Zeitung Heute : BRESLAU

Dieser Mann trinkt, er hurt, er schlägt sich und er ist sich nicht zu schade dafür, selbst als strafende Macht aufzutreten, wenn er das für angemessen hält. Dieser Mann ist ein Polizist – offensichtlich – und er ist ein Gerechter, ein Romantiker des Rechts könnte man sagen. Und vor allem: Er ist eine perfekte Krimifigur. Sein Name: Eberhard Mock.

Erschaffen hat diese Figur der 1966 geborene polnische Autor und – man höre – promovierte Altphilologe Marek Krajewski, der mit ihr die junge Krimiszene seines Landes aufmischt. Mit Krajewskis seit 1999 erscheinenden Kriminalromanen hat der polnische Krimi seinen Entwicklungsrückstand mit einem Schlag wettgemacht. Der Erfolg ist da und die Qualität auch. Krajewskis Krimis sind ungemein intelligent gemachte und betörende kleine erzählerische Kunststücke, in denen sich Schauerromantik und Kriminalspannung, der Ruf nach Gerechtigkeit und die anarchische Gewaltsucht miteinander verbinden.

So etwa auch in „Festung Breslau“, dem jüngst erschienenen vierten Band der Reihe. Da fahndet der gealterte Mock in den unterirdischen Gängen und Tunneln der von der Sowjetarmee im März 1945 belagerten Stadt nach dem brutalen Vergewaltiger und Mörder einer jungen Adeligen. Dabei geht es nicht nur um einen vertrackten und beängstigenden Fall – dessen Lösung angenehm überrascht. Gewaltfantasien, der Untergang des Nazi-Reichs und eine beinahe urweltliche Szenerie verbinden sich zu einem Ensemble, in dem auch der Leser nicht immer weiß, wie ihm zumute sein soll, zum Weinen, zum Lachen oder zum Gruseln. Dazu gehört auch, dass der polnische Autor seinen Helden nicht im heutigen Wroclaw auf Verbrechersuche schickt, sondern im deutschen Breslau der Jahre zwischen 1918 und 1945. Ein deutscher Polizist als Held eines polnischen Krimis? Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat sich eine Menge getan. Polnische Leser interessieren sich verstärkt für die (deutsche) Vorgeschichte von Teilen ihres Landes. Krajewskis Breslau-Krimis punkten deshalb nicht zuletzt mit einer ungeheuer detaillierten Ortskenntnis, ihrer historischen Genauigkeit und dem besonderen Flair der Zwischenkriegsjahre. Eine Geisterstadt ist Breslau ja auch deshalb, weil es die Stadt eigentlich seit 1945 nicht mehr gibt und sie trotzdem untrennbar zum heutigen Wroclaw gehört.

WALTER DELABAR

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar