Brandenburg : Was tun, wenn die Nazis kommen?

Ein Ort in Brandenburg plant ein Fußballspiel. Germania Storkow gegen Energie Cottbus. Motto: für Toleranz – dafür gibt es Geld vom Land. Die NPD fühlt sich vom Slogan provoziert, kündigt ihren Aufmarsch an. Ab dann ist es schwer, noch etwas richtig zu machen.

Claudia Keller[Storkow]

Die Mädchen stehen an der Straße, sie halten ein Laken hoch, das haben sie bunt bemalt. „Wir spielen mit jeder Farbe“ steht darauf, dazu Abdrücke ihrer Hände. Die Sonne scheint, die warme Luft steht still, die Mädchen wollen demonstrieren – für Toleranz, gegen rechts, sie dachten, dass wird spaßig, aber dann hören sie die Rechten, es ist ein Gedröhne, und dann kommen sie die Dorfstraße hoch, ein schwarzer Block, und die Mädchen kriegen Angst.

Es hat einen Aufruf gegeben, mit Rasseln und Transparenten die Demokratie zu verteidigen, hier in Storkow, an diesem Sonnabend, den 4. Juli, denn für den Tag hat sich die NPD angekündigt.

Es hat einen Aufruf gegeben, und nun stehen sie da, die Mutter und die zwei Kinder, allein an der Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße, die Nazis kommen näher, sie grölen: „Storkow wach auf, hier kommt der Nationale Widerstand.“ Da fragt eins der Mädchen die Mutter: „Können wir woanders hingehen?“, aber die sagt: „Da passiert euch nichts.“

Eine Hoffnung, wie sie gerne gehegt wird: Die Rechten kommen, aber uns passiert nichts.

Storkow, ein Ort mit 9300 Einwohnern, Spree-Oder-Kreis, südöstlich von Berlin. Vor vier Wochen wurde das 800-jährige Stadtjubiläum gefeiert. Man freute sich über die schöne Landschaft mit den Seen, über die schicken Hotels und die frisch sanierte Burg und dass man den Touristen viel bieten kann. Man habe bewusst nichts Politisches machen wollen zum Stadtfest, sagt die Bürgermeisterin. Damit alles friedlich bleibt. Denn vielen ist nicht entgangen, was sich da so tut, auch wenn man bislang nicht viel darüber gesprochen hat. Dass die NPD bei den Kommunalwahlen im vergangenen Herbst 7,3 Prozent in Storkow geholt hat, dass der Bundessprecher der Partei von der Saale in den Nachbarort gezogen ist und dass die Rechten sich neuerdings bei jedem Dorffest zeigen. Nur so, um mit den Bürgern zu trinken. Erst nach dem dritten Bier wird dann der Sonnenschirm mit NPD-Logo aufgespannt, in der Hoffnung, dass die Leute darunter sitzen bleiben.

„Storkow, erwache“, scheppert es weiter aus Megafonen. Vor vier Wochen war es friedlich geblieben, und jetzt das. Die NPD dröhnt durch den Ort.

Wie kommt man da wieder raus? Wie soll man sie verteidigen, die Demokratie, wenn die, die sie zerstören wollen, nur eine Demonstration anmelden müssen und schon liegt ein Schatten über allem?

Anlässlich des Stadtjubiläums war auch ein Fußballfest geplant, Termin: 4. Juli. Ort: Spielfeld des FSV Germania. Der Verein trainiert drei Kilometer hinter der Burg, und er gilt was in der Stadt. Der Club-Präsident ließ seine Beziehungen zu Energie Cottbus spielen, das war im November 2008. Und ja, warum nicht das Ganze mit einem Zeichen verbinden?

„Wir wollten mit dem Fußballfest den Nazis etwas entgegensetzen“, sagt Peter Witzke, Geschäftsführer der Fischerei Köllnitz in Storkow und Sponsor von Germania. So überlegte man sich als Motto: „Mit Energie gegen Rechtsextremismus“. Das sei den Cottbusser zu direkt gewesen. „Mit Energie für Toleranz“, das gefiel besser. Sponsoren waren leicht zu überzeugen, das Land gab Geld im Rahmen der Kampagne „Tolerantes Brandenburg“. Im Februar wurde der Vertrag unterzeichnet. Die Bundesliga sollte nach Storkow kommen. Eine große Sache.

