Zeitung Heute : Brezeln wegwerfen

Heike Jahberg

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Tom ist jetzt zehn. Sein größtes Hobby: Popmusik. Sein größter Wunsch: eine Konzertkarte.

Aber wohin geht man mit einem Zehnjährigen zu seinem allerersten Popkonzert? Bushido? Zu krass. Tokio Hotel? Zu voll. Wir haben ihm ein Ticket für Christina Stürmer in der Kalkscheune geschenkt. Die Musik ist eher sanft, die Kalkscheune eher klein. Ideal. Dachten wir.

Als wir losgingen, war es dunkel, kalt und regnerisch. Um 19 Uhr sollte Einlass sein, um 19.30 Uhr öffnete sich widerstrebend eine kleine Tür. Zu diesem Zeitpunkt waren die Leute in der Schlange nass. Wir nicht, wir hatten einen Schirm. Überhaupt waren wir so gut ausgestattet wie bei einem Schulausflug. Wir hatten zwei Brezeln dabei, eine Sprite und einen Fotoapparat.

Allerdings nicht lange.

„Die Brezeln bleiben hier“, sagte die Frau bei der Taschenkontrolle. „Die Sprite auch“. „Und die Kamera können Sie bei meinem Kollegen abgeben“. „Mach ich aber nicht“, habe ich bockig gesagt. „Ich will mein Kind bei seinem ersten Konzertbesuch fotografieren, können Sie das nicht verstehen?“ Konnte sie nicht. Die Kamera durfte ich behalten, die Batterie musste ich abgeben.

Dann waren wir drin. Und warteten auf Frau Stürmer. Doch die kam nicht. Stattdessen schoss ein junger Typ auf uns zu und bat mich, unsere Daunenjacken vom Podest zu entfernen. Dahin hatte ich mich verzogen, um meinen Frieden zu finden. Leider sollte aber genau dort die Jury stehen. „Ist das hier ´ne Misswahl?“ fragte ich. Erst da stellte sich heraus, dass neben Frau S. noch zwei weitere Bands auftreten würden und die Jury am Ende den Sieger ermittelt. Leider würde Frau S. erst am Ende auftreten – nicht vor zehn Uhr abends. Und das an einem Schultag. Danke schön.

Wir packten unsere Jacken, sammelten die Batterie wieder ein, holten die Sprite aus dem Papierkorb und fuhren nach Hause. Aber wenigstens gibt es ein Foto von Toms erstem Konzertbesuch: Es zeigt unseren Jungen in der S-Bahn.

Unser nächster Versuch: Tomte, 25. März, 20 Uhr, Postbahnhof

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