Zeitung Heute : Briefe an die Personalchefs

Ein Passfoto muss nicht sein, reiner Fließtext ermüdet – von den Tücken einer Bewerbung

Martin U. Müller

Hätte die Lufthansa-Personalmarketingchefin Doris Krüger alle bei ihr eingegangen Bewerbungen des vergangenen Jahres in Papierform ausgedruckt und aufgestapelt, wäre ein Haufen von beachtlichen 492 Metern Höhe entstanden. Auch in anderen Branchen ist die Zahl der Bewerber ähnlich eindrucksvoll: So hatte der Münchner Autohersteller BMW nicht weniger als 250 000 Bewerbungen im Jahr 2006 zu verzeichnen – bei gerade einmal 600 zu vergebenen Jobs. Angesichts dieser Zahlen geben Personaler unter der Hand zu, dass längst nicht alle Bewerbungen gelesen werden. Ob es ein Bewerber schafft, trotzdem von der Personalabteilung wahrgenommen zu werden, steht und fällt daher mit den Bewerbungsunterlagen.

Dabei überschätzen Bewerber oft die Wirkung von aufwendigen Ordnern oder teuren Plastikhüllen. „Für uns ist bei Bewerbungen nie ausschlaggebend gewesen, ob die Bewerbungsmappe in Bordeaux oder Nachtblau gehalten ist“, sagt Doris Krüger von Lufthansa. Bevor sich der Personalchef eines Unternehmens eingehender mit einer Bewerbungsmappe beschäftigt, wird meist zunächst nur das Anschreiben gelesen. Doch dies passiert oft unter Zeitdruck. Zwei der wichtigsten Regeln lauten daher: kurz fassen und zum Punkt kommen. Dass ein Inserat in einer Zeitung erschienen ist und welcher Beruf darin gesucht wird, wissen die Personaler selbst am besten. Der einleitende Standardsatz aus dem Bewerbungstraining der zehnten Klasse „mit großen Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen“ kann getrost weggelassen werden. Als Provokation empfinden es Personalleiter, wenn ihnen ganze Romane zugeschickt werden. Die Obergrenze für das Anschreiben liegt bei einer Din-A4-Seite. Pluspunkte sammelt man als Bewerber mit einer möglichst persönlichen Ansprache. Hier hilft meist eine Internetrecherche oder ein kurzer Anruf, an wen sich die Bewerbung richten soll.

Das Zentrum des Anschreibens sollten drei Vorzüge bilden, die erklären, warum der Bewerber perfekt zu dieser Stelle passt. Reiner Fließtext ermüdet beim Lesen. Deshalb kann im Anschreiben auch mit Fettdruck, kursiver Schrift oder Unterstreichungen gearbeitet werden, um die Übersichtlichkeit zu erhöhen. Positive Sprache wirkt grundsätzlich besser, Jammern und Schwarzsehen ist bei Bewerbungen völlig fehl am Platz. Wann immer möglich, den selbstbewusst wirkenden Indikativ verwenden. Eine Formulierung wie „ich kann“ wirkt verstärkend – im Gegensatz zu „gerne würde ich“ oder „eventuell könnte ich“.

Während vor einigen Jahren ein Foto des Kandidaten noch ein absolutes Muss bei Bewerbungen war, betrachten dies Personalleiter heute differenzierter. „In dieser frühen Phase der Bewerbung interessiert uns ein Foto nicht“, sagt Doris Krüger. Die meisten Experten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ihre Empfehlung: Wird kein Foto explizit verlangt, sollte es schlicht weggelassen werden.

Handschriftliche Bewerbungen sind bei Personalabteilungen in den meisten Fällen nicht erwünscht. „Die Handschriftenanalyse ist in Deutschland kaum verbreitet“, erklärt Jens Gerhardt, Leiter des Rekruting bei BMW in München. Zeugnisse spielen vor allem bei Berufseinsteigern eine Rolle: „Wir können so sehen, ob jemand vielleicht nur sehr einseitig interessiert oder begabt ist“, erläutert Doris Krüger. Der Beruf der Eltern gehört hingegen schon lange in keinen Lebenslauf mehr und sollte weggelassen werden.

Während mittelgroße Firmen nach wie vor auf die konventionelle Bewerbung setzen, akzeptieren große Unternehmen oft nur noch Onlinebewerbungen. „Bewerbungen auf dem Postweg kommen bei uns nicht in Betracht“, sagt Schering-Sprecherin Ute Kablitz. Die Vorteile der Onlinebewerbung liegen auf der Hand: Neben minimalen Kosten für den Bewerber können Unternehmen automatisiert nach bestimmten Kriterien selektieren. Benötigt eine Abteilung Mitarbeiter, wird zunächst der Datenpool nach bestehenden Interessenten durchsucht. Häufig schleichen sich jedoch Flüchtigkeitsfehler in Onlinebewerbungen ein. Doris Krüger rät daher: „Eine Onlinebewerbung ist genauso sorgfältig zu bearbeiten wir eine Papierbewerbung.“

Egal ob online oder herkömmlich in Papierform – Jens Gerhardt ist sich sicher: „Niemals zu viele Bewerbungen abschicken. Das erhöht nur das Frustrationslevel, weil zwangsläufig Absagen kommen werden.“

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