Britta Steffen : „Ich lerne wieder, wie sich Verlieren anfühlt"

Britta Steffen wurde Doppel-Olympiasiegerin, schwamm Weltrekorde, war die Beste. Dann brach sie im Sommer plötzlich ein. Und niemand verstand, warum. Am wenigsten sie selbst.

Das glaube ich jetzt nicht. Nach einer fast zweijährigen Wettkampfpause trumpfte Britta Steffen bei den Europameisterschaften 2006 in Budapest völlig überraschend groß auf.Weitere Bilder anzeigen
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14.09.2011 12:18Das glaube ich jetzt nicht. Nach einer fast zweijährigen Wettkampfpause trumpfte Britta Steffen bei den Europameisterschaften 2006...

Britta Steffen gleitet sanft in den Feierabend. Sie liegt auf dem Rücken, ihre Arme kreisen gemächlich wie das Rad einer alten Wassermühle. Die Beine sind zusammengepresst, es gibt kaum Spritzer, als sie sich durchs Wasser zieht. Am Beckenrand begleitet sie ebenso gemächlich ein Mann in blauem T-Shirt und blauer Trainingshose. Norbert Warnatzsch, breiter Oberkörper, kantiger Schädel, sagt nichts, er beobachtet sie nur. Ein paar Meter noch, dann schlägt Britta Steffen an. Sie lässt sich zur Leiter treiben und klettert aus dem Becken. Warnatzsch hat sich abgewendet, auch die Jungen und Mädchen, die auf den anderen Bahnen in der Schwimmhalle in Berlin-Hohenschönhausen durchs Wasser pflügen, beachten sie nicht. Ein Nachmittag im September, wieder eine Trainingseinheit vorbei. Britta Steffen rubbelt sich mit einem Handtuch ab, eine unbeachtete Person im sportlichen Alltag. Sie hat ihre Ruhe, seit Wochen ist ihr das am liebsten. Noch elf Monate bis zu den Olympischen Spielen in London.

Der Alltag endet in der Sekunde, in der sich Warnatzsch auf seinen Stuhl am Trainertisch sinken lässt, drei Meter vom Beckenrand entfernt. Er blickt aufs Wasser und sagt: „Wir werden in London noch mal voll angreifen. Nicht aus Hass oder aus Rache, Britta will eine sportliche Antwort geben.“ Hass? Auf wen? Rache? Für was? Hass, Rache, dass Warnatzsch überhaupt diese Begriffe ins Spiel bringt, sind bezeichnende Hinweise. Olympia 2012 muss für die Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen mehr sein als eine sportliche Herausforderung.

Sie muss auch seelische Verletzungen verarbeiten. Häme, Spott, beißende Kritik, eine Flut von Reaktionen hat Britta Steffen im Innersten getroffen. Im August kamen diese Schläge, sie trafen die Weltklasse-Schwimmerin Steffen, die bei der Weltmeisterschaft in Shanghai vorzeitig abgereist war. Drei Rennen hatte sie verpatzt, in das Halbfinale über ihre Paradestrecken 100 Meter Freistil war die 27-Jährige nur mit viel Mühe reingerutscht, für die Doppel-Weltmeisterin von 2009 war das zu viel. Bevor sie panikartig abflog, sagte sie noch, sie habe sich gut gefühlt, sie habe keine Erklärung. Und dann formulierte sie den seltsamen Satz: „Britta Steffen muss jetzt lernen, dass man super vorbereitet sein kann, aber es trotzdem nicht funktioniert.“

Seit ihrer Rückkehr nach Berlin ist Steffen abgetaucht, sie musste erst mal alles verarbeiten. Den Kommentar von Franziska van Almsick zum Beispiel. Die hatte in Schanghai als Co-Moderatorin im ARD-Studio kernig erzählt: „Ich verstehe nicht, dass sie alles hinschmeißt. Ich hätte ein bisschen mehr erwartet, dass man als Frontfrau auch Verantwortung übernimmt und im Zweifel sich beide Beine ausreißt, um die Lagenstaffel in die Olympischen Spiele zu bringen.“ Die Ex-Weltrekordlerin formulierte als Sprachrohr, was unzählige Fans dachten.

Steffen und van Almsick waren mal in der gleichen Trainingsgruppe, betreut von Warnatzsch. Van Almsick war die Übergröße, an der sich Steffen abmühte. Ihr Verhältnis ist eher gespannt. Am Freitag taucht Steffen wieder auf, sie gibt eine Pressekonferenz. Sie wird ausführlich erzählen, was Warnatzsch am Beckenrand schon gesagt hat. Es ist Zeit, den Kampf öffentlich aufzunehmen.

Das sportliche Leben der Doppel-Weltmeisterin, Doppel-Olympiasiegerin, Doppel-Europameisterin, Weltrekordlerin Steffen, das ist auch die Geschichte, wie jemand, von extremem Ehrgeiz getrieben, ganz oben steht, aber keine Schutzmechanismen gegen die Härten besitzt, die auf dieser Top-Ebene dazugehören.

