BRITROCKKasabian : Flucht nach vorn

Solche Bands gibt es nur in England. Sie sind überheblich, sie sind prollig, sie sind latent unsympathisch. Und sie sind irre erfolgreich. Aber sie produzieren eben keine vernachlässigenswerte Schrottmusik, was höchstwahrscheinlich der Fall wäre, wenn sie aus Chemnitz oder Castrop-Rauxel kämen. Sondern den durchgeknalltesten, wagemutigsten Rock weit und breit. Oasis gehörten zu dieser Kategorie, bis nur noch die Großmäuligkeit der Gallagher-Brüder übrig blieb, ebenso Primal Scream, die Stone Roses oder die Happy Mondays.

In den letzten Jahren hat Kasabian, ein Quartett aus Leicester um die Masterminds Sergio Pizzorno und Tom Meighan (Mitte links und rechts), die Nachfolge dieser genialen Hohlköpfe angetreten. Schon der Bandname, inspiriert von Linda Kasabian, der Fluchtwagenfahrerin von Charles Mansons Möderbande, schrammt haarscharf am Geht- gar-nicht vorbei. Die Musik ist von einer so dreisten Anything-Goes-Mentalität durchzogen, dass man den Hut zieht. Wie sie etwa im Titelstück ihres vierten Albums „Velociraptor!“ das stumpfe Technogeballer von Prodigy (noch so eine begnadete Großmaulcombo) mit einem typischen Britpop-Singalong-Refrain verbinden, ist schon sehr clever. Auch sonst werden auf diesem von einer gesunden Hybris geprägten Werk tausendundeinerlei Stilelemente durch den Wolf gedreht, von irrlichternden Textzeilen wie „I see Lucy in the sky / Telling me I’m high“ („La Fée Verte“) mal ganz abgesehen. Dabei ist „Velociraptor!“ sogar etwas weniger far out als der grandiose Vorgänger „West Ryder Pauper Lunatic Asylum“. Beide Platten erreichten in ihrer Heimat übrigens die Spitze der Verkaufscharts. England, du hast es besser!Jörg Wunder

Columbiahalle, So 4.3., 20 Uhr, 28 € + VVK

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