Braunkohle-Abbau : Fördern und fordern

Im Kraftwerk Jänschwalde reißen sie Witze. Über diese Heuchelei im Land, das Braunkohle so gerne brandmarkt und doch wieder mehr benutzt. In Pödelwitz ist den Menschen das Lachen vergangen, ihr Dorf wird vom Tagebau bald verschluckt sein.

Im brandenburgischen Kraftwerk Jänschwalde müssen die Arbeiter nicht um ihre Jobs bangen.
Im brandenburgischen Kraftwerk Jänschwalde müssen die Arbeiter nicht um ihre Jobs bangen.Foto: picture alliance / ZB

Wenn Jens Hausner durch sein Hoftor geht und auf die Dorfstraße tritt, kann er den Hunger eines ganzen Landes hören. Das Magenknurren, das sich unablässig über die Ortschaft legt, mal lauter, mal leiser, je nachdem, woher der Wind weht.

An diesem Januartag kommt er aus Westsüdwest. Hausner geht ein paar Schritte, dreht den Kopf, er lauscht. Um ihn herum dämmert der Abend, und es grollt die Luft, gedämpft, gleichmäßig, wie von einer entfernt vorbeiführenden Autobahn, auf der viel Lastwagenverkehr herrscht. Ein bisschen summt es auch, als sei irgendwo auch noch ein Staubsauger in der Nähe. Es gibt aber keinen Staubsauger und auch keine Autobahn, nur ein riesiges, von hier aus nicht zu sehendes Förderband hinterm Dorfrand, das Braunkohle aus einem Tagebau heraustransportiert, die für ein Kraftwerk bestimmt ist.

In Hausners Ohren ist das ein bedrohliches Geräusch. Doch ohne es würden in Deutschland weniger Lastwagen gebaut werden können und weniger Staubsauger laufen. Es wäre nicht nur hier im sächsischen Dorf Pödelwitz stiller, sondern überall im Land.

So viel Strom aus Braunkohle wie lange nicht

Wie still, davon haben Hausner und die Öffentlichkeit in der zweiten Januarwoche einen aktuellen Eindruck bekommen. Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen – ein Zusammenschluss aus Energiebranchenverbänden und Wirtschaftsforschungsinstituten – gab bekannt, dass im vergangenen Jahr in Deutschland so viel Strom aus Braunkohle gewonnen worden ist wie seit 1990 nicht mehr. 162 Milliarden Kilowattstunden sind es gewesen, was ungefähr einem Viertel allen erzeugten Stroms entspricht.

Die Nachricht war wie ein Weckruf. Sie legte nahe, dass irgendetwas schiefläuft in Deutschland. Hatte es in den zurückliegenden Jahren nicht eine Blitzkarriere der erneuerbaren Energien gegeben? War nicht ein Rekord nach dem nächsten aufgestellt worden, was den Anteil dieser Energien an der Stromerzeugung angeht? Vor allem aber und ganz grundsätzlich: Stand dahinter nicht der erklärte politische Wille, den Kohlendioxidausstoß Deutschlands zu verringern, was auf vielerlei Art erreicht werden kann, aber eben gerade nicht mit einem Boom des Braunkohlestroms?

Hausner hat es so kommen sehen. Er sagt: „Ich kriege ja jeden Tag mit, was los ist.“ Hinterm Dorf soll das Abbaufeld Peres, Teil des Großtagebaus Vereinigtes Schleenhain, in Betrieb genommen werden. 20 bis 45 Millionen Jahre alte Kohle liegt dort, wie an vielen Stellen der Leipziger Tieflandsbucht. Unter Pödelwitz selbst, unter den Straßen, auf denen Hausner seine Abendrunde macht, sollen 17 Millionen Tonnen Braunkohle liegen. Die Umsiedlung der Dorfbewohner hat längst begonnen. Hausner, der in eine seit 300 Jahren hier ansässige Familie eingeheiratet hat, will bleiben.

Der Siegeszug der Braunkohle überrascht sie nicht

Er ist so etwas wie der Sprecher jener 20 Pödelwitzer, die nicht fortziehen wollen. Sie stehen den 110 anderen gegenüber, die sich fürs Weggehen entschieden haben. Dazwischen verläuft ein Riss, so wie jener, der sich landauf, landab zwischen Gegnern und Freunden der Braunkohle auftut, zwischen den Menschen, die unter ihr leiden und denen, die von ihr leben. Sie sprechen alle dieselbe Sprache, sie können ihre Meinungen mit durchdachten Argumenten belegen, aber zu sagen haben sie einander wenig. In Einem aber sind sie sich einig: Der Siegeszug der Braunkohle überrascht sie nicht.

Er beginnt auf Förderbändern wie dem hinter Pödelwitz, auf dem sie nach Millionen Jahren des Herumliegens ihre erste Reise antritt. Große, wie von einem Spaten aus dem Boden gebrochene Brocken befördert es, zehn Millionen Tonnen im Jahr. Sie sind eher schwarz als braun, wirken wie verpresste Klumpen fruchtbarer Blumenerde und sind genauso voll mit Nährstoffen, die aber eben keine Geranienbeete gedeihen und florieren lassen, sondern das fünf Kilometer entfernte Kraftwerk Lippendorf.

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