Brandenburg : Irrungen und Wirrungen im Dorf L.

Er dachte, das Haus gehöre ihm. Und er wähnte sich im Recht, denn das ist sein Spezialgebiet. Er täuschte sich. In allem. Ein Nachbarschaftsdrama.

Hier wollte Professor B. seinen Ruhestand genießen. Dann zog nebenan das Ehepaar K. ein.
Hier wollte Professor B. seinen Ruhestand genießen. Dann zog nebenan das Ehepaar K. ein.Foto: Thilo Rückeis

Das Dorf L. liegt im Landkreis Potsdam-Mittelmark, etwa 50 Kilometer südlich von Berlin. Eine Backsteinkirche überragt ein paar Dutzend Bauernhäuser, in denen keine 100 Menschen leben. Dass L. in dieser Geschichte nur als Anfangsbuchstabe auftauchen kann, hat mit einem verfänglichen Rechtsstreit zu tun. Drei Dorfbewohner stehen sich hier so unversöhnlich gegenüber, dass auch sie nur unter ihren Initialen auftreten dürfen. Auf der einen Seite steht Professor B., auf der anderen das Ehepaar K.

Professor B. ist ein distinguierter Herr im Rentenalter, der nicht in L. geboren wurde, sondern in Freiburg, was man ihm anhört. Pensioniert wurde B. vor gut einem Jahr, bis dahin lehrte er Strafrecht an der Freien Universität Berlin, er ist der Autor eines Standardkommentars zum deutschen Ordnungswidrigkeitsgesetz. Ein Rezensent dieses Kommentars hat Professor B. einmal als „Deutschlands Ordnungswidrigkeitspapst“ bezeichnet, ein Spitzname, der unter B.s ehemaligen Studenten immer noch kursiert.

Das Dorf L. entdeckte Professor B. vor gut zwei Jahrzehnten. Kurz nach der Wende fuhr er durchs Brandenburgische, auf der Suche nach einem Alterswohnsitz. Zwischen weitläufigen Spargelfeldern – L. liegt im Umkreis von Beelitz – wurde Professor B. fündig. Er erwarb einen heruntergekommenen Vierseithof nebst Grundstück (200 000 D-Mark), den er mit viel Zeit und Geld renovierte (200 000 Euro). Als der Alterswohnsitz fertig war, rückte B. seinen antiquarischen Schreibtisch vor die Fenster des Arbeitszimmers, genoss die Aussicht auf die Backsteinfassade der Dorfkirche und sah zufrieden seiner Rente entgegen.

Auch das Ehepaar K. wurde nicht in L. geboren. Immerhin aber stammen Herr und Frau K. aus Ostdeutschland, ein Umstand, der in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird. Die K.s entdeckten das Dorf L. vor etwa fünf Jahren, sie wurden durch eine Zwangsversteigerung auf den Ort aufmerksam. Zu ersteigern war das Grundstück eines insolventen Dorfbewohners, 1700 Quadratmeter, „bebaut mit einem Einfamilienhaus“, wie es in der Ausschreibung hieß. Der einzige Mitbieter stieg bei knapp 50 000 Euro aus, die K.s erhielten den Zuschlag – und wurden Nachbarn von Professor B.

Was danach geschah, darüber gehen die Meinungen in L. ein wenig auseinander.

Fragt man Professor B., dann ging die Geschichte so weiter: Kurz nach der Versteigerung tauchte ein staatlicher Vermesser in L. auf, bestellt von den K.s. Er vermaß das frisch versteigerte Stück Land und kam zu einem erstaunlichen Schluss: Dem Kataster zufolge verlief die Grundstücksgrenze nicht zwischen dem Haus der K.s und dem angrenzenden Haus des Professors, sondern ein gutes Stück weiter nördlich. Sie halbierte den professoralen Garten, schob sich durch eine Reihe professoraler Obstbäume und durchschnitt, bevor sie nördlich des professoralen Wohnhauses die Dorfstraße erreichte, die professorale Scheune.

Der Vermesser, offenbar selbst leicht erschrocken über die Auswirkungen seines Tuns, versuchte zu vermitteln: Vielleicht könne man hier ein Stück unbebautes Land abzwacken, dort etwas hinzufügen, den Grenzverlauf gütlich regeln ...? An welcher Partei dieser erste und letzte Einigungsversuch scheiterte, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Fest steht, dass dem Professor bald unverrückbare Argumente vor Augen standen. Der Vermesser stellte Grenzsteine auf, die das Grundstück in zwei Teile schieden. Der Nordteil umfasste ein Stück Wiese, ein paar Obstbäume und den Großteil der Scheune, abzüglich einer kleinen Ecke an der Straßenfront. Alles andere lag im Südteil. Was dem Professor blieb, war somit eine verstümmelte Scheune. Den Rest seines Anwesens, darunter das Wohnhaus, hatten die Nachbarn ersteigert.

So nicht, dachte Professor B. Er klagte, um die Versteigerung anzufechten. Das Ehepaar K. konterte mit einer Gegenklage zur Bekräftigung ihres Kaufs. Vom Landgericht Potsdam wechselte der Fall bald zum Brandenburgischen Oberlandesgericht, dessen Urteil im vergangenen Juni fiel: Die K.s gewannen, Professor B. verlor. „Der Eigentumswechsel“, lautet der Kernsatz des Urteils, „tritt auch ein, wenn das Grundbuch unrichtig war und Eigentum einer anderen Person als des Schuldners zugeschlagen wurde.“ Mit anderen Worten: Was bei einer öffentlich-rechtlichen Zwangsversteigerung unter den Hammer kommt, und sei es aus Versehen, ist unwiderruflich futsch – egal, ob es vorher dem Schuldner gehört hat oder einem unbeteiligten Dritten. Professor B. wurde entschädigungslos enteignet.

Ganz abgefunden hat sich B. damit freilich noch nicht, er hat Revision beantragt, beim Bundesgerichtshof, abgewiesen im ersten Durchgang, nun läuft ein Antrag auf Zulassung. Professor B. rechnet sich eine 20-prozentige Chance aus, dass es zu einem erneuten Prozess kommt. Für noch geringer hält er die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn gewinnen könnte. Professor B.s Vertrauen in die deutsche Justiz, einst die Grundlage seines Berufs, hat in den vergangenen fünf Jahren etwas gelitten.

Viel Zeit hat er damit verbracht, der Frage auf den Grund zu gehen, wie es überhaupt zu dem Katasterkuddelmuddel kommen konnte, der ihm das Haus zu rauben droht. Professor B. hat einiges zu dieser Frage in Erfahrung bringen können, die jetzt gewissermaßen sein Forschungsprojekt ist, obwohl (oder gerade weil) sie die Gerichte so wenig interessiert. Professor B. kann den ganzen geschichtlichen Hergang der Dorfstraßenflurstücke I und II lückenlos rekonstruieren – bloß ist er so verwickelt, dass ihn außer B. kein Mensch versteht. Die relativ späte Einführung einer Grundsteuer im Preußen des 19. Jahrhunderts spielt eine Rolle, ebenso das überhastet begründete preußische Katasterwesen, des Weiteren die nach dem Krieg erfolgte Enteignung des nationalsozialistischen Ex-Bürgermeisters von L. durch das DDR-Regime, die spätere Restitution seiner Erben, das lückenhaft umgesetzte Bodensonderungsgesetz der Nachwendezeit und noch so einiges mehr. Nicht unerheblich beteiligt am Kuddelmuddel dürfte auch ein Großbrand gewesen sein, der im späten 19. Jahrhundert die halbe Dorfstraße einäscherte. Beim Wiederaufbau einigten sich die Anwohner offenbar per Handschlag auf Grundstücksgrenzen, die mit den behördlich festgelegten – sofern es sie gab – nur näherungsweise übereinstimmten. Wer wo hauste, scheint im Dorf L. lange eine Frage der Konvention gewesen zu sein, nicht des Katasters. Das galt jedenfalls, bis die K.s auftauchten.

Aus Sicht der K.s stellt sich die Angelegenheit natürlich anders dar. Das Ehepaar hat ein Grundstück ersteigert, das laut Ausschreibung zwar ausdrücklich „mit einem Einfamilienhaus“ bebaut ist, nicht mit zweien, ebenso explizit aber 1700 Quadratmeter umfasst. Wer die K.s besucht, sieht mit bloßem Auge, dass die Fläche, die ihnen zur Verfügung steht, kleiner ist. Sollen sie auf ihr ersteigertes Land verzichten, nur weil ein Haus draufsteht, in dem ein Professor wohnt?

