Zeitung Heute : Brasilianische Flitterwochen

Vom Rabauken zum Präsidenten: Lula da Silva kommt aus den Favelas von Sao Paulo

Anne Grüttner[Buenos Aires]

Eine Wahlkampagne sei ein bisschen wie das verliebte Werben um eine Frau und die Präsidentschaft wie eine Ehe, sagte Brasiliens künftiger Präsident Luiz Inacio „Lula“ da Silva in der Nacht seines triumphalen Wahlsiegs. In dieser Nacht, der Hochzeitsnacht gewissermaßen, sah die Welt einen überaus euphorischen Lula, noch ein bisschen ungläubig, aber strahlend, zupackend, glücklich im Kreise seiner langjährigen Mitstreiter von der Arbeiterpartei. Leger elegant in beiger Hose und blauem Hemd, Hand in Hand mit seiner Ehefrau Marisa, ganz, wie es sich für einen frisch gebackenen Präsidenten der elfgrößten Volkswirtschaft weltweit gehört – so präsentierte sich Lula den begeisterten Wählern auf der Avenida Paulista in Sao Paulo.

Doch schon bei der ersten kurzen Ansprache wirkt Lula plötzlich ernst. „Das Schwerste kommt erst“, sagt er, und man sieht ihm an, dass er sich der enormen Aufgaben, die auf ihn zukommen, bewusst ist. 61 Prozent der170 Millionen Brasilianer haben ihm im entscheidenden zweiten Wahlgang ihre Stimme gegeben. Die Armen in den großen Städten, die kämpferischen Landlosen, Bauern, Industriearbeiter und auch viele Intellektuelle setzen ihre so unterschiedlichen Hoffnungen in den Mann mit dem grauen Vollbart, der an diesem Wahltag auch noch seinen 57. Geburtstag feiert. Lula erzählte in den letzten Wochen des Wahlkampfs immer gerne die Geschichte, dass in seiner Geburtsurkunde zwar der 6.Oktober als Geburtstag eingetragen ist, dass aber seine Mutter ihm glaubhaft versichert habe, er sei erst am 27. Oktober geboren worden. Die beiden Daten stimmen erstaunlicherweise mit den Terminen des ersten und zweiten Wahlgangs überein.

Der künftige Präsident Brasiliens kam als siebtes Kind in der kleinen Nordostprovinz Pernambuco zur Welt. In vergangenen Wahlkampagnen, als Lula noch in Jeans auftrat und wilde Reden hielt, fuhr der Kandidat die Strecke ab, die er einst als kleiner Siebenjähriger mit seiner Mutter und den Geschwistern hinten auf einem Lastwagen zurücklegte. Die Mutter hatte sich aufgemacht, um Lulas Vater in der großen Industriestadt Sao Paulo zu suchen. Doch der Vater hatte bereits eine andere Frau, die Familie musste sich allein durchschlagen. Erst im Alter von zehn Jahren lernte Lula Lesen und Schreiben, doch nach dem fünften Schuljahr musste er die Schule abbrechen und begann eine Schlosserlehre, bevor er mit 18 in eine der riesigen Fabriken im Industriegürtel um Sao Paulo eintrat und sich von dort zu einem Kämpfer für Arbeiterrechte und Demokratie hocharbeitete.

So wie Lula kamen in den 60er Jahren Tausende vom Land in die Favelas von Sao Paulo, die Armenviertel, die noch heute die Stadt umzingeln. Es war die Epoche der Militärregierung. Noch in der Diktatur, vor 22 Jahren, gründete Lula seine „Partido de Trabalhadores“. Wie fast alle in der Spitze der Arbeiterpartei litt er unter den Militärs und kam ins Gefängnis. Sein erstes und bisher einziges politisches Amt erreichte Lula 1986, als er mit dem größten Stimmenanteil von allen zum Abgeordneten gewählt wurde. Seitdem wollte er ins höchste Staatsamt, was ihm den Spottnamen des ewigen Präsidentschaftskandidaten eintrug. Drei Mal schon hatte sich Lula vergeblich zur Wahl gestellt, jetzt hat er es endlich geschafft.

„Ich habe so lange für diesen Tag gekämpft, ich kann es noch kaum glauben“, sagt am Morgen nach der Wahl ein nun sichtlich abgekämpfter Lula, der sein Programm für die nächsten fünf Jahre umreißt: Er will den Hunger bekämpfen, den Mindestlohn erhöhen, ein gerechteres, sozialeres Brasilien schaffen. „Wenn am Ende meiner Amtszeit jeder Brasilianer drei Mal am Tag etwas zu essen bekommt, habe ich die Aufgabe meines Lebens erfüllt“, sagt er.

In den letzten Jahren und Monaten hat er allerdings gelernt, dass zu einer erfolgreichen Politik auch die Finanzmärkte gehören, die Gläubiger zum Beispiel, die keine brasilianischen Anleihen kaufen oder behalten wollen, weil sie fürchten, dass Lulas sozialpolitische Ambitionen das Land in die Pleite oder bestenfalls zurück in die Inflation führen werden. So verspricht Lula auch, dass seine Regierung alle finanziellen Verpflichtungen einhalten und für wirtschaftliche Stabilität sorgen werde.

Solche etwas naiv anmutenden Bemerkungen tragen zwar immer wieder dazu bei, die Wirtschafts- und Finanzwelt zu verschrecken, gleichzeitig macht gerade diese so kreuzbrav vorgetragene Naivität Lula glaubhaft. Man nimmt ihm ab, dass er für das Land das Beste vorhat, dass sein Wille zu mehr Gerechtigkeit ernst gemeint und nicht nur ein wahltaktisches Kalkül ist. Er hat bewiesen, dass er gewillt ist zu lernen und dass er auch zuhören kann.

Lula hat sich gewandelt, ist vom radikalen, ideologischen Rabauken zum Staatsmann geworden, der nach eigenen Worten eine „nette Unterhaltung“ per Telefon mit dem US-Präsidenten George W. Bush führen kann, sich aber dennoch seine Einfachheit bewahrt hat. In den früheren Wahlgängen scheiterte Lula nicht zuletzt an seiner linkischen Art, seinen Grammatik-Fehlern in den Reden, seiner schlechten Kleidung. Die Brasilianer wollten einen Präsidenten, der etwas hermacht. Lula war sich nicht zu fein, sich von Imageberatern in seinem Auftreten beeinflussen zu lassen, er ist intelligent genug, um auch seine Gedankenwelt der Zeit anzupassen. Heute witzeln die Brasilianer noch immer über sein Lispeln, seine teilweise unbeholfenen Formulierungen. Doch ist inzwischen dabei fast immer ein liebevoller Unterton zu hören.

Lulinha – so nennt er sich selbst manchmal wie einen kleinen Jungen in der dritten Person – hat immer noch viel zu lernen. Er wird es kaum schaffen, alle in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Aber er wird alles tun, was in seiner Macht steht. Diesen Eindruck macht er zumindest, in diesen ersten Tagen seiner Flitterwochen, bevor am 1. Januar die eigentliche Ehe, die Präsidentschaft, beginnt.

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