Zeitung Heute : Bravo.de: Dr. Sommer bittet zur Online-Sprechstunde

Kurt Sagatz

Die zehn bunten Ostereier auf dem Schreibtisch von Jürgen Bruckmeier sind an sich nichts Besonderes. Außer vielleicht, dass dieses Osterfest für den Redaktionsleiter von Bravo.de eine etwas andere Bedeutung hat. Schließlich wird nun - nach anderthalbjähriger Vorbereitungszeit und einem mehrmals verschobenen Starttermin - das Online-Angebot der "Bravo"-Familie am Mittwoch nach Ostern endlich freigeschaltet. Bis zu diesem 18. April gehört die zum Bauer-Verlage gehörende Jugendzeitschrift mit ihren Ablegern allerdings zu den ganz wenigen publizistischen Angeboten, die den Gang ins World Wide Web nicht vollzogen hat, weil die Zielgruppe bislang noch nicht in dem Maße online war und nicht über die nötige technische Ausstattung verfügte. Zumindest lautete so die Begründung, die Werner von Moltke als Verlagsleiter Bravo-Spezial nicht müde wurde zu wiederholen.

Für Redaktionsleiter Bruckmeier dürfte nun jedoch vieles einfacher werden. Dass er beispielsweise seine Präsentationen - in den letzten Wochen und Monaten waren es weit über 30 - dann nicht mehr mit Powerpoint-Slides und Dummy-Seiten halten muss, sondern am lebendigen Objekt der Internet-Seiten darstellen kann. Vor allem aber, weil er und seine 22-köpfige Redaktionsmannschaft nun all das zeigen können, was so lange und ausführlich vorbereitet wurde. Egal, ob dafür nun tatsächlich - wie kolportiert - 35 Millionen Mark investiert wurden oder der "zweistellige Millionenbetrag" (Moltke) etwas niedriger ausfällt.

Die große Überraschung dürfte bei den Besuchern von Bravo.de allerdings ausbleiben. Das Online-Angebot hält genau das, was der Name "Bravo", geprägt durch die Druckerzeugnisse und die Fernsehsendung, verspricht. Dieses Versprechen wird allerdings umfassend und mit allen derzeit technisch realisierbaren Funktionen eingelöst. Zum Beispiel in der Rubrik "OnScreen", in der es um Film und Fernsehen geht. Wann immer es zu einem Kino-Film für Jugendliche einen Trailer gibt, wird man ihn sich bei Bravo.de ansehen können. Und welche Soap auch immer in der Gunst der Zielgruppe oben steht, erfahren die Nutzer auf Bravo.de im Soap-Guide, wer wann mit wem was angestellt hat.

Gleiches gilt für den blau geränderten Musik-Channel: Von der Tour-Datenbank, den User-Kritiken, der Newcomer-Vorstellung bis zum 30-Sekunden-Video der Chartbreaker. Alles wird mediengerecht aufbereitet, was von den Heften vorgegeben wird. Darüber hinaus dreht sich freilich das meiste um die Stars. Ob im Star-Chat oder per Star-Card, der virtuellen Autogrammkarte, die neben dem obligatorischen Steckbrief per Flash-Animation verrät, was Britney Spears über ihre Filmambitionen denkt und ob Eminem lieber bei McDonalds oder Burger King speisen geht. Was zählt, sind die Namen der Promis und deren Bilder.

Mindestens genauso wichtig, wenn nicht für den Online-Auftritt noch entscheidender, ist jedoch der Community-Aspekt. Immerhin 200 000 registrierte Nutzer sollen Ende des Jahres zu aktiven Mitgliedern der Bravo.de-Familie werden, wünscht sich Bruckmeier. Und Verlagsleiter von Moltke weiß ebenfalls, dass bei der Akquisition von Werbekunden die Verweildauer im Online-Angebot das bisherige Kriterium der Seitenabrufe langsam aber sicher ablöst. Diesem Wandel wird Rechnung getragen. Zu jedem Beitrag, jedem Videoclip und jeder Single der Woche können die Community-Mitglieder ihre Meinung abgeben. Oder nachsehen, was andere "Bravo"-Fans von No Angels oder Wheatus halten. Ein einfacher Klick auf den Online-Nickname reicht aus, sich die Profile der anderen User anzusehen. Um beispielsweise zu erfahren, ob neben der Musik auch andere Gemeinsamkeiten bei Hobbys, Filmen oder Sport bestehen. Oder um ein paar Gleichgesinnte zu finden, die sich an einem Britney-Forum, hier Board genannt, beteiligen und die Lust haben, später gemeinsam eines der derzeit zehn Online-Spiele zu versuchen. Wer sich so näher gekommen ist, wird auch weniger Hemmungen haben, im People-Segment die Chat-, Flirt- und Dating-Funktionen von Bravo.de auszuprobieren.

Was jedoch wäre "Bravo" ohne Dr. Sommer? Vier Redakteure sollen sicherstellen, dass die ewig aktuellen Fragen nach Liebe, Sexualität und Familie online nun etwas schneller beantwortet werden. Und ist die Redaktion nicht besetzt, hilft ein ausgefeiltes technisches System, aus dem Fundus der bisherigen Antworten des Dr. Sommer-Teams die richtige zu finden. Wer will, kann sich im "One-Way-Modul" des "Help"-Bereichs auch einfach nur seine Sorgen von der Seele tippen. Die hier eingetragenen Statements haben nur den einen Sinn, später verbrannt, im Ozean versenkt oder in eine explodierende Box gesteckt zu werden.

Wie weit die "Bravo"-Nutzer das annehmen werden, will Bruckmeier abwarten. Sicher ist er jedoch, dass das "Body"-Modul Furore machen wird. Aufklärung hautnah heißt hier das Thema, das wie kein anderes die "Bravo"-Leser seit 44 Jahren beschäftigt und nun seine Multimedia-Fortsetzung im Internt mit zoombaren und drehbaren Ganzkörperansichten erfährt. Je Geschlecht können so ein präpubertärer, ein pubertärer und ein postpubertärer Körper mit der Maus erforscht werden, um sich beispielsweise die Funktion von Samenleiter und Eierstock demonstrieren zu lassen. Und da mindestens jeder zweite Brief an Dr. Sommer bislang mit der Frage endete: "Ist das denn normal?" werden online gleich ganze Körpergalerien präsentiert, um zu zeigen, dass individuelles Aussehen völlig normal ist.

Normal ist freilich auch, dass alle Verlage versuchen, über die Online-Angebote neue Leser zu gewinnen. Hinsichtlich der Internet-Seiten könnte das funktionieren, denn bereits aus den Erfahrungen mit "Bravo-TV" weiß man, dass die Sendung auch von älteren Jugendlichen gesehen wird, die nicht mehr zur 12- bis 16-jährigen Kernzielgruppe des Heftes gehören. Ob sich jedoch mehr Ältere trauen, die "Bravo" öffentlich am Kiosk einzufordern, steht auf einem anderen Blatt.

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