Zeitung Heute : Brüsseler Spitzen der Kreativität

Michael Hutter

Erinnern Sie sich an „KI“ – „künstliche Intelligenz“? Ein paar Jahrzehnte lang war der Begriff ein todsicheres Argument im Kampf um Fördergelder. Inzwischen sind wir von künstlicher Intelligenz umgeben, und das Kürzel wird aufs Neue einsetzbar. Jetzt steht es für „Kreativität und Innovation“. Das Jahr 2009 ist vom Europäischen Parlament sogar zum „Jahr der Kreativität und Innovation“ erklärt worden.

Die Aufmerksamkeit der EU für die Kombination von K und I hat ganz praktische Gründe: Für Kreativität ist die Kommissionsdirektion für Bildung und Kultur zuständig, und für Innovation die Direktion Regionalpolitik. Da gilt es, Präsenz zu zeigen und den Kalender zu füllen mit Keynote Panels und Kick-off-Events, auch eine eigene EU-KI-Webseite fehlt nicht. Natürlich findet sich im Programm vornehmlich, was seit langem geplant war – ohne das Label des KI-Jahres. Die nationalen Regierungen lassen sich da nicht lumpen. Das österreichische Bildungsministerium erstellte einen Leitfaden, um „das Interesse von Schülerinnen und Schülern an kreativen und innovativen Prozessen umfassend zu fördern“, und das deutsche Justizministerium erklärte seine Bemühungen zur Reform des Urheberrechts kurzerhand zu KI-Aktivitäten. Der Chef der sächsischen Staatskanzlei ernannte schon im Oktober 2008 seinen Freistaat zum „Land der KI“.

Für einen Forscher, der erkunden will, was Menschen dazu anregt, sich Neues auszudenken, und was sie dazu bringt, Neues zu suchen, auszuprobieren und manchmal auch noch dafür zu bezahlen, sollte derlei politischer Rückenwind eigentlich erfreulich sein. Schließlich müssen die Podiumsdiskussionen, die in den Konferenzprogrammen vorkommen, auch mit Köpfen bestückt werden, und Redakteure verschiedenster Medien interessieren sich mit einem Mal dafür, „wie das Neue in die Welt kommt“.

Aber die Inflationierung des Wortgebrauchs macht es nicht leichter, einem schwer zu erfassenden, meistens überraschenden Phänomen auf die Spur zu kommen. „Kreativität“ ist keine Fähigkeit, die sich antrainieren lässt wie Autofahren, sondern ein menschliches Potenzial, das unter bestimmten atmosphärischen und sozialen Bedingungen andere dazu bringt, neue Formen oder Verfahrensweisen zu entdecken und – genauso wichtig und kreativ – dazu bringt, für die neuen Vorschläge offen zu sein, diese anzunehmen und weiterzuentwickeln. Um ein Gefühl von „Innovation“ zu vermitteln, darf man nicht zu viel verändern. Sonst tritt jäh das Gefühl des undurchschaubaren, verunsichernden Chaos ein. Zu wenig Veränderung bringt’s aber auch nicht, so sehr sich Unternehmen und mittlerweile auch Behörden abstrampeln, Veränderungen in homöopathischen Dosen in der Jahresplanung festzulegen. Die „best-practice“-Fälle von gestern helfen wenig, um die Chancen zukünftiger Erfolgsprojekte abschätzen zu können – alles in allem eine Herausforderung, der man mit gut gemeintem, aber kurzfristigem Aktionismus nicht gerecht wird.

Der Wind aus Brüssel ist also kein Rückenwind, sondern nur der Wirbel, den die politischen Akteure entfachen, um sich selbst in Szene zu setzen. Gesteigerte Konferenzfrequenzen führen dazu, dass das Thema zerredet wird, statt Forschung zu unterstützen, und laut verkündete neue politische Ziele variieren nur die alten Grundsätze, weil keine neuen Erkenntnisse dazugekommen sind. Oder lassen sich die Wirbel trotzdem nutzen, um auf eine offenere, überraschungsbereitere Gesellschaft zuzusteuern? Mit ein wenig Kreativität ist da sicher was zu machen.

Der Autor ist Direktor der 2008 gegründeten Abteilung „Kulturelle Quellen von Neuheit“.

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