Die K.s sind auf den ersten Blick keine unfreundlichen Leute. Wer sie besucht, bekommt ein Glas Wasser und bereitwillige Auskunft. Schade nur, dass der zentrale Punkt des einstündigen Gesprächs – die Frage nämlich, warum die K.s im Erfolgsfall tatsächlich nicht davor zurückschrecken würden, den Professor aus seinem Haus zu vertreiben – hier nicht wiedergegeben werden kann. „Wir haben noch einmal darüber geschlafen und fühlen uns doch etwas überrumpelt“, heißt es in der E-Mail, die das Ehepaar am nächsten Morgen schickt. „Vor diesem Hintergrund erklären wir uns mit der Verwertung der Informationen aus dem Gespräch (in jedweder Hinsicht) nicht einverstanden und bitten von einer sich daraus ergebenden einseitigen Berichterstattung auf der Grundlage etwaiger Informationen der Gegenseite abzusehen.“

Wer mit anderen Bewohnern von L. spricht, stellt schnell fest, dass die überwiegende Mehrheit hier auf der Seite der K.s steht. Ein Mann erzählt, Herr K. habe ein gewisses Talent dafür, das Dorf für sich einzunehmen und den Nerv seiner Bewohner zu treffen, etwa mit Aussagen wie der, dass „der Ossi“ nun mal auf sein Eigentum pochen müsse, weil doch „der Wessi“ im umgekehrten Fall dasselbe tun würde, nur viel rücksichtsloser.

Auch spricht man im Dorf noch immer über die Anzeige, die Professor B. vor einigen Jahren gegen den Besitzer einer offenbar nicht ganz legal erbauten Datsche erstattete, weil letztere ihm die Aussicht verschandelte. Als die Bauaufsicht in L. vorbeischaute, was sie nicht oft tut, stellte sie gleich noch ein paar andere Mängel fest. Das nahm man Professor B. ein wenig übel, zumal ihn kurz darauf auch noch eine Lokalzeitung mit den Worten zitierte, er sei „erschüttert, dass den Menschen ihre Datschen-Ästhetik mehr bedeutet als die Bewahrung des Dorfes“.

Im Gespräch redet Professor B. mitunter ironisch von den „gesitteten“ Bundesländern, wenn er die alten meint. Wer ihm zuhört, begreift schnell, dass dieser Mann hier anecken muss, mit seinen Worten, seiner Aussprache, seinem Titel und seinem Geld, seiner Kunstsammlung und seinen Hausmusikabenden, mit seiner ganzen professoralen Andersartigkeit.

Nur ein paar wenige im Dorf stehen auf seiner Seite. Ein Mann namens L. zitiert freimütig, was er den K.s bereits ins Gesicht gesagt haben will: „Passt schön auf, es gibt immer noch einen größeren Schweinehund, als man selbst einer ist – und eines Tages wird er euch begegnen.“

Und noch etwas weiß L. zu berichten – über den Dorfbrand, mit dem der ganze Kuddelmuddel vermutlich begann. Sein Vater, sagt L., habe ihm erzählt, dass das Feuer damals keineswegs zufällig ausgebrochen sei. Ein paar Anwohner hätten sich mit Versicherungspolicen eingedeckt und gemeinsam ihre Häuser niedergebrannt, um sich später von den Prämien größere zu bauen. Herr L. liebt diese Anekdote, weil sie von einer Zeit erzählt, als man in L. noch gemeinsam andere betrog, anstatt sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen. „Das nenne ich Dorfkultur!“, sagt Herr L.

Im Haus von Professor B. klafft eine große Lücke im Bücherbord. Einst stand hier der juristische Handapparat, mehrere Regalmeter Fachliteratur, die B. an seine Studenten verschenkt hat, weil er den Anblick der Bücher nicht mehr ertrug. Behalten hat er einzig seinen Standardkommentar zum Ordnungswidrigkeitsgesetz, ein gewichtiges Buch, das im Obergeschoss auf dem Dielenboden ruht. Herr B. verwendet es als Türstopper.

Sollte Professor B. sein Haus am Ende tatsächlich verlieren, will er auswandern. Wohin, lässt er offen. Er sagt nur, dass er in einem Rechtsstaat leben möchte.

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