Zeitung Heute : "Bremer Höhe": Engagement aus Trägheit

Bernd Hettlage

Alles fing mit einem offenen Brief an, den Tobias Dutschke Ende Oktober 1999 an die WIP, das Bezirksamt und die Betroffenenvertreung Prenzlauer Berg schickte. Das Schreiben hängte er auch in jeden der 49 Aufgänge der "Bremer Höhe". So wird der Block zwischen Schönhauser- und Pappelallee, Greifenhagener-, Gneist- und Buchholzerstraße in Prenzlauer Berg genannt. Ein Ensemble aus 520 Wohnungen, erbaut in den Jahren zwischen 1880 und 1912, das komplett unter Denkmalschutz steht. Inhalt des Briefes: Dutschke hatte erfahren, dass die WIP die Wohnungen hinter dem Rücken der Mieter an den Bau-Verein Hamburg verkaufen wollte. Der Rest ist Geschichte: Eine öffentliche Versammlung folgte, eine Genossenschaftsgründung in Windeseile, dem trotzdem erfolgten Verkauf an den Investor folgte der Rückkauf durch die Genossen, finanziert mit Hilfe des Senats, und seit 1. Mai 2000 ist der gesamte Block im Besitz der Genossenschaft "Bremer Höhe".

Tobias Dutschke findet es abstrus: Eigentlich habe er das ganze Unternehmen nur begonnen, weil er träge sei, behauptet er grinsend. Er habe einfach nicht aus seiner Wohnung in der Greifenhagenerstraße ausziehen wollen, in der er seit 1992 wohnt. Mit der Folge, dass er heute im Vorstand der Genossenschaft sitzt und zehn bis zwölf Stunden am Tag ehrenamtlich für sie tätig ist.

Statt mit seiner Marimba beschäftigt sich der Musiker seit Mai mit Wohnungswirtschaft. Von der hatte er vorher keine Ahnung. Das Hauptproblem sei gewesen, erklärt der 33jährige, dass die Genossenschaft nach dem Kauf sofort gezwungen war, Wohnungen zu vermieten. 120 von ihnen standen leer, denn die WIP hatte in den letzten zwei Jahren nicht mehr neu vermietet, um die Wohnungen für den Investor frei zu halten (Vorstand Roswitha Fechner). Die Genossenschaft brauchte dringend Einnahmen. Den Kaufpreis finanzierte sie zwar durch ein IBB-Darlehen, aber die Zinsen musste sie sofort bedienen.

Als erstes mussten die Genossen ihre Wohnungen katalogisieren und ausmessen. Dutschke ging mit Riesenbündeln von Schlüsseln von Haus zu Haus, um herauszufinden, welcher Schlüssel zu welcher Wohnung passte. Die Reparaturen gehören ebenfalls zu seinem Aufgabengebiet. Die Genossenschaft hat einen Handwerker eingestellt, der selbst in einem der Häuser wohnt und Mitglied ist. 20 000 Mark beträgt der Etat für Reparaturen im Monat, mehr könne sich die "Bremer Höhe" nicht leisten. Die WIP sei mit dieser Summe nicht ausgekommen. Seit aber der Handwerker für sie arbeite, sparten sie 60-70 Prozent der Kosten ein. Das Schlimmste sei, sagt der Musiker, die Genossenschaft überhaupt einmal aus dem Kopf zu bekommen.

Ulf Heitmann gelingt das wenigstens nach Feierabend. Der Jurist ist auch im Vorstand und außerdem bezahlter Geschäftsführer der Genossenschaft. Vorher arbeitete er für IBIS, einen Sanierungsträger für Selbsthilfeprojekte. Die "Bremer Höhe" habe inzwischen 175 Mitglieder, erklärt der 39jährige. 130 wohnten schon in den Häusern, der Rest stehe auf der Warteliste. In den Wohnungen finde man die "ganz normale Berliner Mietermischung". Heitmann lächelt ergeben: Zum Teil sei es den Mietern einfach "Wurscht", wer ihr Hausbesitzer ist. Es gehe der Genossenschaft aber nicht um die reine Wohnungsversorgung. Viele der Mieter wohnen hier schon seit 30 Jahren oder mehr. Die seien verängstigt angesichts der Veränderungen und der vielen neuen, vor allem jungen Leute, die jetzt in ihre Nachbarschaft ziehen. Die Genossenschaft bemühe sich um Kommunikation und Beratung, sie wolle die Menschen beruhigen.

Die Sanierung soll in drei Abschnitten jeweils zwischen März und November der nächsten drei Jahre geschehen. Nur vier bis sechs Wochen sind pro Wohnung veranschlagt, aber in dieser Zeit müssen die Mieter eben umgesetzt werden. Die Genossenschaft bietet einen kostenlosen Umzugsservice an und will auch Gemeinschaftsräume schaffen, in denen die Mieter während der Sanierungszeit ihre alten Nachbarn sehen können. Diese Treffpunkte sollen auch nach dem Ende der Arbeiten bestehen bleiben.