Am 8. Mai meldete die NPD eine Demonstration mit 150 Personen durch Storkow für den 4. Juli an. Am 9. Mai fand Johann Kney, der Präsident von Germania Storkow, die Begründung dafür in seinem Briefkasten. „Da unsere deutschfreundlichen Veranstaltungen leider oft linkskriminelle Attentäter auf den Plan rufen, ist zu befürchten, dass in Storkow am Wochenende des 4. Juli nicht nur der Rasen ,grün‘ sein wird“, schrieb der Bundessprecher und Kreistagsabgeordnete der NPD, wohnhaft im Nachbardorf. Würde das Motto des Fußballfestes geändert, sei man bereit, die Demo zurückzuziehen, stand im Brief.

Kney zeigte ihn seinen Vereinskollegen und der Bürgermeisterin und erstattete Anzeige.

Fürstenwalde, Bad Saarow, Rauen, viele Ortschaften in der Gegend haben bereits derartige Erfahrungen mit den Neonazis gesammelt. Nun auch Storkow. Es traf die Gemeinde unvorbereitet, obwohl im Nachhinein viele sagen, dass es sie nicht überrascht hat. Wie kommt man aus der Sache wieder raus? Das fragte man sich im Rathaus und bei Germania, das fragte man sich bei der Feuerwehr, in der Kirche, im Supermarkt. Soll man das Fest absagen? Verschieben? Eine Gegendemo organisieren?

„Uns war schnell klar, da wird nichts abgesagt. Wir knicken doch nicht ein vor denen“, sagt Johann Kney. Ein Mann, ein Wort. Es ist Freitagnachmittag, der 3. Juli, Kney entschuldigt sich, dass er im Feinripp-Unterhemd und Sporthose im Vereinsheim sitzt. Aber die Schlepperei, Bänke, Tische, die letzten Vorbereitungen für das große Fest.

Kney ist ein drahtiger, braun gebrannter 66-Jähriger, der bis zur Pensionierung die Storkower Wohnungsbaugesellschaft geleitet hat. Er sitzt auch im Stadtparlament für die „Fraktion Neues Storkow“. Weil er für Germania etwas herausholen wollte, sagt er. Dabei verstehe er nichts von Fußball und sei auch ein ganz unpolitischer Mensch. Und weil er ein Macher sei, könne er auch viel vertragen. „Aber die letzten Wochen waren die schlimmsten in meinem Leben.“ Erst der Drohbrief der NPD, dann die Absage aus Cottbus. Ein irrsinniger Druck, dauernd Anfragen, von überall her, Zeitungen, Fernsehsender, alle berichteten.

Dass er, dass ganz Storkow mit der Situation überfordert sein könnten, haben sie deshalb auch in Potsdam gemerkt. Der Finanzminister mischte sich ein, sprach mit den Cottbusern, besorgte einen Ersatzgegner.

Kneys Kopf wird noch röter als ihn die Sonne eh schon gefärbt hat. Die Cottbuser hätten sich keinen Gefallen getan, so einzuknicken vor den Rechten, schimpft er. „Wo gibt’s denn so was?“

Wo gibt es denn so was – das fragten sich aber auch die Chefs des Bundesligisten. Ein Fußballfest und 200 Meter entfernt demonstriert die NPD? Unmöglich.

„Sobald die NPD auf dem Plan ist, ist alles politisch vermint“, sagt Energie-Sprecher Ronny Gersch, „aber wir wollten Fußball spielen und keine politische Lehren erteilen.“ Der Verein versuchte, sich dem Problem zu entziehen, und sagte ab. Dass gerade so ein Verein „einknicke“, der mit seinem Engagement für Toleranz überall Werbung mache, verstand in Storkow niemand. Die Sicherheit der Spieler sei nicht gewährleistet, hieß die offizielle Begründung für die Absage. Man könne nicht für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, hieß es aus Cottbus. Nicht für die Politik, die die NPD nicht verbietet, nicht für die Polizei, die die Demo genehmigt habe, und auch nicht für die Storkower. „Was können wir dafür, dass da so viele NPD wählen“, sagte Ronny Gersch. „Die NPD hat Macht. Jetzt können die Storkower mal sehen, welche Konsequenzen das hat.“

Jetzt wollten die Storkower erst Recht der NPD etwas entgegensetzen. Aber wie? Linke und SPD, die im Rathaus die Mehrheit haben, und ein paar Initiativen gründeten ein Aktionsbündnis. Man einigte sich darauf, Plakate zu basteln, ansonsten: Fenster zu, Rollläden dicht, raus auf den Fußballplatz, fertig. Die Bürgermeisterin ließ ein Flugblatt mit der entsprechenden Aufforderung verteilen.

