Zeitung Heute : Brechts

Österreichische Speisekartenlyrik

Elisabeth Binder

Brechts, Schiffbauerdamm 6–7, Mitte, Tel. 285 985 85, geöffnet täglich von 11.30 an. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Schwarzer Anzug, lachsfarbene Krawatte und eine Extraportion Schnöseligkeit in der Ausstrahlung: So präsentierte sich uns die führende Servicekraft des Restaurants Brechts am Schiffbauerdamm. Dass wir reserviert hatten, interessierte ihn nicht die Bohne, dass man als Gast eines gehobenen Bistros mit einigem Recht Hilfe bei der Garderobe erwarten darf, auch nicht. Glücklicherweise gab es reichlich Auswahl an Plätzen. Dafür, dass nur drei Tische besetzt waren, dauerte es dann ganz schön lange, bis sich der Herr mit einer Karte an den Tisch bequemte, und noch länger, bis der Aperitif auf dem Tisch stand: zwei Gläser Sekt – serviert mit dem leisen Vorwurf, dass dafür extra eine Flasche entkorkt werden musste (0,1 =4,50 Euro).

Die kurze Karte enthielt den Hinweis, dass das Restaurant heute eine Betriebsfeier ausrichte, was uns wunderte. Denn eine solche Information hätte man doch bei der telefonischen Reservierung weitergeben müssen. Dafür pflegen sie hier österreichische Speisekartenlyrik. „Paradeiser-Carpaccio“, das klingt verheißungsvoll, obwohl man ja schon ahnt, was für eine schlichte Hausmannskost sich dahinter verbirgt. Es ist ein ganz unkomplizierter Tomatensalat in Gestalt großzügig über den Teller gefächerter Tomatenscheiben, die mit roten Zwiebelschnipseln bestreut sind. Dazu gibt’s eine tennisballgroße Teigkugel, die innen mit leicht angeschmolzenem Tiroler Ziegenkäse gefüllt ist. So mit Worten schön verbrämt, kostet die Angelegenheit stolze 9,50 Euro. Die Rinderbouillon teilte mit uns das Schicksal, viel zu lange auf die lachsfarbene Krawatte gewartet zu haben, und präsentierte sich entsprechend kühl. Die Speckknödel ließen immerhin ein bisschen Tiroler Lebensart erahnen (6,50 Euro).

Auch das Wiener Schnitzel, vom Biokalb immerhin, war nicht wirklich heiß auf Kundschaft, doch knusprig und zart und ganz bestimmt nicht, wie anderswo oft, zu groß. Dazu gab es Wildpreiselbeeren, eine krosse kleine Röstiskulptur und Erdäpfelsalat (17,50 Euro). Zwei grätenreiche, sanft fröstelnde, aber dafür noch recht zarte Zanderfilets auf gutem Sauerkraut mit cremigem Kartoffelpüree hatten offenbar vergeblich auf eine liebevollere Inszenierung und ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis gehofft (17,50 Euro).

Da unsere Nachbarn schon den gemischten Dessertteller bekommen hatten, nahmen wir auch einen, obwohl der auf der verkleinerten Karte gar nicht vorkam. Es gab ein etwas trockenes Stückchen Sachertorte, einen kleinen Topfen-Marillen-Knödel, etwas von Holunderblüten, etwas Palatschinken, ein bisschen Apfelstrudel (12 Euro).

Am besten war noch der Wein, ein Chardonnay vom Neusiedlersee, es hatte aber auch wirklich Zeit genug gekostet, den auszugraben (24 Euro). Insgesamt sieht die Weinkarte aber viel versprechend aus. So, als könne man damit in Kombination etwa mit den Edelkäsesorten an besseren Tagen nach dem Theater auch angenehm satt werden.

Nachdem das Fressen an jenem Abend wirklich nicht sehr lustig war, muss die Moral jetzt leider in Gestalt des großen Hammers auf den Tisch kommen.

Erstens fanden wir es gar nicht nett, ausgerechnet den offenbar schnöseligsten aus dem Team zum Kellnern im Restaurant zu verdonnern. Gerade solche Kollegen brauchen Motivation und Gemeinschaftserlebnisse. Zweitens hätten wir von einem Test an ausgerechnet jenem Abend nach guter Restaurantkritikersitte vermutlich Abstand genommen, wenn man uns bei der Reservierung auf Abstriche eingestellt hätte. Drittens wäre es sicher richtiger, an einem Abend mal ganz zu schließen, statt einige wenige Gäste halbherzig zu bedienen. Schließlich würden wir das zur Not immer noch verstehen, wenn man eine eingeschränkte Leistung wenigstens zu einem reduzierten Preis verkauft. Wenn man in einer Boutique einen Blazer kauft, an dem ein Knopf fehlt, gibt es schließlich auch Rabatt. Wir wollen gern glauben, dass der Koch mehr kann, als an diesem Abend sichtbar wurde. Was uns eigentlich mehr noch als die Temperaturdefizite gestört hat, war die Leichtfertigkeit im Umgang mit den Gästen.

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