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Internationale Kontakte gehören zur Tradition der Freien Universität – Osteuropa und Zentralasien sollen an Bedeutung gewinnen

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Von Felicitas von Aretin

Der heutige Präsident war einst verwundert. „Als ich 1983 von Köln an die Freie Universität wechselte, gab es in jedem Zimmer einen internationalen Telefonanschluss", erzählt der FU-Präsident Peter Gaehtgens belustigt und ergänzt mit Blick auf Finanzsenator Thilo Sarrazin, dass sich dieser Zustand inzwischen drastisch geändert habe. Eines aber ist geblieben: Die FU gehört zu den international renommierten Universitäten, denen die Weltoffenheit und der Austausch mit anderen Kulturen besonders am Herzen liegt. Und damit bleibt die FU auf moderne Weise ihrer Tradition seit der Gründung im Blockadewinter 1948 treu.

Zwar ging die Initiative zur Gründung einer „freien" Universität von deutschen Studenten und international anerkannten Professoren aus, die sich nach den Erfahrungen einer Diktatur das freie Denken und Forschen nicht abermals verbieten lassen wollten. Doch wäre eine Neugründung im Berliner Hunger- und Blockadewinter ohne finanzielle und geistige Hilfe der Amerikaner, insbesondere des amerikanischen Hohen Kommissars John Mc Cloy und des Direktors der Ford Foundation, Shepard Stone, völlig illusorisch gewesen. Bis 1954 addierte sich die Summe der amerikanischen Spenden auf neun Millionen Mark. Auf Dauer wurden die Spenden der amerikanischen Stiftungen, wie der Ford Foundation, wichtig.

Wer heute über den Campus der Freien Universität schlendert, sieht die amerikanische Hilfe in Stein gegossen: So verdankt die FU den Amerikanern noch immer ihr Herzstück, den im Sommer lichtdurchfluteten Henry-Ford-Bau, die Universitätsbibliothek und die den Bauhausstil imitierende „Kleine Mensa". Die größte amerikanische Spende aber galt dem Bau eines Klinikums, das auf Grund seines modernen Konzepts, alle Fachrichtungen in einem Haus zu vereinen, das bei seiner Einweihung 1968 als das modernste Klinikum Europas galt. Zum 25. Geburtstag gab sich das Universitätsklinikum einen neuen n, Benjamin-Franklin-Klinikum, und würdigte damit die gleichnamige Stiftung, die mit 60 Millionen Mark den Bau des Klinikums ermöglichte.

Hinter dem amerikanischen Engagement steckte ein weltoffenes Konzept, das sich gegen die Verdrängungen und den Muff der fünfziger Jahre wandte: „Die Freie Universität Berlin bietet einzigartige Möglichkeiten für die Förderung der Völkerverständigung, für die Stärkung des demokratischen Gedankens, die Förderung der demokratischen Zusammenarbeit und die Heranziehung demokratischer Führungskräfte für Europa", schrieb Shepard Stone in seiner Denkschrift an die Ford Foundation, der in den dreißiger Jahren die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität als Doktorand kennengelernt hatte. In den USA genoss die Freie Universität höchste Protektion: Eleanor Dulles, die jüngere Schwester des amerikanischen Außenministers, engagierte sich für das Klinikum; die Brüder John und Robert Kennedy besuchten die FU bei ihren Berlin-Besuchen Anfang der sechziger Jahre.

Noch heute gilt die FU als Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft und spiegelt das wechselvolle Verhältnis beider Staaten wider. „In den USA ist die Idee des Berliner Senats mit völligem Unverständnis aufgenommen worden, ausgerechnet das von amerikanischen Spendengeldern finanzierte Klinikum in ein Regionalkrankenhaus umzuwandeln", erzählt Gaehtgens, der jüngst aus den USA zurückkam.

Weltoffenheit bedeutet seit jeher den Austausch mit begabten Köpfen aus der ganzen Welt, wovon nicht zuletzt die Stadt Berlin profitiert. Gerade Wissenschaftler, die während der Nazi-Zeit verfolgt wurden, wie die Nobelpreisträgerin Lise Meitner und die Philosophin Hannah Arendt, fühlten sich an der FU bei ihren kurzen Gastaufenthalten willkommen. So schrieb beispielsweise Lise Meitner 1957 der FU ins Gästebuch: „Im Gästehaus der Freien Universität Berlin-Dahlem wird jeder Besucher mit so viel liebevoller Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft umsorgt, dass man sofort das frohe Gefühl des Zuhauseseins bekommt." Andere, wie der deutsch-italienische Jurist und spätere Rektor Ernst Heinitz und der Historiker und Gründungsrektor Friedrich Meinecke, verhalfen der FU zu weltweitem Renommee.

Doch Weltoffenheit bedeutete nicht nur, Emigranten und Wissenschaftlern eine geistige Heimat zu geben. Als eine der ersten deutschen Hochschulen lief in den sechziger Jahren die sehr erfolgreiche Partnerschaft mit der St. Petersburger Universität an, 1981 schloss die FU einen Partnerschaftsvertrag mit der Universität Peking. „Heute unterhält die FU mit knapp hundert der besten ausländischen Universitäten in nahezu dreißig Ländern enge Kooperationen", berichtet Gottfried Gügold von der Abteilung Außenangelegenheiten im Präsidialamt.

