Zeitung Heute : Breakdance und Barrikaden

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Von Werner Schmidt

und Moritz Schuller

Es passiert, was passieren musste: Die Stimmung kippt, und es herrscht nur noch Chaos. Es sind noch keine Autonomen am Oranienplatz zu sehen, da liefern sich türkische und arabische Jugendliche Straßenschlachten. Jungs mit Baseballmützen, nicht Vermummte, rollen Mülltonnen auf die Straßen, bauen Barrikaden. Sie entzünden Feuer, und wenn die Flammen meterhoch züngeln, tanzen sie Breakdance davor. Szenen wie man sie vom 1. Mai bisher nicht kannte.

Wasserwerfer rücken über die Adalbertstraße vor, während die Kreuzberger von ihren Fenstern aus zusehen, aus einigen Wohnungen dröhnt Rockmusik. Am Mariannenplatz, auch in der Waldemarstraße, brennen Autos und Mülltonnen. Dabei war die „Revolutionäre 1. Mai-Demonstration“ garnicht bis nach Kreuzberg vorgedrungen. Um kurz vor neun Uhr hatte die Polizei den Zug am Michael-Kirch-Platz in Mitte gestoppt und die Demonstration aufgelöst. Steine fliegen, es gibt Verletzte.

Am frühen Abend dringen Jugendliche in einen PLUS-Supermarkt an der Oranienstraße ein, sie durchschlagen die Spanplatten, die dort befestigt sind und holen sich Wein, Bier und Zigaretten heraus.

Schon am Abend zuvor war das Geschäft geplündert worden: Das Punkkonzert auf dem Oranienplatz war gerade vorbei, „Raus aus der Scheiße, rein in den Rock“ war von den Veranstaltern für beendet erklärt, als die Alarmsirenen des PLUS-Supermarktes an der Oranienstraße zum ersten Mal aufheulen. Etwa 7000 Menschen hatten bis dahin friedlich den Goldenen Zitronen, Fettes Brot und den Musikern von Department zugehört. Doch plötzlich schieben rund ein Dutzend Vermummte die metallenen Rolläden des Supermarkts hoch und beginnen, ihn zu plündern. Nahestehende schauen interessiert zu, aber mischen sich nicht ein, während einzelne Punks durch die eingeschlagene Tür klettern und mit Bierbüchsen wieder verschwinden. Von der Polizei ist nichts zu sehen. Als schließlich Beamte des Bundesgrenzschutzes anrücken, werden sie mit Steinen und Flaschen beworfen. Sie ziehen sich zurück, etwa hundert von ihnen verschanzen sich im Supermarkt, wo sie weiter angegriffen werden. Erst als Verstärkung von der Polizei eintrifft, gelingt es ihnen, die Kontrolle über die Situation zu gewinnen.

21 Polizisten werden bei diesem brutalen Angriff verletzt, die Statistik des Vorabends: 83 verletzte Polizisten, eine 20-Jährige mit schwerer Kopfverletzung, ein Mann mit Stichwunde, Sachbeschädigung. Doch die Polizei bleibt bei Deeskalation: „Letzte Nacht war kein hoffnungsfroher Auftakt.“ Gernot Piestert von der Berliner Schutzpolizei formuliert am Mittwochvormittag vorsichtig, schließlich weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was alles folgen sollte. Man wolle „unverdrossen“ an dem zurückhaltenden Einsatzkonzept festhalten, sagt er. „Wenn es los geht, werden wie schnell sein und konsequent.“

Schnell und konsequent

Sogar Peter Grottian vom „Personenbündnis für einen politischen und polizeifreien 1. Mai“ hatte das Verhalten der Polizei gelobt. Der bekannte Politologe von der Freien Universität Berlin, der Alt-Linke und 68er, der sich vor dem diesjährigen 1. Mai für ein polizeifreies Kreuzberg eingesetzt hatte, bewertete das Verhalten der Polizei als zurückhaltend. „Die Situation ist ziemlich eindeutig“, sagt er. Auch die Kreuzberger Anwohner zeigten sich von dem „disziplinierten Verhalten der Polizei“ am Dinestag abend überrascht. In den vergangenen Jahren sei es oft erst wegen der Besetzung des Oranienplatzes durch die Polizei zu Krawallen gekommen. Ein Anwohner bemerkte, dass „ein anderes Auftreten der Polizei also doch möglich ist, wenn man es politisch will“.

