Zeitung Heute : Brandtragödie – Ankara schickt Experten

Türkische Kinder wollen zündelnden Mann gesehen haben / 2006 Anschlag auf das Haus in Ludwigshafen

Nach dem Großbrand in Ludwigshafen, bei dem am Sonntag insgesamt neun Türken ums Leben gekommen waren, schaltet sich die Türkei in die Ermittlungen ein. Ministerpräsident Tayyip Erdogan schickte am Dienstag den Staatsminister Mustafa Said Yazicioglu, der für die im Ausland lebenden Türken zuständig ist, nach Rheinland-Pfalz. Yazicioglu wird, nach Absprache Erdogans mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), von einem Team türkischer Brandexperten begleitet. Zuvor hatte Erdogan in Ankara länger mit Schäuble über den Brand gesprochen. Der Fall müsse „in allen Dimensionen“ aufgeklärt werden, forderte der türkische Ministerpräsident.

Erdogan betonte, „wir wollen kein neues Solingen“ erleben. In der Stadt in Nordrhein-Westfalen waren 1993 bei einem rechtsextremen Brandanschlag fünf türkische Mädchen und Frauen getötet worden. Die Täter wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Erdogan will in dieser Woche während seines Deutschlandbesuchs nach Ludwigshafen fahren. Schäuble zeigte Verständnis für die türkischen Reaktionen, warnte aber vor „haltlosen Spekulationen“. Er sagte: „Ich hoffe, dass es ein Unglück war.“ Unter den Opfern des Brandes in Ludwigshafen sind fünf Kinder im Alter zwischen einem und 16 Jahren.

In Ludwigshafen gibt es einen Anhaltspunkt für den Verdacht, das Wohnhaus könnte angezündet worden sein. Zwei Mädchen im Alter von acht Jahren wollen einen Mann zündeln gesehen haben. Eines der Mädchen, das sich bei Ausbruch des Brandes in dem Gebäude aufhielt, sagte RTL : „Der hat mit einem Feuerzeug ein Stöckchen angezündet und das dann neben dem Kinderwagen in den Flur geworfen.“ Die Mädchen wurden am Dienstag von der Polizei befragt. Ein Ergebnis lag bei Redaktionsschluss nicht vor. Die Staatsanwaltschaft betonte, die Brandursache sei weiter unklar.

Der türkische Botschafter in Deutschland, Mehmet Ali Irtemcelik, und der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, besuchten am Dienstag den Brandort. Zuvor hatte Irtemcelik kritisiert, dass deutsche Politiker schon erklärt hätten, die Brandkatastrophe habe keinen fremdenfeindlichen Hintergrund. Da die Brandursache noch nicht geklärt sei, kämen ihm solche Äußerungen „seltsam“ vor, sagte der Botschafter. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Vorsitzende Kurt Beck hatte am Montag vor der Brandruine gesagt, es gebe nach bisherigen Erkenntnissen keine Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat.

Die Vizechefin der Staatsanwaltschaft Frankenthal, Gisa Thermann, bestätigte dem Tagesspiegel, dass 2006 ein Brandanschlag auf das Haus verübt wurde. Zwei Brandsätze seien damals durch Fenster des türkischen Lokals im Erdgeschoss geschleudert worden. Es sei aber kaum Schaden entstanden. Ein Täter konnte nicht ermittelt werden, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.

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