Zeitung Heute : Brisanter Verdacht

Im Fall al Masri wird über eine Beteiligung deutscher Behörden spekuliert

Frank Jansen

Deutsche Sicherheitsbehörden sollen den USA möglicherweise Informationen geliefert haben, die die Verschleppung von Khaled al Masri zur Folge hatten. Wie wahrscheinlich ist das?


Er ist kein Mensch, der zu Aufregung neigt. Doch der in der Öffentlichkeit gärende Verdacht, deutsche Behörden könnten bei der mutmaßlichen Entführung von Khaled al Masri durch die CIA eine dubiose Rolle gespielt haben, bringt den hochrangigen Sicherheitsbeamten in Rage. Es sei „perfide“, sagt der Experte, wenn in den Medien suggeriert werde, „weil wir einen Verdächtigen nicht schön foltern dürfen, geben wir den Amerikanern Informationen, damit die den Mann abgreifen und loslegen“.

Die Spekulationen blühen, obwohl die „Berliner Zeitung“ am Freitag eher vage berichtet hatte, im Fall al Masri habe der amerikanische Geheimdienst Hilfe von deutschen Behörden erhalten. Sie trügen „offenbar Mitverantwortung für die Festnahme und Verschleppung“ durch die CIA. „Da ist nichts dran“, sagt der Sicherheitsexperte. Dann geht er ins Detail.

Khaled al Masri sei den deutschen Behörden als „Randfigur“ der Islamistenszene in Neu-Ulm bekannt gewesen, so der Beamte. Es könne sein, dass der Name des Deutsch-Libanesen beim Austausch von Informationen mit befreundeten Nachrichtendiensten gefallen sei. So wie es bei der Zusammenarbeit mit Amerikanern, Franzosen und anderen Partnern üblich sei. Da Khaled al Masri aber für die deutschen Behörden nie von zentraler Bedeutung war, mache der Verdacht keinen Sinn, dass er der CIA als interessante Person oder gar als lohnendes Entführungsobjekt präsentiert worden sei, sagt der Experte. Es gebe nach wie vor nur eine plausible Erklärung für die mutmaßliche Entführung: Die CIA habe al Masri mit einem Al-Qaida-Kader verwechselt, den einer der Drahtzieher des Terrorangriffs vom 11. September 2001, der in US-Gewahrsam sitzende Ramsi Binalshibh genannt hatte.

Außerdem, so der Experte, hätten die Amerikaner nichts aus den mutmaßlichen Verhören al Masris an die Deutschen geliefert. Es könne höchstens sein, „dass wir von den US-Behörden etwas bekommen haben, ohne es zu wissen“. Das heißt: Die CIA hat womöglich in den von ihr herausgegebenen Informationen Erkenntnisse über al Masri untergebracht, ohne dies speziell zu kennzeichnen.

Ende 2003 reiste al Masri bekanntlich nach Mazedonien, wo er von einheimischen Sicherheitskräften festgenommen und an die Amerikaner weitergereicht worden sein soll. Die CIA soll ihn, wie berichtet, in ein Geheimgefängnis in Afghanistan gebracht und dort monatelang misshandelt haben. Laut „Berliner Zeitung“ stellten die Amerikaner dem Deutsch-Libanesen auch Fragen zu Erkenntnissen, die von den deutschen Behörden übermittelt worden waren. Die deutschen Behörden hatten al Masri im Blick, weil er im Neu-Ulmer „Multikulturhaus“ verkehrte, einem Treffpunkt von Islamisten.

Hier kam al Masri nach Informationen des Tagesspiegels in Kontakt mit dem Deutsch-Ägypter Reda S., gegen den Generalbundesanwalt Kay Nehm wegen des Verdachts der Unterstützung einer Terrorgruppe ermittelt. Reda S. gilt im Gegensatz zu al Masri als hochgefährliche Figur, auch wenn es nicht gelingt, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. 2002 wurde Reda S. in Indonesien festgenommen. Doch der Verdacht, er habe die verheerende Anschlagsserie damals im Oktober auf Bali mitfinanziert, ließ sich nicht erhärten. Nach mehreren Monaten Haft kam Reda S. frei und kehrte in die Bundesrepublik zurück. Khaled al Masri, der mit Autos handelte, verschaffte dem Deutsch-Ägypter einen Wagen. Mehr können deutsche Sicherheitsexperten über al Masri nicht sagen.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt seit Juni 2004 im Fall al Masri. Im Sommer 2005 wurden Rechtshilfeersuchen an Mazedonien und die USA gerichtet. „Aber es gibt keine Antwort“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld. Dass bei den Ermittlungen eine Vernehmung von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder von Ex-Innenminister Otto Schily helfen könnte, glaubt Schmidt-Sommerfeld nicht.

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