Zeitung Heute : Brandneue Menschen

Er ist 21 und macht Riesengeschäfte. Lan ist während Chinas Öffnung aufgewachsen, wie eine ganze Generation von Einzelkindern. Aber nicht alle kommen im immer härteren Konkurrenzkampf nach oben. Wie tickt die Jugend, die das größte Land der Welt verändert?

Harald Maass[Peking]

Der junge Mann sieht müde aus an diesem Morgen. Die Haare stehen wirr vom Kopf, das grüne Hemd hängt aus der Hose. Auf den ersten Blick würde man ihn auf 16 Jahre schätzen. Sein längliches Gesicht ist bleich, als er sich auf den Plastikstuhl des Schnellimbiss-Lokals fallen lässt. Er trinkt einen Schluck Tee, reibt sich die Augen. Ob er die Nacht mit Freunden durchgefeiert habe? Lan Ningyu schüttelt den Kopf. Es ist die Arbeit, die ihm den Schlaf raubt. Gerade hat er die Jahresprüfungen an der Uni hinter sich gebracht, erzählt er. „Und dann muss ich mich um mein Geschäft kümmern.“ Wenn er nicht gerade studiert, verhandelt Lan mit ausländischen Firmen und Pekinger Ministerien über Millioneninvestitionen.

Lan ist 21 Jahre alt. Als er 16 war, kaufte ihm seine Mutter einen Computer. Mit 18 gründete er seine erste Firma, eine Internetseite zum Verkauf von Musikinstrumenten war die Grundlage. Über E-Mail verschickte er damals seine Geschäftsideen an mögliche Investoren in Holland und in den USA. Heute gehören Lan mehrere Firmen mit Dutzenden Angestellten. Er organisiert Computerkonferenzen, gibt eine Zeitschrift heraus und bietet Englisch-Camps für chinesische Schüler an.

„Xinxin Renlei“ werden Leute wie Lan in China genannt – „brandneue Menschen“. Chinas neue Jugend. Maos Kulturrevolution kennen sie nur aus Geschichtsbüchern. Sie waren zu jung, um an den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 teilzunehmen. Lan Ningyu gehört zu der ersten Generation, die in der Zeit der Öffnung groß geworden ist. Aufgewachsen zwischen Popkultur und Parteipropaganda, zwischen Handy und Hausaltar. Sie sind die Generation der Einzelkinder und Individualisten – groß geworden mit McDonalds und Baywatch. Grenzgänger zwischen Ost und West. Nach außen zeigen sie ihre westliche Seite: Sie tragen Schlabberjeans, schicken sich über das Handy Liebesbotschaften und sitzen nächtelang vor dem Internet.

Aber im Innern sind sie Chinesen. Aufgewachsen mit der Propaganda der Kommunistischen Partei, träumen sie von einem starken China. Erzogen mit den Werten des Konfuzianismus büffeln sie an den Universitäten und träumen vom Wohlstand.

Lan Ningyu wirkt bei unserem ersten Treffen nicht nur sehr müde, sondern auch überraschend schüchtern. Mit leiser Stimme erzählt er von seinen Unternehmungen. „Mit Bildung lässt sich im Moment viel Geld verdienen“, sagt er. Lan selbst spricht fließend Englisch. „Ich habe zwei Büros in Peking“, sagt er. Es fällt nicht leicht, in diesem kindlichen jungen Mann einen erfolgreichen Geschäftsmann zu sehen. Einer, der mit chinesischen Ministern über Regierungsprojekte verhandelt und mit ausländischen Investoren feilscht. In China brauche man zum Geschäftemachen vor allem zwei Dinge, erzählt Lan: „Beziehungen und Investoren.“ Das Alter spiele keine Rolle.

Trotz seiner jahrtausende alten Kultur ist China ein junges Land. Die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen ist unter 30 Jahre alt. Das Heer der jungen Menschen, flexibel und abenteuerlustig, ist die Grundlage für den Wirtschaftsaufschwung. Millionen junger Männer und Frauen haben in den vergangenen Jahren ihre Felder verlassen, um in den Fabriken an der Küste zu arbeiten. China ist eine sehr junge Gesellschaft, ein Land im ständigen Umbruch.

Vorreiter der Modernisierung sind wie immer die großen Städte. Über Nacht werden in Peking, Shanghai und Kanton alte Stadtviertel abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu machen. Junge Mädchen, die ihr Handy als Schmuckstück an der Kette tragen, kleiden sich nach den neusten Trends aus Tokio und Seoul. Natürlich gibt es auch in China verschiedene Szenen. Da gibt es die Karaoke-Fans, die jedes Wochenende mit ihren Freunden Popschlager singen. Oder die „Wangluozu“ – die „Internetabhängigen“. Nachts hocken sie in den Internetcafes rund um die Universitäten. Mit fahlen Gesichtern starren sie stundenlang auf die Computerbildschirme, schreiben E-Mails an ihre Freunde in der Heimatprovinz oder schießen auf kleine grüne Spielmonster.

