Zeitung Heute : Brasilien – Ghana 3 : 0

WM-Stadion Dortmund, 27. Juni 2006, 65 000 Zuschauer

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Ghana ist die finale Hoffnung der Fußballromantiker bei diesem Turnier. Und der Deutschen liebster Außenseiter, weshalb fast alles, was nicht qua Herkunft für Brasilien ist, zum letzten afrikanischen Vertreter hält. Diese junge Liebe wird bereits nach fünf Minuten auf eine schwere Probe gestellt, als sich die ghanaische Abwehr übertölpeln lässt und Ronaldo locker zum 1:0 einschiebt. Es ist das fünfzehnte WM-Tor des Dickerchens, wodurch er zum alleinigen Rekordhalter aufsteigt, was ihm die brasilianische Gemeinde mit Sprechchören dankt. Ghana bleibt unerschrocken, greift mutig an und sammelt Gelbe Karten wie andere Leute Briefmarken. Letzteres ist nicht nur dem ambitionierten Zweikampfverhalten der Afrikaner geschuldet, sondern auch Lubos Michel, dem Mann an der Pfeife. Nach 37 Minuten hat er bereits vier Ghanaer, zum Teil für Nichtigkeiten, verwarnt, und es ist jetzt schon klar, dass nicht alle elf Spieler des Außenseiters das Ende der Partie auf dem Rasen erleben werden. Irgendwie wird man von Anfang an das Gefühl nicht los, dass Ghana bei diesem Schiedsrichter keine Chance hat. Das spürt auch die deutsch-ghanaische Fanfreundschaft. Als Michel kurz vor der Pause ein Abseitstor von Adriano anerkennt und damit ein Match, das gerade richtig spannend zu werden droht, vorentscheidet, machen die Leute ihrem Unmut lautstark Luft. Oder richten sich die Pfiffe gegen die blasse Selecao, die das Spiel mit halber Kraft über die Bühne schaukeln will? Was ist denn bloß mit Ronaldinho los? Müde schleppt sich der vermeintliche Superstar des Turniers über den Platz. Und warum spielen auf einmal eigentlich alle (oder zumindest Brasilien, Holland, England, Frankreich) wie Deutschland, nur Deutschland nicht mehr? Etwas ist im internationalen Fußball durcheinander geraten. Wie auch immer, das Ding ist gelaufen, und schließlich wird auf den Rängen aus „Steht auf, wenn ihr für Ghana seid“ das sattsam bekannte „… wenn ihr für Deutschland seid“. Die Rückkehr zum Kerngeschäft sozusagen, schließlich wartet mit Argentinien eine Mannschaft im Viertelfinale, die bislang weitaus Ehrfurcht einflößender gespielt hat als die angeblichen Zauberer vom Zuckerhut. Schiedsrichter der Partie wird übrigens Lubos Michel sein. Jens Kirschneck

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