• Brave Naturkost und infernalisches Weltaroma Kulinarische Spaziergänge: Die Steglitzer Schlossstraße und ihre Umgebung suchen noch nach einem eigenen Profil

Zeitung Heute : Brave Naturkost und infernalisches Weltaroma Kulinarische Spaziergänge: Die Steglitzer Schlossstraße und ihre Umgebung suchen noch nach einem eigenen Profil

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Welcher kulinarischen Konfession gehorcht eigentlich ein Stadtteil? Was Kreuzberg und Neukölln betrifft, wäre die Frage leicht zu beantworten sein: keiner. Charlottenburg, Wilmers und Zehlendorf sowie auch Schöneberg dagegen bewegen sich quasi im Globetrott. In den Modebezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain gibt es bislang noch keine befriedigende Infrastruktur, die der zum Teil beachtlichen Kaufkraft der Bewohner wirklich zu entsprechen suchte. Und von Steglitz ist seit dem Mauerfall selten die Rede, obwohl der Bezirk mit seinem großen Einzugsgebiet zumindest über vorzügliche Einkaufsmöglichkeiten verfügen sollte.

Die Magistrale von Schloss- und Rheinstraße dominiert dort nicht nur den Einkauf den Einkauf, sondern kanalisiert auch den Durchgangsverkehr – durchaus eine missliche Doppelfunktion. Bei „Vinh Loi“, dem vielleicht größten und bestgeordneten Asiamarkt Berlins herrscht indessen eine seltsame, nur gelegentlich von Lieferanten unterbrochene Ruhe. Seine Stellung ist gerade auch an der guten Auswahl  japanischer Lebensmittel abzulesen, unter denen ein mit gepufften und gerösteten Reiskörnern vermischter grüner Tee eine Eigentümlichkeit darstellt.

In den Regalen von „Latinoamerica“ finden sich Teesorten aus Argentinien, Brasilien und Mexiko gleich im Dutzend zu kleinen Preisen. Bemerkenswert ist der Mate Limón von Yerba, dessen herzhafter Zitronenton selbst noch in kalten Tagen den Sommer herbei zu zitieren vermag. Womöglich lohnt es auch, etwa „Green Mole“ in private Crossover-Experimente einzubeziehen. Allerdings ist man bei diesem Schmalz, in dem grüne Tomaten, Kürbis- und Sesamsamen sowie Zwiebeln konserviert werden, auf die eigene Phantasie angewiesen. Denn die Ungewissheit, wozu die grüne Paste zu verwenden sei, beendet die Ladenherrin mit einer lapidaren Entgegnung: „Zum Kochen.“

Obskur geht es im „Forum Steglitz“ zu. Im Erdgeschoss dieser frühen Vorform einer Einkaufsmall stößt der Flaneur zu einem Imbiss-Orbit vor, der wie ein Lexikon des Fast Food aufgeschlagen wurde. Die Ausdünstungen von Döner, Chinapfanne, Currywurst, Frühlingsrollen, Gulasch, Gyros, Rostbratwurst, Seelachsfilet sowie Hähnchenkeulen, Matjes und Wiener vereinigen sich zu einem infernalischen Weltaroma. Kein Wunder, dass hier ein größerer Umbau ansteht.

Das Tiefgeschoß von „Karstadt“ indessen kann man aufsuchen, ohne fürchten zu müssen, von Bekannten bei einem Fehltritt ertappt zu werden. Bemekenswert ist vor allem die Fischtheke: Barbe, Brasse, Dorade, Heilbutt, Knurrhahn, Meeräsche, Saibling, Steinbeißer, Wildlachs, Wels und Zander ruhen auf gestoßenem Eis. Auch die Fleischtheke kann sich mit einer ernsthaften Metzgerei messen und die Preise sind etwas günstiger als im neben an gelegenen Wertheim, das über ein ähnliches Angebot verfügt.

Das Naturkost-Kaufhaus „Galleria“ versuchte von Anfang an, dem Ruch des Sektiererischen aus dem Weg zu gehen und führte sich mit ungewohnt origineller Werbung ein. Mittlerweile ist der Alltag eingekehrt und mit ihm eine nüchterne Präsentation der Lebensmittel im obersten Stock. Leider erschließt sich die Warengliederung nicht unmittelbar. Das kann natürlich damit zu tun haben, dass einem die Ordnung eines konventionellen Supermarkts inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dessen ungeachtet dürfte der Tee-Genuss-Stand bemerkenswert sein. Er wartet unter anderem mit einem breiten Sortiment so genannter rückstandskontrollierter Kräutertees auf, unter denen ein zitroniges Eisenkraut (Verbena) hervorragt, das, wenn es zusammen mit ein bisschen Krauseminze gebrüht wird, noch mehr Substanz erhält.

Die Confiserie Reichert nebenan ist von einer anderen Welt. Muntere junge Damen servieren zuckrige Petit fours und werfen Liegnitzer Bomben unter die versammelten Süßzähne oder hüllen die beliebte Weiße Dame in Pergament, eine Cremetorte mit fluffigem Biskuit und matt glänzender Marzipanhaube. Weil ihr die Trüffeltorte aus Schokolade und Sahne in nichts nachsteht, kann sich ein Aufenthalt im Schatten des Steglitzer Kreisels hinziehen.

Es kann durchaus geschehen, dass der Passant am abendlichen Ende eines Bummels durch die Schlossstrasse erschrocken feststellt, dass er weder Fleisch noch Wurst gekauft hat. Kurz hinter der Abfahrt der Westtangente findet sich zum Glück die Fleischerei Tessmer. Sie gehört zu jenen Betrieben, die sich der Neuland-Bewegung angeschlossen haben und durchweg Waren aus artgerechter Tierhaltung anbieten. Das Haus ist zu Recht stolz auf seine Leberwürste und langen Wiener, deren Fleischteig noch mit längst verloren geglaubter Dichte und knackiger Frische aufwartet. Sobald die Frage sich auf eine besondere Spezialität richtet, um deretwillen Kunden von weither kommen, antwortet die freundliche Bedienung wie aus der Pistole geschossen: „Ich! Ich lieg Ihnen quer vorm Magen!“ Unwissentlich drückt sie mit diesen erratischen Worten noch etwas ganz anderes aus: Kulinarisch gesehen dürfte mit der Schlossstrasse kaum Staat zu machen sein.

 Fleischerei Tessmer, Albrechtstr. 13, Tel. 7912823

 Konditorei Reichert, Schloßstr. 95, Tel. 7908320

 Latinoamerica, Bundesallee 117, Tel. 85402701

 Vinh-Loi“, Rheinstr. 45, Tel. 8593678

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