Zeitung Heute : Brauchen wir ein Super-Pisa?

Der Tagesspiegel

Die Erwartungen an die Bildungspolitiker sind zur Zeit groß. Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim internationalen Schultest „Pisa“ wollen viele Eltern und Lehrer Verbesserungen an Schulen und Kindergärten sehen. Aufmerksam verfolgen sie, welche neuen Weichenstellungen auf bessere Bildungsergebnisse in der Zukunft hoffen lassen.

Das betrifft besonders die Kultusminister, die an diesem Donnerstag und Freitag bei ihren turnusmäßigen Plenarberatungen in Berlin das Thema „Pisa“ mehrfach auf dem Programm haben. Natürlich geht es erneut um Konsequenzen aus dem Leistungsbild.

Unter Zugzwang sind die Minister auch, weil die OECD in Paris ihnen eine Gesamtbetrachtung des deutschen Bildungssystems angeboten hat. Daraus wären Hinweise für die Richtung der notwendigen Reformen zu erwarten. Solche bildungspolitischen Länderberichte erstellt die Wirtschaftsorganisation OECD für andere Staaten bereits regelmäßig. So sind die reformfreudigen skandinavischen Länder fast alle drei Jahre wieder mit von der Partie. Nicht so Deutschland. Die Beamten haben das Angebot bereits abgelehnt. Nun müssen die Kultusminister die politische Entscheidung treffen.

Der Blick von außen auf die deutschen Bildungseinrichtungen hat Geschichte. Vor drei Jahrzehnten inspizierten ausländische Experten im Auftrag der OECD schon einmal das deutsche Bildungssystem. „Bildungswesen: mangelhaft“ lautete 1971 das vernichtende Urteil der internationalen Fachleute. Ein Büchlein fasste die deutschen Kommentare zusammen. Titel „Wirtschaftsriese - Bildungszwerg“. Seither scheuen die Kultusminister der Länder den Blick von außen.

Allenfalls Teil-Untersuchungen wollen die Länder jetzt zulassen, etwa zur Lehrerausbildung oder zum Unterricht. Wegen dieses fehlenden Willens zur Reform sehen Beobachter die Kultusministerkonferenz (KMK), die ä lteste deutsche Fachministerkonferenz, heute in ihrer tiefsten Krise seit der Gründung 1948. Konflikte über unterschiedliche bildungspolitische Positionen werden zwischen den SPD- und Unionsministern nicht mehr ausgetragen. „Nichts lä uft mehr, nicht mal konstruktiver Streit“ urteilt resigniert ein Beamter in der Bonner KMK-Zentrale - ein Mann, der es wissen muss.

Nach dem „Pisa“-Desaster im Dezember wurde innerhalb der KMK alles untersagt, was eine Generaldebatte über das deutsche Schulsystem auslösen könnte. „Pisa“ zeigt, dass die nur noch in Deutschland und Österreich übliche frühe Verteilung der Kinder bereits nach der vierten Grundschulklasse auf verschiedene Schularten Spätentwicklern kaum Chancen lässt und dadurch in Deutschland viele Begabungspotenziale ungenutzt bleiben. Doch die Minister vermeiden jede Diskussion über die Durchlässigkeit des Schulsystems oder gar ü ber Gesamtschulen - obwohl alle erfolgreichen „Pisa“-Teilnehmerstaaten integrierte Schulsysteme haben.

Unflexibel reagierten die Kultusminister auf die Forderungen nach Abschaffung des Sitzenbleibens, urteilen die großen Lehrerorganisationen und der Bundeselternrat. Die Klassenwiederholung wird in Deutschland so häufig wie in keinem anderen Land praktiziert. Diese „Ehrenrunden“ bringen zwar kaum Lernfortschritte. Doch die Debatte über Alternativen wurde im Ansatz erstickt.

Bisher blieb die KMK die Antwort schuldig, wie sie sich der „sozialen Frage“ stellen will. Denn „Pisa“ zeigt, dass in keinem Industrieland der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland - ein Befund, der bereits vor 30 Jahren schon die OECD-Forscher beschäftigte. Die Ministerinnen Doris Ahnen (Rheinland- Pfalz/SPD) und Monika Hohlmeier (Bayern/CSU) erreichten nur gegen Widerstand, dass die Ganztagsbetreuung für Lernschwache wie für Hochbegabte in die Planungen aufgenommen wurde. Das Papier enthält auch ein Plädoyer für mehr frühkindliche Bildung und bessere Lehrer-Diagnostik bei Leistungsschwächen. Mehr Konkretes wird vermisst. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt nennt den Katalog „grotesk“. Die von den Länder-Ministerien angekündigten Maßnahmen beurteilt die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange als „Versuch, gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen zu gehen“.

Richtig einig sind die Bildungsminister immer allerdings dann, wenn es darum geht, den Einfluss des Bundes auf die Bildungspolitik abzuwehren. Doch anders als einst wird der Länder-Föderalismus in der Schulpolitik heute von ihnen nicht mehr argumentativ als Chance für Vielfalt dargestellt. Bärbel Schubert (mit dpa)

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