Die jungen Chinesen, die hier Nacht für Nacht spielen und durch die Diskos ziehen, sind die Gewinner der Reformen. Die meisten sind nach 1979 geboren – dem Jahr, in dem Deng Xiaoping Chinas Öffnung angestoßen hat. Ihr Leben ist freier. Bei ihren Eltern waren es noch die lokalen Parteifunktionäre, die Hochzeiten arrangierten, und auch die Arbeitsplätze wurden vom Staat vergeben. Wer einmal einer „Danwei“ (Arbeitseinheit) zugewiesen war, blieb dort meist sein ganzes Leben. Heute suchen sich junge Chinesen ihren Partner und ihren Arbeitsplatz meistens selbst aus. Kondomautomaten an den Universitäten, vor fünf Jahren noch Anlass einer Moraldebatte, sind heute selbstverständlich. Junge Chinesen bestimmen selbst über ihr Studium und ihre Arbeit. Die neue Generation habe den Kollektivismus der Eltern durch Individualismus ersetzt, sagt Sun Yunxia, Vizedirektor des chinesischen Jugendforschungszentrum. „In ihren Reden taucht am häufigsten das Wort ,Ich’ auf“, sagt er.

„Unsere Eltern wissen nicht, wie man das Leben genießt“, sagt die Journalistikstudentin Jiang Xin. Junge Chinesen hätten heute mehr Freiheiten, eine bessere Ausbildung und verdienten schon als Berufsanfänger oft mehr Geld als ihre Eltern, sagt die 25-Jährige. Über der ausgebleichten Jeans trägt sie lässig einen Rock. Seit einem halben Jahr macht sie einen Aufbaustudiengang in Großbritannien. Finanziert von ihren Eltern. „Mein Vater hat dafür auf ein eigenes Auto verzichtet“, erzählt sie. Ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe sie schon deshalb. Doch trotz aller Freiheiten sei es auch heute für die Jugend in China nicht einfach, sagt Zhang. „Der Konkurrenzdruck ist unheimlich hart.“ Schon im Kindergarten beginnt der Wettkampf, da wird über den Zugang zu einer guten Schule entschieden. In der Mittelschule beginnt dann der Konkurrenzkampf um einen der wenigen Studienplätze. Viele junge Chinesen verbringen ihre Kindheit am Schreibtisch, angetrieben vom Ehrgeiz der Eltern, die ihr einziges Kind zu Höchstleistungen anspornen. Zeit für Freundschaften, um die eigene Persönlichkeit zu erkunden bleibt wenig. „Mein Leben bestand damals nur aus Lernen, von morgens bis abends, auch am Wochenende“, sagt die heute 24-jährige Yang Xiaoxue über ihre Schulzeit. Wie viele ihrer Generation suchte Yang Zuflucht in Büchern und im Internet. In den vergangenen Jahren ist in China eine Flut von autobiografischen Büchern herausgekommen, in der Jugendliche ihr Innenleben beleuchten. Sprachrohr der neuen Generation ist der 21-Jährige Han Han. „In dieser Welt verstehen selbst meine Eltern, die für die längste Zeit mit mir zusammenlebten, meine liebsten Menschen und Freunde, mich nicht“, schreibt er in seinem Roman mit dem Titel „Gift“. „Sie wissen nicht, was ich wirklich möchte.“

Samstagabend im Pekinger Barviertel Sanlitun. Aus den Kneipen dröhnt der Gesang der Life-Bands, die Musik mischt sich mit den Geräuschen klirrender Biergläser und der Unterhaltung der Leute. Ein junges Mädchen mit langen glatten Haaren schiebt sich durch das Gewirr vergnügter Menschen. Ihre dicken Strümpfe und die rote Jacke verraten, dass sie vom Land kommt. Luo Yumei ist Blumenverkäuferin. Jede Nacht zieht die 19-Jährige durch die Pekinger Bars. Oft wird sie von Betrunkenen angemacht. „Wenn die Polizei kommt, laufen wir schnell weg“, erzählt sie.

Luo Yumei gehört zu den Verlierern der Reformen. Vor ein paar Jahren kam sie mit ihrem Vater aus der Provinz Shandong nach Peking. Heute schlägt sie sich allein durch. Luo Yumei ist eine von hunderttausenden Wanderarbeitern in Peking. Da sie für Peking keinen Hukou besitzen, also kein offizielles Wohnrecht haben, sind sie Bürger zweiter Klasse. Sie arbeiten als billige Tagelöhner auf den Baustellen, als Straßenarbeiter oder Bedienungen in Restaurants. Ihre Kinder dürfen nicht auf die städtischen Schulen. Im Krankenhaus werden sie nur gegen Vorauskasse behandelt.

Die glitzernde Hauptstadt ist für Luo Yumei eine geborgte Heimat. Die Chancen der Pekinger Jugend, die sich hier im Sanlitun Viertel vergnügt, sind für sie unerreichbar. Luo Yumei wird nie studieren und wahrscheinlich ihr ganzes Leben für ihren Unterhalt hart arbeiten müssen. Den Großteil ihrer Einkünfte vom Blumenhandel muss sie an den „Großen Bruder“ abgeben, wie die organisierten Beschützer von der Mafia genannt werden. Wovon träumt sie? „Irgendwann will ich genug Geld verdient haben, um in der Heimat ein eigenes Geschäft aufzumachen“, sagt Luo Yumei. Wahrscheinlich wird es immer ein Traum bleiben.

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