BRASILIANISCHE MODERNE„Das Verlangen nach Form“ : Abstraktion mit Hüftschwung

Jens Hinrichsen

Der Begriff „Neoconcretismo“ klingt viel zu trocken für das, was er benennt. Es geht um eine brasilianische Kunstströmung, die ihren Anfang in den späten Fünfzigern nahm. Der Neoconcretismo und seine bedeutenden Vertreter wie Hélio Oiticica, Lygia Clark, Lygia Pape, Ivan Serpa, Aluísio Carvão, Amilcar de Castro und Franz Weissmann stehen im Zentrum der Ausstellung „Das Verlangen nach Form“. Als Soundtrack zu den großartigen Werken in der Akademie der Künste empfiehlt sich ein Bossa Nova – die urbane Popmusik des modernen Brasilien entstand etwa gleichzeitig.

Aber tanzen kann man eigentlich auch schon zu den swingenden „Metaesquemas“ – flächigen Gouachen auf Karton – von Oiticica oder den grazil-luftigen Skulpturen von Weissmann. Sie geben einen Eindruck von der bahnbrechenden Kraft des Neoconcretismo, der sich mit seiner Lust am Unvollkommenen vom Perfektionswahn des westlichen Minimalismus absetzte. Auf diese Weise wurde eine spezifisch brasilianische Moderne aus der Taufe gehoben, in der sich geometrische Strenge mit Spiel und Expressivität verband. Die Abkehr vom Reinheitsgedanken zeigt sich auch in den antimodernistischen Kurven in der Architektur eines Oscar Niemeyer, der im Verein mit Lucio Costa die Hauptstadt Brasilia (Foto) am Reißbrett entwarf. Neben diesem Abstecher zur brasilianischen Architektur dieser Epoche präsentiert die Schau auch jüngere Vertreter der brasilianischen Kunst, darunter Waltercio Caldas, Iole de Freitas und Carla Guagliardi, die mit ihrer „Raumkunst“ das Erbe des Neoconcretismo aufgenommen und erweitert haben.Jens Hinrichsen

Akademie der Künste Hanseatenweg,

Fr 3.9. bis So 7.11., Di-So 11-20 Uhr, 6 €, erm. 4 €

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