Norbert Warnatzsch starrt wieder aufs Wasser. Er sagt nichts zu van Almsick, seiner früheren Athletin, er ist 64 Jahre alt, ein Trainer der alten Schule. Warnatzsch kann seine Sportler übel anschnauzen, aber er steht auch vor ihnen. Doch zu Steffens Abreise sagt er etwas. „Warum gibt man ihr nicht die Chance, das so zu verarbeiten, wie es am besten für sie ist? Warum hätte man sie noch bestrafen sollen, indem sie auf der Tribüne die Finals über 50 Meter und 100 Meter Freistil anschaut? Vor allen Kameras?“ Das ist die Fallhöhe bei Steffen. Wenn sie anderen zuschauen muss, die besser sind, wenn sie zuschauen muss, nachdem sie sich selber aus dem Rennen genommen hat, gilt das als Strafe. „Für sie ist der Zweite der erste Verlierer“, sagt Warnatzsch. So denken viele Weltklassesportler. Aber es gibt wenige, die diesen Satz so konsequent leben wie Britta Steffen: Und es gibt wenige, bei denen man so sehr den Eindruck hat, dass sie diesem Satz ungeschützt ausgeliefert sind.

Wahr ist aber auch, dass es früher noch extremer war. Die junge Britta Steffen, das Talent in der Trainingsgruppe von Franziska van Almsick, lebte als Gefangene eines fatalen Gedankens: „Wenn du schlecht schwimmst, bist du ein schlechter Mensch.“ Sie schwamm schnell, so schnell, dass Trainer sich bestätigten: Dieses Mädchen kann mal die Stars van Almsick und Sandra Völker gefährden. Aber dazu fehlte ihr die psychische Härte im direkten Duell. Britta Steffen nahm sich 2004 frustriert eine Auszeit, Warnatzsch gab ihr die Adresse von Friederike Janofske, der Psychologin, die schon Franziska van Almsick stabilisierte. Und Janofske sagte ihrer neuen Klientin: Sie sind als Mensch wichtig, nicht als Schwimmerin. Im August 2005 stieg Steffen wieder ins Training ein.

Für Britta Steffen ist Janofske seither so etwas wie der Rettungsring für den Ertrinkenden. Sie reden stundenlang am Telefon oder in persönlichen Gesprächen. 2006 umringten im Schwimmzentrum von Budapest staunende Journalisten eine Britta Steffen, die quasi aus dem Nichts vier Europameistertitel gewonnen und drei Weltrekorde aufgestellt hatte. Kaum jemand krault so ökonomisch durchs Wasser wie Steffen. Sie hat ein exzellentes Gefühl für die richtige Temposteigerung. Aber schon damals fiel auf, dass sie zwischen „Wahnsinn“ und „fassungslos“ noch die Sätze einschob: „Ich bin immer noch der gleiche Mensch wie vorher. Ich dachte, dass man mit einem Weltrekord ein Übermensch ist.“ Irgendwann blickte sie auf einmal ernst und verkündete: „Ich habe die Menschen, die etwas von mir erwarten, nicht enttäuscht.“ Es waren seltsam weihevolle Sätze, sie passten nicht zu dieser Party-Stimmung. Kurze Zeit später erzählte Steffen, noch eine Spur pathetischer: „Ich habe am Menschsein gearbeitet.“

Jahre später klingt die öffentliche Britta Steffen mitunter immer noch, als würde sie Merksätze von Janofske laut memorieren. „Ich habe gelernt, mich nicht mehr so sehr davon beeindrucken zu lassen, wie andere mich sehen“, ist so ein Satz. Oder: „Wenn ich verliere, nehme ich das hin.“ Noch ein Satz: „Ich lerne wieder, wie sich Verlieren anfühlt. Diese Traurigkeit ist es wert, wenn ich es schaffe, mich noch einmal nach vorne zu arbeiten.“

Sie lernt sehr wenig. Nach der WM 2009 legte sie wegen gesundheitlicher Probleme wieder eine Pause ein, diesmal für 15 Monate. Ihre ersten Rennen danach schwamm sie beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin. Sie wurde Vierte und Sechste, ein normales Ergebnis. Steffen hätte zufrieden sein können. Aber sie sagte, sie fühle sich „beschissen“. „Beschissen?“, fragte ein Journalist überrascht. „Beschissen“, wiederholte Steffen.

Zur eigenen Unzufriedenheit kommen noch die Nickligkeiten, mit denen ein Star leben muss. Neid, Kritik, extreme Erwartungen. Die Masse der Weltklasseathleten hat einen Schutzpanzer entwickelt, an dem vieles abprallt. Bei Britta Steffen dringt alles nahezu ungefiltert ins Mark. Bei den deutschen Meisterschaften 2008 kündigte sie an, dass sie bei den Olympischen Spielen für eine der Freistil-Staffeln nicht zur Verfügung stehe. Es mag sportliche Gründe gegeben haben, aber Teammitglieder reagierten sauer. Das war zu erwarten, Britta Steffen hätte sich darauf einstellen können. Stattdessen, gestand sie bei der Meisterschaft tränenerstickt, war sie „bis zu den Rennen depressiv“. Irgendwann habe sie nicht mehr gewusst, „wer Freund und Feind ist“.

Vor ihrem Comeback 2010 saß sie in einem Hotel, vor sich ein Mikrofon und zwei Dutzend Journalisten. Sie sollte über ihre Chancen reden nach der langen Pause, über ihre langfristigen sportlichen Ziele, das Übliche. Aber dann verkrampfte sich ihr Oberkörper, und mit einer Mischung aus beleidigtem Ton und Fassungslosigkeit sagte sie: „Es gab ja Gerüchte über mein Comeback. Da hieß es, das machst du doch nur, um Sponsoren zu behalten. Du schwimmst doch nicht ernsthaft.“ Der übliche Tratsch, souveräne Stars ignorieren so was. Steffen sagte: „Weil ich eher zart besaitet bin, habe ich mir das zu Herzen genommen.“

Lesen Sie auf Seite zwei: Ihr Tunnelblick hilft Britta Steffen.

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