Zeitung Heute : Brett vorm Fuß

Hartmut Scherzer

Das alpine Snowboarding kennt zwar keine Stars, interessante Typen aber sehr wohl. Der eine heißt Alexander Maier und ist der Bruder des verhinderten österreichischen Skiheroen Hermann Maier. Der andere heißt Chris Klug und erinnert in gewisser Weise an Lance Armstrong. Wie der dreimalige Tour-de-France-Sieger kämpfte auch der Snowboarder aus Colorado gegen den Tod, bevor er triumphal in den Sport zurückkehrte. Die Bronzemedaille im Parallel-Riesenslalom gewann Klug mit einer transplantierten Leber.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Allein die Tatsache, dass Chris Klug überhaupt an Olympischen Spielen teilnimmt, hatte ihn schon zu einem amerikanischen Helden gemacht. Bei der Eröffnungsfeier zählte Chris Klug zu den acht Auserwählten, die die Flagge vom World Trade Center ins Olympiastadion trugen. Jedesmal, wenn der 29-Jährige den Hang in Park City hinunterkurvte, hallte das "USA, USA" aus 20 000 amerikanischen Kehlen durchs Skistadion. Das Finale des K.o.-Systems schaffte der Publikumsliebling aber trotz dieser Unterstützung nicht. Klug war in beiden Läufen des Halbfinales gegen den späteren Sieger Philipp Schoch aus der Schweiz unter einem entsetzten Schrei der Zuschauer gestürzt. Im Rennen um Bronze aber rutschte der Franzose Nicolas Huet beim zweiten Durchgang aus der Spur, und Chris Klug konnte unter dem Jubel seiner Landsleute in Siegerpose durchs Ziel gleiten. Im Zielauslauf warf er sich vor Freude über die Barriere in die Arme seiner Familie und seiner Freundin.

Acht Jahre lang hatte Klug mit einer seltenen Krankheit gelebt, die allmählich seine Leber zerstörte. Jahrelang stand er auf der Warteliste für ein neues Organ. Trotz der Krankheit hatte Klug an den Spielen in Nagano teilgenommen. "So lange du für die Olympischen Spiele trainierst, sagte ich mir, geht das Leben weiter, auch wenn du kein Gold gewinnst." Doch plötzlich fing er an zu grübeln: "Was, wenn es nicht weitergeht?" Im Mai 2000 wurde es dramatisch. Nur noch eine sofortige Transplantation könne sein Leben retten, meinten die Ärzte. Am 28. Juli 2000 erhielt Klug endlich in einer sechsstündigen Operation eine neue Leber - von einem 13-jährigen Jungen, der bei einer Schießerei getötet worden war. Sieben Wochen nach der Operation stand Klug wieder auf dem Snowboard, gewann im Januar 2001 seinen ersten World Cup und wurde Sechster im Riesenslalom bei der WM 2001. "Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich bin", sagte Klug immer wieder.

Alexander Maier war durch den Motorradunfall und den Olympiaverzicht seines berühmten Bruders ins Rampenlicht gerückt. Die Familienehre hatte Alexander in Salt Lake City retten wollen. Der 27-jährige Tiroler zählte nach drei Weltcupsiegen, einem dritten WM-Rang und der zweitschnellsten Zeit in der Qualifikation sogar zu den Favoriten. Aber dann rutschte ihm in der ersten Runde gleich in beiden Läufen das

Snowboard weg. "Bleib locker und hab Spaß", hatte ihm der große Bruder noch am Telefon geraten. "Doch der Spaß ist mir nach dem ersten Lauf vergangen", meinte Maier zerknirscht. Nur Zehnter - wo er doch seinen sieggewohnten Bruder Hermann hatte vertreten wollen. Schuld war laut Maier die komplett veränderte Piste gegenüber der Qualifikation am Vortag. "Gestern war die Piste griffig, heute glatt", klagte er. Dass jeder Zweite am Entscheidungstag stürzte, darunter die drei Schnellsten der Qualifikation, sei kein Zufall. Die harte Piste "mag für Skifahrer gut sein. Wir aber haben nur eine Kante. Wenn das Brett zu schlagen anfängt, dann gerät es völlig außer Kontrolle."

Einer der wenigen, die ihr Brett in jedem Lauf unter Kontrolle hatten, war Philipp Schoch. Der 22-jährige Schweizer hatte vorher noch nichts gewonnen und nur mit Mühe die Olympia-Qualifikation geschafft. Jetzt ist er Olympiasieger und so bekannt wie Chris Klug und Alexander Maier.

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