Konsequent war die Polizei, als die Krawalle in Kreuzberg begannen, in dieser Nacht musste sie aber auch schnell sein: Kurz nach Mitternacht, der 1. Mai hatte also bereits begonnen, fliegen am Mauerpark in Prenzlauer Berg Flaschen und Steine. Auch dort, so war der erste Eindruck, würden die bis zu 10 000 Menschen friedlich die Walpurgisnacht feiern. Es riecht nach Haschisch und Bier, rund um das genehmigte Lagerfeuer vertreiben jonglierende Gaukler mit Fackeln die Zeit. Doch gegen 1 Uhr wird mitten auf der Eberswalder Straße ein Feuer angezündet. Durch abgerissene Plakate, Paletten und anderes brennbares Material schlagen die Flammen in die Höhe

Die Feuerwehr, die das Feuer löschen soll, wird von den Menschenmassen eingeschlossen. Linke, Autonome, normale Passanten blockieren den Weg. Die Löschmannschaft kommt nicht vor und nicht zurück und verbarrikadiert sich in ihrem Wagen. Während sie auf die um Hilfe gerufene Polizei warten, wird das Fahrzeug der Feuerwehr über und über mit Grafittis beschmiert. „Ein bisher einmaliger Vorgang“, kommentiert am Mittwoch Feuerwehrchef Albrecht Broemme den Vorfall.

Die Randale in Prenzlauer Berg schien gut vorbeitet. Lange bevor die Polizei – eingesetzt waren Beamte aus Mecklenburg-Vorpommern – an der Kreuzung Eberswalder-Oderberger Straße eintrifft, organisieren kaum mehr als eine Handvoll Autonome den Angriff. Unverdächtig, eine halbvolle Bierflasche in der Hand, verabreden sie sich, wer wann zu werfen hat. Als die Stimmung genug angeheizt ist, ziehen sie sich zurück und überlassen das Feld den aufgeputschten Jugendlichen.

Vom Mauerpark aus, der in absoluter Dunkelheit liegt, werden immer wieder Flaschen und Steine geworfen und Signalraketen abgeschossen. Anwohnern und Passanten fliegen die Splitter ebenso um die Ohren wie den Polizisten oder den eigenen Unterstützern. Die erste Gruppe Polizisten, die nur geschützt durch Helm und Kleidung zum Feuer vorrückt, wird von einem derart massiven Steinhagel empfangen, dass die einzige Rettung in der Flucht liegt. Dicht gedrängt an die Häuserwände der Eberswalder Straße, zieht sie sich in den Schutz der gepanzerten Wasserwerfer zurück.

Bis früh gegen 4 Uhr 30 dauern die Scharmützel, immer wieder fliegen Steine. Im Gegenzug stürmt hin und wieder ein Greiftrupp der Polizei in den Park und nimmt dort zumeist jugendliche Steinewerfer fest. Aus dem Hinterhalt aber schießen die Angreifer auch mit Zwillen auf die Polizisten. Eine 20-jährige Frau wird von einer Flasche am Kopf getroffen. Dass sie lebensgefährlich verletzt sei und von einem Notarzt reanimiert werden musste, wie es zuerst heißt, stimmt nicht. Eine Falschmeldung der Polizei.

Peter Grottian steht auf einer Brücke auf der Falkenberger Chaussee in Hohenschönhausen. Es ist Mittwoch. Um ihn herum nur Polizisten in Kampfanzug, einige mit schwarzen Baseballmützen und gelbem „Polizei“-Schriftzug. Sie sind vom Deeskalationsteam. Die Brücke ist gesperrt, auf der einen Seite sammelt sich die NDP zu ihrem Aufmarsch, auf der anderen Seite sind die aufmarschiert, die sich „Antifaschisten“ nennen.

Man wolle auch nach den Ausschreitungen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg am zurückhaltenden Einsatzkonzept festhalten, hatte Gernot Piestert gesagt. Grottian und die Polizei stehen vereint zwischen den Fronten von NPD und linken Demonstranten, am Morgen nach einem wenig hoffnungsfrohen Auftakt zum 1. Mai. Vielleicht ahnten die Deeskalierer da ja bereits, dass der Abend zu noch weniger Hoffnung Anlass geben würde.

Mitarbeit: Ch. Villinger, F. Jansen

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