„In Nordamerika haben wir rund dreißig Partneruniversitäten", zählt er auf – in seinem Büro, das sich bezeichnenderweise für die FU in der ehemaligen Alliierten Kommandantur befindet. „In China, Japan, Südkorea und Taiwan sind es bereits zwanzig." Künftig sieht er ein stärkeres Engagement der Hochschule in Osteuropa. Vor allem von dort und aus Zentralasien kommt immer mehr Interesse, mit der FU zusammenzuarbeiten. Doch die erforderlichen Finanzmittel stehen nur bedingt zur Verfügung. „Kooperationsverträge sind keine Papiertiger", berichtet Gügold. Deshalb hält die FU an ihrem Prinzip fest, einen Partnerschaftsvertrag erst dann abzuschließen, wenn sich bereits in mindestens drei Fachbereichen eine stabile Zusammenarbeit mit der Partneruniversität entwickelt hat.

Heute verdankt die Freie Universität einen großen Teil ihrer Internationalität den rund 480 ausländischen Wissenschaftlern und knapp 6000 ausländischen Studenten, die von Honkong bis San Francisco, von Warschau bis Sydney hierher kommen und die besondere Atmosphäre prägen. Besonders die englischsprachigen Studiengänge in Chemie, Polymerchemie und Bioinformatik boomen. „Ohne englische Lehrangebote würden weiterhin alle hellen Köpfe in die USA gehen – wovon die amerikanische Forschung und Wirtschaft immens profitiert", resümmiert der Chairman des Masterprogramms Polymer Science, Dieter Schlüter den Erfolg des Programms.

Nicht nur Studenten, sondern auch junge Wissenschaftler zieht es an die FU. „Besonders gefreut hat es mich, dass sich die vier ausländischen Wissenschaftler, die in diesem Jahr mit Forschungspreisen der Alexander von Humboldt-Stiftung geehrt wurden, für die FU entschieden", sagt Gaehtgens. So wird der kanadische Physiker Dwayne Miller am FU-Institut für Experimentalphysik forschen, der Grieche Manolis Korres bei den Archäologen und Charles Maier aus den USA wird mit dem renommierten Historiker Jürgen Kocka am Zentrum für vergleichende Geschichte Europas tätig sein. Die Russin Olga Boltalina forscht künftig am Institut für anorganische Chemie. Mit bis zu 75 000 Euro dotiert, gilt dieser Preise als Sprungbrett zu höchsten Weihen: Mehr als dreißig Humboldt-Preisträger erhielten bislang den Nobelpreis.

Häufig sind ausländische Wissenschaftler und Studenten gerade von der Vielfalt der „Kleinen Fächer" aus den Bereichen Vorderer Orient und Ostasien angezogen. Denn wo sonst in Deutschland lässt sich gleichzeitig Arabistik, Niederlandistik, Iranistik oder Turkologie studieren. Dieses Studium setzt die Kenntnis der Sprachen, Lebensweisen und Kulturen unterschiedlichster Länder und Menschen voraus. Jedes Institut kooperiert und forscht weltweit, sei es das Institut für Altorientalistik, das ein DFG-Projekt zu den Ausgrabungen in Assur durchführt, sei es das Institut für Klassische Archäologie mit seinem Leiter Wolf-Dieter Heilmeyer, der weltweit Leihgaben für die Klassik-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zusammengetragen hat.

Überhaupt hat das Internet die Welt der Forschung klein gemacht, wie auch ein Projekt des südamerikanischen Informatikers Raul Rojas zeigt, der mit dem an der FU entwickelten System der E-Kreide für Aufsehen sorgte. Im gerade begonnenen Wintersemester erntet Rojas die praktischen Früchte seines Erfolgs: Die Vorlesung „Neuronale Netze" wird live aus der Universität Stanford übertragen. „Diese Vorlesung ist die erste vollständige Internet-Vorlesung", sagt Rojas, „die der Internationalisierung des Lehrangebotes gilt." Doch Internationalisierung und Globalisierung lösen vielfach auch Ängste aus.

Dies hat spätestens die Katastrophe des 11. Septembers offenbart. In dieser Situation war die Spezialkompetenz von Islamwissenschaftlern oder Nordamerika-Spezialisten an der Freien Universität besonders gefragt. Tage- und nächtelang interviewten Journalisten aus der ganzen Welt den Afghanistan-Spezialisten Michael Pohly, die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer oder den Politologe Friedemann Büttner von der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients.

„Es gehört zur Tradition der Freien Universität, Spezialisten für einzelne Weltregionen auszubilden", erzählt Wedigo de Vivanco, Leiter der Abteilung Außenangelegenheiten, und verweist auf das Lateinamerika-, das Osteuropa-, vor allem aber das John-F.-Kennedy-Institut, das weltweit einen hervorragenden Ruf genießt. „Das John-F.-Kennedy-Institut ist die Top-Adresse für den Bereich Nordamerikastudien", ergänzt die Vizepräsidentin der Universität Erfurt, Ursula Lehmkuhl, die als Historikerin an die FU kommt. Wahrscheinlich würde dieses Statement den früheren Präsidenten der Vereinigten Staaten und Namensträger des Instituts freuen, hatte er doch in seiner Rede hier erklärt: „Diese Lehrstätte hat kein Interesse daran, nur Syndikusse und vereidigte Buchprüfer auszubilden. Woran sie Interesse hat, ist die Ausbildung von Weltbürgern, Menschen, die schwierige und heikle Aufgaben meistern, vor denen wir als freie Männer und Frauen stehen." Die Worte ihres Ehrenbürgers sind der Freien Universität nach wie vor Programm. Daran wird auch die katastrophale Haushaltslage des Landes Berlin nichts ändern. „Nichts öffnet den Horizont so sehr wie die Erfahrung einer anderen Kultur und Denkweise", sagt FU-Präsident Gaehtgens und fügt hinzu, dass die Freie Universität ihre vielfältigen Kontakte zu ausländischen Universitäten weiter ausbauen werde, um „das weltoffene Klima zu erhalten, das sie gegenüber vielen anderen Universitäten auszeichnet".

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