Zeitung Heute : Brettspiel-Variante: Monopoly Dotcom

Gregor Wildermann

Wenn ein echter Fan von einem Spiel richtig begeistert ist, unternimmt er für sein Lieblingshobby einiges. Mal spielte jemand 99 Stunden in der Badewanne, ein anderer über sechzehn Tage in einem fahrenden Aufzug. Die längste gespielte Partie ging über 70 Tage. Und 1974 stellte eine Londoner Firma vom besagten Spiel auch mal eine vergoldete Version her. Selbst die NASA ließ sich extra für den Weltraumgebrauch zwei Exemplare anfertigen. Und im Jahre 1967 legten Zugräuber das Spielgeld bei Seite und begannen mit dem geraubten 2 Millionen Dollar Geld eine echte Partie des Spiels, das weltweit die Spielerherzen fasziniert.

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Gemeint ist natürlich das Brettspiel Monopoly, das 1934 von Charles B. Darrow im Ort Germantown (Pennsylvania/USA) erfunden und seit dem über 200 Millionen mal verkauft und in 26 verschiedenen Sprachen herausgebracht wurde. Und weil die Sprache des Geldes und der Weltaktienmärkte nun auch "normale" Bürger verstehen, war es lediglich eine Frage der Zeit und Umsetzung, bis sich auch die Firma Parker (gegründet von George S. Parker) dem riskanten Börsenthema widmen würde.

Nun steht "Monopoly - Die Börse" in den Verkaufsregalen, und manch einer mag sofort an Freunde und Bekannte denken, die in den letzten Monaten dank Telekom & Co arge Verluste einstecken mussten. Endlich also das richtige Geburtstagsgeschenk und wäre es nicht auch sonst ein gute Überraschung, wenn der beste Freund am Morgen der Aktionärversammlung das Börsen-Monopoly auf dem Bettvorleger findet?

Statt Schlossallee oder Parkstrasse sind die 22 Hauptfelder aufgeteilt in Werte von Telekommunikationsfirmen (Telefonica, Nokia oder Siemens), Autohersteller (Daimler Chrysler, Peugeot oder Rover), Fluglinien (British Airways oder Swissair), Gaststättengewerbe (BurgerKing, PizzaHut) und Markenwaren (Swatch oder Benetton).

Dazu gesellen sich noch vier Medienfirmen wie Pro7 oder Kinowelt und die zwei Lifestyle-Unternehmen Adidas und Boss. Durchaus spannende und brisante Firmen aus dem Bereich der Biotechnologie oder aus der gebeutelten Rige der Internetfirmen sind bis auf Amazon.de nicht vertreten und auch sonst fällt der Begriff Neuer Markt überraschenderweise nirgendwo. Haben die bis zu sechs Mitspieler ihre Figur in der Form von Hut, Auto, Hund, Stiefel, Schiff und Bügeleisen gewählt, kann der Run auf das faltbare Parkett beginnen. Dabei darf der erste Spieler auf einem Feld die jeweilige Firma in eine Aktiengesellschaft umwandeln, von der Bank Anteile erwerben und später dann Vorstandsvorsitzender werden.

Auch bei den sonstigen Standards heißt es gehörig umdenken: Aus den Ereigniskarten wurden jeweils 16 Hausse- und Baissekarten, die mit den Symboltieren Bulle und Bär für Auf- und Abschwung an der Börse stehen. So drohen den Hobbyaktionären Depotgebühren, Kurssturz oder Reisekosten zur Aktionärsversammlung, denen als Balsam auf die Depotseele günstige Wechselkurse, Steuerrückzahlungen und überraschende Zinserträge entgegen gehalten werden. Das von vielen Börsianern so gefürchtete Wort Gewinnwarnung vermisst man im Fachjargon dieses Monopoly schon fast. Bekamen die Spieler beim Los-Feld bisher pauschal 4000 Mark, sind dies nun die Dividenden, die sich aus den belegten Aktienbeständen errechnen.

Nerven haben

Das Spielgeld existiert auch in dieser Monopoly-Version, allerdings wissen wir seit der Affäre um den Börsenmakler Leeson und den Kommentaren des Herr Kopper, das Kleinstbeträge hier nur als Peanuts untergehen. So staffelt sich die Geldaufdrucke bis zu 500-Millionen-Scheinen, die man im Spielverlauf schneller ausgibt, als man zuvor noch dachte.

Eigentliches Herzstück der neuesten Monopoly-Variante ist ein kleiner Computer, der die Rolle eines elektronischen Brokers übernimmt, in den der Bankhalter alle relevanten Daten eingibt und über das Display für alle sechs Spieler ablesen kann. Genau an diesem Punkt überfordert uns allerdings die sonst so harmlose Spielwelt: Das beigelegte Handbuch erklärt die Funktionen und Auswirkungen des Minicomputer auf allein dreizehn Seiten und man fragt sich, ob damit nicht über den Anspruch eines Brettspiels ein wenig hinausgeschossen wurde. Erfordert das reale Börsengeschehen schon langjährige Erfahrung und geübte Augen für das vorbei fliegende Laufband, darf bezweifelt werden, ob man in geselliger Runde die Nerven für solch aufwendige Spielzubehör hat.

Im Testspiel wurde der Job des Bankhalters zur echten Herausforderung, für die andere Mitspieler enorm viel Geduld mitbringen mussten. Doch damit steht "Monopoly - Die Börse", das in der US-Version etwas drohender "Monopoly Dotcom" heißt, vielleicht sogar genau in der Tradition vom Erfinder Charles B. Darrow.

Denn zuerst hatte Parker sein Spiel wegen Designfehlern abgelehnt, doch er gab nicht auf und stellte später eine Kleinstauflage selber her, die sich sofort verkaufte und die Firma Parker dann doch noch endlich umstimmte.

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