Brown als Premier : Gefühlte 100 Tage

Hochwasser, Russland, Terrorismus: Trotz vieler Probleme steht Londons neuer Premier Brown einen Monat nach Amtsantritt gut da - so gut, dass bereits heftig über eine baldige Unterhauswahl spekuliert wird. Angela Merkel dürfte das recht sein - sie kann sich nicht mehr alleine auf Paris verlassen.

Brown
Reden über Russland: Gordon Brown bei seiner ersten monatlichen Pressekonferenz als Premier. -Foto: AFP

Von Markus HesselmannGordon Brown ist gerade einmal einen Monat im Amt. Doch für den neuen britischen Premierminister hatte dieser Sommermonat Juli gefühlte hundert Tage. Mindestens. Terrorismus, Streit mit Russland, Hochwasser – was Brown seit seinem Amtsantritt stemmen musste, übersteigt die normale Agenda einer klassischen Einarbeitungszeit. Hinzu kommen die Probleme, die ihm sein Vorgänger Tony Blair überließ: das besondere Verhältnis zu den USA, das viele Briten nach dem unbedingten Gehorsam im Irakkrieg für zu eng halten. Und die immer schwierige Rolle Großbritanniens in der Europäischen Union, über deren Reform viele Briten in einem Referendum abstimmen wollen, was dann wohl auf eine Ablehnung des mühsam herausgehandelten EU-Vertrags hinauslaufen würde.

Bei den drei mehr oder weniger unvorhersehbaren Themen punktete der neue Mann in der Downing Street Nummer zehn. Auf die vereitelten Bombenanschläge in London und den Brandanschlag in Glasgow reagierte er mit Standfestigkeit, ohne Aktionismus. Im Fall des ermordeten britischen Staatsbürgers Alexander Litwinenko und der geforderten Auslieferung des tatverdächtigen Russen Andrej Lugowoi wahrt Browns Regierung ihr Gesicht – ohne Rücksicht auf mögliche wirtschaftliche Nachteile. Und bei der Sommerflut in England konnte sich Brown (gerade noch) als Macher darstellen, der die Erfahrung nutzen will, um sein Land besser auf den Klimawandel und damit womöglich verbundene Naturkatastrophen vorzubereiten.

Die Umfragewerte der Labour-Regierung sind nach dem Tief zum Ende der Ära Blair inzwischen jedenfalls so gut, dass bereits heftig über eine baldige Unterhauswahl spekuliert wird. In Britannien darf sich der Premierminister dafür den günstigsten Termin aussuchen. Brown hätte bis 2010 Zeit. Dieser Poker ist für ihn besonders riskant. Wenn er verliert, geht er als Kurzzeitpremier in die Geschichte ein, der nie vom Volk bestätigt wurde. Als tragisch Unvollendeter, der zehn Jahre lang in Blairs Schatten auf seine große Chance warten musste und diese dann mit einem Schlag verspielte. Wenn er allerdings gewinnt, kann er für sich beanspruchen, das große Reformprojekt „New Labour, New Britain“, das 1997 mit dem Premier Blair und dem Schatzkanzler Brown begann, vollendet zu haben.

Angela Merkel wäre das wohl recht. Ihr dürfte Brown jedenfalls lieber sein als sein Herausforderer David Cameron. Der führt zwar die britischen Konservativen, die den deutschen Christdemokraten traditionell näherstehen als die Labour-Partei. Doch Cameron ist bisher nicht gerade durch Europaenthusiasmus aufgefallen. Im Gegenteil, um innenpolitisch zu gefallen, hat Cameron angekündigt, mit seinen Konservativen aus der gemeinsamen EU-Parlamentsfraktion auszutreten. Damit hat er die überzeugte Europäerin Merkel verärgert.

Hingegen haben der Labour-Premier und die CDU-Kanzlerin einiges gemeinsam: Beide sind keine Charismatiker wie ihre Vorgänger Blair und Schröder, sondern wollen mit pragmatischer Politik vorankommen. Beiden wurde zu Beginn ihrer Amtszeit nicht wirklich viel zugetraut – und beide überzeugten auf Anhieb. Merkel konnte ihren Erfolg im Glanz der EU- und G-8-Präsidentschaft sogar ausbauen.

Auf Brown indes warten nach dem verdienten Urlaub mühevolle Monate. Den gelungenen Gesten im Kampf gegen den Terrorismus sollen Taten folgen. Die von ihm gewünschte Ausdehnung der Untersuchungshaft für Terrorverdächtige bleibt aber selbst in seiner eigenen Partei umstritten. Beim Thema Irak wird Brown nicht ewig lavieren können zwischen Treuebekundungen gegenüber den USA und Signalen, die auf einen britischen Truppenabzug hindeuten. Und das unangenehme Thema Europa kommt wieder auf die Tagesordnung, wenn es um die Details im EU-Vertrag geht. Merkel sollte ihren neuen Partner dabei nicht überfordern, im eigenen Interesse. Seitdem sich der neue französische Präsident Nicolas Sarkozy in Alleingängen gefällt, ist Paris nicht mehr so verlässlich wie früher. Umso mehr braucht die Kanzlerin den neuen Mann in London.

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