Rechtsextreme Versammlungen ignorieren und ihnen auf diese Weise die öffentliche Resonanz nehmen, erweise sich als problematisch, steht in einem Handbuch der Friedrich-Ebert-Stiftung, das Kommunen Hilfe anbietet, die mit der NPD zu tun haben. Wenn den Rechtsextremen nicht entschieden öffentlich widersprochen werde, bestehe die Gefahr, dass sich das Problem „verfestige“, weil rechtsextreme Demonstrationsanmelder solche Orte „gern gezielt und regelmäßig als Aufmarschgebiete nutzen“. Geeigneter seien fantasievolle Protestaktionen, symbolisches Putzen, Rasseln und Samba-Trommeln. Genau das wollten auch die Storkower Linken und luden ebenfalls per Flugblatt zum „Fest der Demokratie“.

Am Abend vor dem Spieltag zeichnete sich ab, dass die Storkower keine Freunde des Rasselns sind. „Eine Schande, dass die NPD demonstrieren darf, die gehört verboten“, sagte ein älterer Mann am Stammtisch im Ruderclub. „Wir sollen das jetzt ausbaden. Aber ohne mich, ich gehe aufs Wasser.“

Samstag früh haben die vom Aktionsbündnis Transparente aufgehängt, die Schulen hatten bunte Plakate malen lassen, SPD und Linke holten ihre Materialien aus dem Keller, man war stolz auf das gemeinsame Handeln. Doch als am Samstagmittag die kahl rasierten, schwarz gekleideten Männer am Storkower Bahnhof ankommen, ist es unter den grünen Zelten beim „Fest der Demokratie“ leer. „Eine Schande, dass so wenige da sind“, sagt Gabriele Baum. Sie hat das Fest mitorganisiert.

Die Straßen sind voller Polizei, sonst ist keiner unterwegs, als um 15 Uhr der Neonazimarsch beginnt. Als der an der Frau und den beiden Kindern vorbeikommt, die allein an der Ecke stehen, mit dem Laken und den bunten Rasseln, brüllen die schwarzen Männer ins Megafon: „Gib den Kindern das Spielzeug zurück.“ Aber die drei rasseln weiter, mit starrer Miene, so laut es geht.

Bei der Kundgebung auf dem Marktplatz dankt die NPD für den „gelungenen Wahlkampfauftakt“ und dass Energie Cottbus sich nicht von den Storkowern habe „politisch instrumentalisieren“ lassen und abgesagt habe. Ab jetzt wolle man sich nicht mehr bieten lassen, dass Vereine und die Feuerwehr nach der Gesinnung ihrer Mitglieder fragten.

Das Fußballspiel ist davon unbeeinträchtigt angepfiffen worden. 1200 Storkower sind am Fußballplatz. Die Jugendmannschaft und Stars aus dem DDR-Fußball spielen, statt der Hauptmannschaft von Energie Cottbus tritt eine Brandenburg-Auswahl des Zweitligisten und Babelsberg 03 an. Die Gäste gewinnen.

Für Johann Kney und für die Bürgermeisterin ist der Tag am Ende ein Erfolg für Storkow. „Die ganzen Bedenken waren vollkommen unbegründet“, sagt Kney. Außerdem: So viele kommen sonst nie auf den Dorffußballplatz.

„Vielleicht lernen die Storkower aus dem Tag“, sagt Unternehmer Witzke. Vielleicht gehen im September mehr zur Wahl und stimmen für die Demokratie.

Vielleicht auch nicht.

Es sei erschreckend, schreibt ein Brandenburger Blogger, wie einzelne Personen mit ihrer Gefolgschaft und ihren Mobilisierungsmöglichkeiten Angst und Schrecken verbreiten können und somit die Gesellschaft in die Knie zwingen. Und weil er nämlich keinen „Bock auf Stress“ habe, sei er auch nicht zum Fußballfest von Germania gegangen.

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