Die größte Nachfrage, sagt Heitmann, käme von Familien aus dem Viertel. Deshalb sollen auch Wohnungen vergrößert werden, so dass es nach der Sanierung nur noch etwa 460 bis 480 sind. Vor allem Ein-Raum-Wohnungen mit Außen-WC und einer Ausrichtung nur nach Norden sollen verschwinden. Neue Mieter müssen Genossenschaftsmitglieder werden, die alten bekommen aber die gleichen Sanierungsbedingungen wie die Mitglieder geboten. Allenfalls bei Wohnungs- und speziellen Sanierungswünschen hätten die Genossenschaftsmitglieder Vorrang vor Nichtmitgliedern.

10 000 Mark kostet ein Anteil der Genossenschaft, davon gibt es aber 8000 Mark als Eigenheimzulage vom Bundgeschenkt, betont Heitmann. Das Geld muss nicht zurückgezahlt werden. Dennoch hielt diese Summe sicher manchen vom Eintritt ab. Die Bremer Höheist außerdem eine "eigentumsorientierte" Genossenschaft. Dies war wegen des Altschuldenhilfegesetzes nötig, dem der gesamte Wohnungsbestand der WIP unterliegt. 15 Prozent der Wohnungen muss die WIP deshalb in Eigentum umwandeln. Für die Genossenschaft heißt das, dass alle Mitglieder, die schon vor dem 1. Mai in ihren Wohnungen waren, diese zum Kostenpreis von etwa 2500 Mark pro Quadratmeter erwerben können. Neue Mitglieder können das nur, wenn mehr als die Hälfte der Genossen eines Hauses ihre Wohnungen kaufen will. Die müssen aber dann den Marktpreis bezahlen, den Heitmann auf 3000 bis 3500 Mark schätzt.

Roswitha Fechner will ihre Wohnung nicht kaufen. Die resolute ehemalige Direktorin der deutschen Außenhandelsbank, die als dritte den Vorstand komplettiert, findet die Genossenschaftsform gut. Zu DDR-Zeiten seien die Wohnungen schließlich auch Volkseigentum gewesen. Fechner übernahm die Verhandlungen mit den Banken und die Ausarbeitung der Verträge. Jetzt freut sie sich auf den Zuzug vieler junger Familien, "weil von denen ja viele nach der Wende weggegangen sind". Älteren Leuten, auch aus ihrem Bekanntenkreis, rät sie ab, jetzt schon einzuziehen. Die sollten bis nach der Sanierung warten. Die 59jährige, seit 30 Jahren in der Bremer Höhe, will nicht nur für mich selbst sorgen, sondern auch etwas für die Gesellschaft tun: "Wenn ich morgens aufstehe, haben schon so viele Menschen für mich gearbeitet, ..."

Unser General, nennt Dutschke sie mit lächelndem Respekt. "Der Musiker", sagt Frau Fechner, und es klingt nachsichtig, "der hat das alles angefangen." "Hut ab vor Frau Fechner", meint das Ehepaar Binovec. "Die Leute von der Genossenschaft, die legen sich ja mächtig ins Zeug, da kann man froh sein." Der Investor aus Hamburg hätte doch alle Mieter rausgejagt. Außerdem blieben so die Mietsteigerungen überschaubar. Die Binovecs werden nach der Sanierung etwa 750 Mark warm bezahlen müssen. 5,50 bis acht Mark (mit Gasetagenheizung) pro Quadratmeter kosten die Wohnungen im Moment, nach der Sanierung werden es zwischen 7,34 und 8,90 (für eine 1-Zimmer-Wohnung) sein. Dafür sollen die Betriebskosten von jetzt drei auf zwei Mark pro Quadratmeter sinken, unter anderem durch eine besser durchdachte Müllentsorgung.

Seit 26 Jahren wohnen Binovecs in der Gneiststraße, sie ist 65 Jahre alt und in Rente, ihr Mann fünf Jahre jünger. Durch seine Arbeit als Dachdecker bei der Produktionsgenossenschaft Lichtenberg kam er auch zu DDR-Zeiten an Baumaterial und konnte in die 3-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss mit knapp 65 Quadratmetern ein Bad einbauen - alles selbst gemacht. Im nächsten Frühjahr sind sie mit der Sanierung dran, dann würden sie gerne nach gegenüber ziehen, da ihre Wohnung an der Nordseite liegt. Nur nach hinten raus haben sie Sonne. Jetzt will sie die mal von vorne sehen, sagt Frau Binovec.

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