BRITPOPPaul Weller : Eine glückliche Familie

Kein Künstler seiner Generation hat in den letzten 20 Jahren so großen Einfluss auf die britische Popszene ausgeübt wie Paul Weller. Fast die ganze Britpop-Elite von Oasis bis Supergrass hat sich an Wellers erster Band The Jam orientiert, ebenso jüngere Gruppen wie die Arctic Monkeys. The Jam hatten die Energie des Punk, aber nicht den Habitus: Weller mit Sicherheitsnadel in der Wange, das wäre wie Churchill mit Dreadlocks. Vielmehr orientierten sich The Jam an der Modkultur der Sechziger, an Bands wie The Who und Small Faces, aber auch an Motown. 1982, auf dem Höhepunkt des Erfolgs, löste Weller The Jam auf und gründete The Style Council. Deren eleganter Lounge-Pop besaß im Gegensatz zu stilverwandten Zeitgenossen wie Sade oder Matt Bianco eine Working-Class-Seele.

Der Split von Style Council markierte 1989 den Startschuss für eine bemerkenswerte Solokarriere. Weller avancierte zum „Modfather“, zum Role Model für cooles Älterwerden. Einer, den man sich als glücklichen Menschen vorstellen muss: Mit 54 ist er zum zweiten Mal verheiratet und hat Zwillinge mit seiner 27 Jahre jüngeren Frau, zusätzlich zu fünf Kindern aus früheren Beziehungen. Es scheint transfamiliäre Harmonie zu herrschen, schließlich singen auf der jüngsten Platte „Sonik Kicks“ nicht nur Frau und Baby mit, sondern auch die älteste Tochter aus erster Ehe. Den Kritikervorwurf, dass er seinen Schwung verloren habe und immer auf den gleichen Britrock-Klischees herumreite, beantwortet Weller seit Jahren mit vergleichsweise experimentellen Alben, auf denen er nicht nur seinen Referenzrahmen in Sachen Britpop ständig erweitert, sondern auch Fühler in Richtung Krautrock, Dub und Psychedelia ausstreckt.Jörg Wunder

Huxleys Neue Welt, So 16.12., 20 Uhr, 38 €

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